Kinder in Dauer-Isolation: Drohen wegen Corona mehr Entwicklungsstörungen?

Kinder mit psychischen und sozialen Problemen können zurzeit nur auf Distanz therapiert werden. Und wegen der Isolation könnten auch bis anhin gesunde Kinder psychisch Schaden nehmen. Entscheidend seien die Dauer der Krise - und die Eltern, sagen Luzerner Experten.

Robert Knobel
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Wie lange die Schulzimmer leer bleiben, weiss zurzeit niemand.

Wie lange die Schulzimmer leer bleiben, weiss zurzeit niemand.

Alessandro Crinari / KEYSTONE/Ti-Press

Die Schule fällt aus. Wie lange, ist ungewiss. Doch mit dem regulären Unterricht verpassen die Kinder nicht nur Schulstoff und vertraute Tagesstrukturen. Die Schule hat auch eine wichtige Rolle beim Früherkennen von psychischen und sozialen Problemen. «Rund 80 Prozent der Fälle werden durch Fachleute gemeldet», sagt Andreas Jud, Dozent an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit.

Wer schlägt also künftig Alarm, wenn sich ein Kind plötzlich in eine besorgniserregende Richtung entwickelt – und weder Lehrpersonen noch Nachbarn dies merken, weil das Kind ja Kontakte meiden muss? Auf solche Fragen müsse man rasch eine Antwort finden, sagt Oliver Bilke, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste der Luzerner Psychiatrie (LUPS). Er sieht dabei die Schule weiterhin in der Pflicht:

«Eine Lehrperson, die ihre Kinder gut kennt, wird auch aus der Distanz in der Lage sein, Probleme zu erkennen.»

Voraussetzung dafür sei, dass sie in regelmässigem Kontakt mit der Klasse bleibe – etwa per Videokonferenzen. Doch selbst wenn eine Lehrerin bei einem Kind ein Problem entdeckt: Was soll sie dann tun? In normalen Zeiten würden die Sozialbehörden erste Abklärungen treffen – inklusive Haus­besuche, die gemäss Andreas Jud ein «zentraler Bestandteil» sind. Wie eine seriöse psychosoziale Abklärung in Corona-Zeiten aussehen könnte, das müssen die Institutionen jetzt auf Hochtouren erarbeiten.

Betroffen vom Shutdown sind auch Kinder, die sich bereits in Therapien befinden. Oliver Bilke sieht darin aber je nach Fall kein grosses Problem:

«Wenn einmal eine Vertrauensbeziehung vorhanden ist, kann eine Therapie für eine Zeit auch über Telefon funktionieren.»

Und bei seelischen Notfällen sei die persönliche Präsenz weiterhin jederzeit gewährleistet. «Unsere Notfall- und Grundversorgung halten wir gerade jetzt aufrecht – unter Einhaltung der Hygieneregeln.»

Eine weitere offene Frage ist, ob auch bisher gesunde Kinder aufgrund der Corona-Krise irgendwann Verhaltensauffälligkeiten und psychische Probleme entwickeln könnten. «Das hängt stark davon ab, wie lange die Krise dauert», sagt Andreas Jud. Seine Sorge gilt dabei nicht nur den Kindern, sondern auch den Eltern:

«Wenn zu einer langen Isolation auch noch wirtschaftliche Existenzängste hinzukommen, können selbst Familien, die normalerweise stabil sind, irgendwann kippen.»

Familien könnten aber auch gestärkt aus der Krise hervorgehen, glaubt Oliver Bilke. «Wir alle befinden uns am Anfang eines Trauerprozesses. Wir müssen Abschied nehmen von vielen Träumen, Wünschen und geplanten Vorhaben.» Dass Kinder in dieser Situation auch einmal traurige Reaktionen zeigen, sei völlig normal. «Wichtig ist, dass sie ihre negativen Gefühle mit Gleichaltrigen, aber auch mit den Eltern teilen», sagt Bilke und fügt hinzu, eine typische Trauerarbeit dauere ungefähr sechs Wochen.

Doch wie soll man Kindern eine solche Katastrophe plausibel erklären, auf die man selber keine Antwort hat? Das hänge vom Alter ab, sagt Bilke. «Ab sechs Jahren sind die Kinder grösstenteils in der Lage, die aktuellen Massnahmen zu verstehen. Ab zehn kann man von ihnen erwarten, dass sie sie auch selber einhalten.» Schwieriger sei es in der Pubertät: «Die Jugendlichen werden in ihrem Freiheitsdrang eingeschränkt. Sie brauchen nun klare Anweisungen. Sie müssen verstehen, dass sie mit ihrem eigenen Verhalten viel zur Verbesserung beitragen können.»

Wenn es doch bloss eine Corona-App gäbe...

Man dürfe auch nicht vergessen, dass wir es mit «Digital Natives» zu tun haben. «Sie sind aufgewachsen in einer Welt, in der es für jedes Problem eine Lösung und auf jede Frage eine Antwort gibt. Doch jetzt kann man nicht einfach eine Corona-App herunterladen, und auch Google hat keine Antworten.» In der Pflicht seien deshalb auch die Hersteller derjenigen Produkte, für die Jugendliche besonders empfänglich sind – etwa Game-Designer. «Sie müssen kindgerechte Antworten finden, um die derzeitigen Ereignisse einzuordnen.»