Katholische und reformierte Kirche Horw organisieren Mahlzeitendienst – und helfen so gleichzeitig der lokalen Gastronomie

Um der Wirtschaft und dem Gesundheitssystem in Zeiten der Coronapandemie zu helfen, ist Kreativität gefordert. Wie das gehen kann, zeigen die katholische und reformierte Kirche in Horw.

Pascal Studer
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Konfessionsübergreifende Zusammenarbeit: Jonas Oesch, Felmis-Inhaber Patrick Schmidiger und Benedikt Wey (von links).

Konfessionsübergreifende Zusammenarbeit: Jonas Oesch, Felmis-Inhaber Patrick Schmidiger und Benedikt Wey (von links).

Bilder: Patrick Hürlimann, Horw
(24. März 2020)

Benedikt Wey und Jonas Oesch sitzen am Dienstag im Restaurant des Hotels Felmis in Horw. Beide trinken Kaffee, für beide ist der Glaube eine Herzensangelegenheit: Wey ist der Pfarrer der katholischen Kirche Horw, Oesch sein Pendant auf reformierter Seite. Wie Religion gelebt werden sollte, darüber könnten die beiden wahrscheinlich abendfüllende Streitgespräche führen. Doch die Unterschiede zwischen katholischer und reformierter Konfession wischen die beiden angesichts der derzeitigen Coronapandemie rasch beiseite. Sie finden: Jetzt muss der Glaube gelebt werden, egal unter welchem Namen. Oesch sagt stellvertretend:

«Konfessionelle Grenzen dürfen in der aktuellen Lage keine Rolle spielen.»

So kam es, dass die katholische und die reformierte Kirche zusammen mit der Gemeinde Horw und dem Restaurant Felmis einen Mahlzeitendienst organisiert haben. Seit Montag liefern Freiwillige ab etwa 11.30 Uhr die frisch zubereiteten Mittagessen an Horwer Einwohnerinnen und Einwohner, die zur Risikogruppe gehören – also älter als 65 Jahre sind oder mit einer Vorerkrankung wie Diabetes oder Krebs leben. Die Freiwilligen haben sich entweder telefonisch oder per E-Mail an die Organisatoren gewandt. «Dreissig waren es innerhalb der letzten drei Tage», sagt Jonas Oesch. Ein Mittagsmenü gibt's für 10 Franken. Das ist nicht kostendeckend. Den Mehrpreis tragen die katholische Kirchgemeinde und der Pastoralraum Horw.

Die Kirchen haben durch den Mahlzeitendienst einen kreativen Weg gefunden, in der Pandemie gleich zwei gebeutelten Gruppen zu helfen: der lokalen Gastronomie, welche so weniger Verluste verzeichnet, sowie den Risikopersonen, die gerade auf Hilfe angewiesen sind und das Haus nicht verlassen sollten. Elegant ist die Lösung auch in der Hinsicht, dass das Gesundheitssystem so entlastet wird, weil die Ansteckungsgefahr der Risikogruppe minimiert wird. Die geschaffene Nachbarschaftshilfe findet nämlich ausschliesslich unter den Verhaltensregeln des Bundesamts für Gesundheit (BAG) statt. Benedikt Wey sagt:

«Mit jeder Person, die helfen möchte, führen wir ein persönliches Gespräch. Wir setzen dabei voraus, dass die Weisungen des BAG strikt eingehalten werden müssen.»

Oesch geht sogar noch einen Schritt weiter: «Dieser Verhaltenskodex geht über die Vorschriften des Bundes hinaus. Wir haben darin nämlich auch verankert, dass die Helfer an ihrem Freiwilligeneinsatz nicht verdienen dürfen.»

Frisch zubereitete Gerichte

Ebenfalls im Felmis sitzt Patrick Schmidiger. Zusammen mit seinem Bruder ist er Inhaber des Betriebs. «Heute werden 21 Mahlzeiten an 19 Horwer Adressen verteilt. Die Lieferungen dauern etwa eine Stunde», sagt er. Seine Frau und ein Freund der Familie übernehmen die Zustellungen. Unentgeltlich. Bis am Donnerstag wuchs die Zahl der verteilten Mahlzeiten auf 40 an.

