«Kinder haben Sehnsucht nach ihren Freunden» – so erlebt eine Luzernerin die prekäre Situation in Italien

Die gebürtige Luzernerin Carla Schärli lebt in Polcenigo im Friaul, wo das Coronavirus den Alltag schon länger und noch stärker einschränkt als in der Schweiz.

Stefan Dähler
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Soziale Distanz unter den Kleinsten: Der Zaun trennt die Kinder von Carla Schärli (vorne) von jenen der Nachbarn.

Soziale Distanz unter den Kleinsten: Der Zaun trennt die Kinder von Carla Schärli (vorne) von jenen der Nachbarn.

Bild: PD

Während sich die Leute in der Schweiz noch mehr oder weniger frei bewegen können, ist dies in Italien schon seit einigen Tagen nicht mehr der Fall. An ihrem eigenen Leib erfährt das die Luzernerin Carla Schärli, die seit inzwischen 24 Jahren in Norditalien wohnt, wo sich das Corona-Virus besonders stark ausgebreitet hat.

«Wir dürfen unsere Gemeinde nicht verlassen, nur wer auswärts arbeitet oder sich aus gesundheitlichen Gründen zum Beispiel ins Krankenhaus begeben muss», schildert Schärli, die mit ihrer Familie im 3000-Seelen-Dorf Polcenigo im Friaul wohnt, die Situation. Im örtlichen Supermarkt dürften sich nicht mehr als 25 Personen gleichzeitig aufhalten, pro Familie sei nur eine Person zulässig. Schärli:

«Das heisst: Wenn möglich nur zweimal pro Woche einkaufen, denn es kann bis zu einer Stunde Wartezeit geben.»

Beim Einkaufen würden viele Schutzmasken tragen, andere bedeckten sich mit dem Schal. «Viele Leute kennen sich, man spricht miteinander, immer über dasselbe Thema.» Weiter sei eine Bäckerei noch offen, da gehe es etwas schneller. «Was möglich ist, kaufen wir direkt beim Bauern ein.» Viele lokale Betriebe würden einen Hauslieferdienst betreiben. Obwohl es Jugendliche gebe, die freiwillig für ältere Menschen einkaufen, beobachte sie immer noch viele Senioren im Laden. Grundsätzlich seien die Leute relativ entspannt.

Sonst werde die Bevölkerung dazu angehalten, nicht aus dem Haus zu gehen. «Vor ein paar Tagen fuhr der Zivilschutz vorbei, gab Anweisungen per Lautsprecher und verteilte Flugblätter.» Einzelne Spaziergänger seien bislang aber noch unterwegs gewesen, auch ab und zu mal ein Jogger. Pärke und Spielplätze sind geschlossen. Mit dem Hund dürfe man noch raus. Am Freitagmorgen habe sie aber vom Bürgermeister eine Videonachricht erhalten: Outdoor-Sport sei nun nicht mehr erlaubt. Alle, die sich wegen Arbeit oder Einkauf ausser Haus begeben, sollen selbst Fieber messen und bei einer Temperatur über 37 Grad in Selbstquarantäne bleiben. Dasselbe gelte für jene, die husten oder erkältet sind.

Das Glück, auf dem Land zu wohnen

Im Ort sei vor wenigen Tagen der erste Corona-Fall festgestellt worden. «Aus meinem Freundeskreis ist zurzeit zum Glück niemand betroffen», so Schärli. Sie habe Glück, auf dem Land zu leben. Dank schönem Wetter würden die Kinder die meiste Zeit im Garten verbringen. «So ist die Situation recht erträglich, auch für uns Erwachsene.» Wie in der Schweiz müssen ihre beiden Kinder im Fernunterricht Aufgaben erledigen. Sie seien anfangs von den «verlängerten Fasnachtsferien» begeistert gewesen. «Jetzt haben sie manchmal grosse Sehnsucht nach ihren Freunden. Diese kontaktieren wir über Videocalls, auch wenn sie nur ein paar hundert Meter von uns entfernt wohnen. Mit unseren Nachbarn tauschen wir uns über den Gartenzaun aus.»

Ein paar Tage lang könne man das durchstehen. Sie frage sich aber, wie lange das noch weitergehen wird, so Schärli. «Und: Was wird aus meinem Arbeitsplatz?» Eigentlich arbeitet sie Vollzeit in einem Naturpark im Bereich der Umweltvermittlung. «Wir waren von Mitte März bis Mitte Juni bereits an Schulklassen ausgebucht. Die meisten Reservationen werden nun wohl ausfallen. Seit dem 11. März bin ich im Urlaub. Wie lange noch, ist nicht abzusehen.»