Kehrtwende im Fall Hohenrain: Mittäter beschuldigen 33-jährigen Kosovaren als Messerstecher

Bei einer Auseinandersetzung zwischen Brasilianern und Männern aus dem Balkan wurde 2009 eine Person getötet. Als Haupttäter wurde ursprünglich ein Mazedonier verurteilt. Das Luzerner Kantonsgericht korrigierte das Urteil der ersten Instanz.

Roger Rüegger
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Es passierte eingangs Hohenrain: ein damals 24-jähriger Mann erlitt nach einem Streit tödliche Verletzungen.

Es passierte eingangs Hohenrain: ein damals 24-jähriger Mann erlitt nach einem Streit tödliche Verletzungen.

Bild: Roger Zbinden (Hohenrain, 8. August 2009)

Vergangenen Sommer kam es beim Luzerner Kantonsgericht zu einer aufsehenerregenden Kehrtwende: Im bekannten Fall des in Hohenrain durch einen Messerstich getröteten Brasilianers soll ein anderer der drei verurteilten Täter als zunächst angenommen für den tödlichen Stich gesorgt haben.

Zur Erinnerung: Im August 2009 wird in Hohenrain ein 24-jähriger Brasilianer von einer Gruppe Osteuropäer angegriffen. Es kommt zu einer Messerstecherei. Der junge Brasilianer stirbt noch vor Ort. Der Fall beschäftigt die Luzerner Justiz über Jahre (siehe Box).

Brutaler Angriff in der Nacht

Nach einer Veranstaltung in Hochdorf sind an einem frühen Augustmorgen 2009 auf Gemeindegebiet Hohenrain zwei Gruppierungen aufeinander losgegangen. Bei der Auseinandersetzung zwischen vier Brasilianern und drei Männern aus dem Balkan wurde einer der Südamerikaner durch einen Messerstich getötet. Das Trio aus Osteuropa wurde später festgenommen. Sie musten sich schon mehrere male vor dem Gericht verantworten.

Bei der Auseinandersetzung setzten die Osteuropäer nebst Faustschlägen und Fusstritten einen Hammer sowie Pfefferspray ein. Gestützt auf die Beweislage sei eindeutig, dass einer der drei Beschuldigten das Opfer im Verlauf des Angriffs mit einem Messerstich getötet habe. Das Luzerner Kriminalgericht verurteilte im Juni 2017 einen heute 38-jährigen Mazedonier für eventualvorsätzliche Tötung zu einer Freiheitsstrafe von 8 Jahren und 3 Monaten. Die beiden anderen Männer, es handelt sich um Kosovaren von 28 und 33 Jahren, wurden damals zu zwei- beziehungsweise dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. (rgr)

Urteilsbegründung erklärt Neubeurteilung

Gegen das damalige Urteil legten alle drei Berufung ein, was zur Folge hatte, dass es im «Fall Hohenrain» zur Kehrtwende kam: Das Luzerner Kantonsgericht kam zum Schluss, dass nicht der ursprünglich als Haupttäter verurteilte Mazedonier, sondern der ältere von zwei beteiligten Kosovaren dem Opfer den tödlichen Messerstich zugefügt hatte.

Der jüngere Beschuldigte kommt laut Kantonsgericht angesichts der übereinstimmenden Aussagen aller Beteiligten für die Tat nicht in Frage, «da er sich während der Auseinandersetzung auf einen brasilianischen Begleiter des Opfers konzentriert hatte», wie der nun vorliegenden Urteilsbegründung zu entnehmen ist. Fest steht jedoch, dass alle drei Beschuldigten sich aktiv am Angriff auf die vier Brasilianer beteiligt haben.

Das Kantonsgericht verurteilt den 33-Jährigen Kosovaren wegen eventualvorsätzlicher Tötung und Angriffs zu einer Freiheitsstrafe von 7 Jahren und 2 Monaten. Der Schuldspruch des Kriminalgerichts gegen den Mazedonier wegen dieses Vergehens wird aufgehoben. Er und der jüngere Kosovare werden für Angriff zu einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren und 3 Monaten verurteilt. Die Frage, wer dem Opfer den tödlichen Stich versetzt hatte, beschäftigte die Richter seit Jahren. Die Ausgangslage war schwierig. So sagte einer der Brasilianer aus, dass er glaube, am Schluss sei jener mit den langen Haaren (der Mazedonier schnitt einen Tag nach dem Vorfall seine langen Haare ab) am nächsten beim Opfer gestanden. Was darauf hinweisen würde, dass dieser der Täter gewesen sein muss. Das Kantonsgericht misst dieser Aussage – entgegen der Vorinstanz – keine Bedeutung zu. Dies weil der Brasilianer aufgrund des Pfeffersprayeinsatzes der Angreifer damals nicht gut sehen konnte, wie er selber schilderte.

Der einzige, der die Gelegenheit hatte

Beim seither als Haupttäter verurteilten Kosovaren ist als einziger ungeklärt, wo er am Ende der Auseinandersetzung gestanden hatte, so dass er der einzige war, der die Gelegenheit hatte, den tödlichen Messerstich auszuführen. Die beiden anderen Beschuldigten befanden sich einige Meter entfernt beim Brasilianer, dessen Sehvermögen beeinträchtigt war. Der 33-Jährige Kosovare entschied sich laut Kantonsgericht bewusst dafür, am Angriff gegen die Brasilianer teilzunehmen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Es kann mit Beschwerde in Strafsachen beim Bundesgericht angefochten werden.

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Lena Berger