Interview

Kinderärzte-Präsident: «Ich würde empfehlen, dass nicht mehr als fünf Kinder zusammen spielen»

Das ureigene Bedürfnis der Kinder ist in Zeiten von Corona bedroht. Marc Sidler, Präsident des Verbands der Kinderärzte, sagt, unter welchen Umständen Kinder noch nach draussen gehen können.

Robert Knobel
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Die Schule ist zwar geschlossen. Doch ausserhalb der Schulhäuser herrschte bisher noch reges Treiben: Kinder treffen sich auf Spiel- und Pausenplätzen zum Spielen. Was in normalen Zeiten eine erfreuliche Meldung wäre, gilt in Corona-Zeiten als unerwünschtes Phänomen. Die Stadt Kriens hat nun reagiert: Ab sofort sind alle Pausenplätze und öffentlichen Spielplätze geschlossen.

Das Vögeligärtli in der Stadt Luzern: Wo sich normalerweise viele Kinder tummeln, herrscht zurzeit Leere.

Das Vögeligärtli in der Stadt Luzern: Wo sich normalerweise viele Kinder tummeln, herrscht zurzeit Leere.

Bild: Pius Amrein

Auch wenn wir uns erst am Tag 4 der staatlich verordneten Schulschliessungen befinden, so sind Eltern bereits jetzt zunehmend verzweifelt: Was sollen die Kinder den ganzen Tag anfangen? Wie kann ihr Bewegungsdrang befriedigt werden? Und darf man überhaupt noch Freunde sehen? Fragen, die zurzeit auch Marc Sidler beschäftigen. Der Basler Pädiater ist Präsident von Kinderärzte Schweiz, dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in der Praxis. Sidler führt eine Kinderarzt-Praxis in Binningen (BL).

Der Bund rechtfertigte die Schulschliessungen damit, dass Kinder das Virus meist unbemerkt weiterverbreiten. Doch jetzt sagt das BAG, Kinder seien nicht Treiber der Pandemie. Was stimmt nun?

Marc Sidler: Man weiss darüber noch sehr wenig. Es gibt tatsächlich Hinweise, wonach sich Kinder nicht so leicht infizieren wie Erwachsene. In der Region Basel wurden erst sehr wenige Kinder positiv getestet. Möglicherweise könnte das ein Grund sein, weshalb Kinder nicht die Treiber der Epidemie sind. Von anderen viralen Atemwegsinfekten oder der Grippe wissen wir aber, dass die Kinder «Virenschleudern» sind, sodass ich mir durchaus vorstellen kann, dass auch mit Corona infizierte Kinder dieses weiterverbreiten können. Die Schwierigkeit besteht darin, dass Kinder oft wenig Symptome haben können und deshalb nicht als kranke Kinder erkannt werden.

Viele Eltern sind verunsichert: Dürfen ihre Kinder noch Freunde treffen? Dürfen sie überhaupt noch nach draussen zum Spielen?

Solange es keine Ausgangssperre gibt, können die Kinder nach draussen gehen. Allerdings sollten sie sich nicht in grösseren Gruppen treffen. Ich würde empfehlen, dass nicht mehr als fünf Kinder zusammen spielen. Im Idealfall handelt es sich immer um dieselben – sozusagen um die engsten Freunde. Wenn man die aktuelle Empfehlung des Bundesrates («Bleiben Sie zu Hause») hingegen 1:1 umsetzen will, müsste man auch dies vermeiden.

Ist die Schliessung von Pausen- und Spielplätzen übertrieben?

Nein, denn selbst wenn man selber die Fünf-Personen-Regel einhält, trifft man auf dem Spielplatz vielleicht auf andere Gruppen. Doch genau solche Ansammlungen sollte man vermeiden.

Kinder und Jugendliche befinden sich mitten in ihrer sozialen Entwicklung. Ist diese durch die Corona-Krise in Gefahr?

Es ist wohl noch zu früh, darauf eine Antwort zu haben. Wir befinden uns in einer ausserordentlichen Situation, in der die Gesundheit der Bevölkerung oberste Priorität hat. Es ist ja auch nicht so, dass man alle sozialen Kontakte abbrechen muss. Die jetzige Situation bietet die Chance, den Austausch innerhalb der Familie zu stärken.

Wie soll man Kindern die aktuellen Ereignisse erklären?

Es ist ja für uns alle eine Situation, die wir noch nie erlebt haben. Eltern können deshalb nicht auf ihre eigene Erfahrung zurückgreifen. Die Stadt Wien hat ein sehr gutes Erklär-Video für Kinder erstellt. Dieses finde ich empfehlenswert.

Wie erkennt man eigentlich, wenn ein Kind an Corona erkrankt ist?

Die Symptome sind grundsätzlich ähnlich wie bei Erwachsenen, am häufigsten sind Husten, Fieber und Allgemeinsymptome wie Müdigkeit, Kopfschmerzen und Muskelschmerzen. Seltener sind Schnupfen, Halsschmerzen oder Durchfall beschrieben. Allerdings verläuft die Krankheit bei Kindern öfter milder als bei Erwachsenen oder gar ohne Symptome. Grundsätzlich gilt: Wenn ein Kind Anzeichen einer Atemwegserkrankung hat, sollte es zu Hause bleiben, bis es keine Beschwerden mehr hat.

Darf man zurzeit für Bagatellfälle noch den Kinderarzt aufsuchen?

Auch die Kinderärzte sind zurzeit sehr gefordert. Ich rate deshalb, zuerst anzurufen, bevor man gleich in die Praxis kommt. Ich möchte aber auch betonen, dass wir unseren Grundversorgungsauftrag weiterhin aufrechterhalten müssen. Ernsthafte Probleme und Krankheiten behandeln wir selbstverständlich wie gewohnt. An dieser Stelle ist es mir ein Anliegen, dass jeweils nur eine Begleitperson mit dem kranken Kind die Praxis aufsucht.