Wie so viele Restaurant- und Hotel-Besitzer hat auch Patrick Schmidiger die vergangenen Tage praktisch keinen Umsatz erzielt. «Normalerweise hätten wir jetzt Hochsaison», sagt er. Weil sich das Coronavirus in der Schweiz eingenistet hat, stottert aber auch bei ihm derzeit der Betrieb: Das Hotel ist fast leer, das Restaurant den behördlichen Weisungen entsprechend geschlossen. «Wir haben daher bis auf Weiteres auf Take-away umgestellt», erklärt Schmidiger.

Thermoboxen halten Essen warm

In der Küche des Felmis herrscht derweil bereits Betrieb: Zwei Mitarbeiter des Restaurants wieseln umher, arbeiten emsig. In grossen Pfannen brutzelt es, der Duft des zubereiteten Essens liegt in der Luft. «Heute gibt es Rindsgeschnetzeltes Jägerart mit Maisgaletten sowie Vichy-Karotten. Alles hausgemacht», erklärt ein Mitarbeiter, während er und sein Kollege die Gerichte fein säuberlich in weissen Esskartons anrichten. Später werden diese in grössere Thermoboxen gestellt, ehe sie während der Mittagszeit ausgeliefert werden.

Ein grauer Mercedes-Bus steht vor dem Restaurant. Die orangen Thermoboxen werden hier verladen. Sie sind beheizt, damit die Mahlzeiten warm bleiben. «Die Qualität des Essens bleibt daher für die nächsten zwei Stunden etwa gleich», erklärt Schmidiger. Auch wenn er seinen Betrieb die letzten Tage fundamental umstrukturieren musste, ist offensichtlich: Die Qualität muss auch in Krisenzeiten stimmen.

Der Alltag wird umgekrempelt

Zurück bei den beiden Pfarrern. Benedikt Wey erklärt, wie der Mahlzeitendienst seinen Anfang nahm: «Am vergangenen Donnerstag hatten wir uns wegen der verschärften Massnahmen des Bundesrats im Horwer Kirchenrat getroffen. Im Gespräch kamen wir plötzlich auf die Idee, wie wir gleichzeitig der lokalen Gastronomie und den Personen aus der Risikogruppe helfen können.» Schnell habe das Felmis mit Inhaber Schmidiger Hand geboten, auch die reformierte Kirche mit Oesch war rasch an Bord.

Auch bei der Bevölkerung brachen in den letzten Wochen Säulen des Alltags brachial weg. Der morgendliche Einkauf im Dorfladen, der Mittagsspaziergang der Seniorengruppe oder der abendliche Jass-Tisch im Restaurant: All diese Routinen fallen nun weg. Benedikt Wey sagt: «Ganze Tagesabläufe wurden zerstört.» Oesch nickt und fügt an: «Wir dürfen den psychologischen Effekt nicht unterschätzen. Immerhin stehen wir erst am Anfang der Pandemie.»

So sehen die beiden auch dunkle Wolken aufziehen. Das engere Zusammenleben bereite bereits jetzt einigen Familien Mühe, die mentale Belastung nehme zu. Oesch sagt: «Das Seelsorge-Telefon wird in den nächsten Wochen sehr wichtig. Gewisse Familien sind bereits jetzt am Anschlag.» In Ausnahmefällen könne man sich daher auch direkt mit Kirchenvertretern treffen. «Allerdings nur, wenn ein Arzt dies bestätigt und unter den Vorgaben des BAG», präzisiert Wey. Auf alle Fälle sind die Organisatoren voll des Lobes für die Eigeninitiative der Horwer Bevölkerung:

«Wir sind sehr stolz auf sie.»

Hinweis: Weitere Infos zum Mahlzeitendienst gibt's hier.