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KINDERBETREUUNG: Der Krippen-Boom ist vorbei

Die Kitas wurden jahrelang massiv gefördert. Doch jetzt zeichnet sich eine Übersättigung ab. Emmen will sogar die Anschubfinanzierung für neue Krippen stoppen.
Guy Studer
Waren Krippenplätze früher Mangelware, können Eltern heute oft aussuchen, wohin sie ihre Kinder schicken wollen. Im Bild: die Kindertagesstätte Small Foot in Luzern. (Bild Manuela Jans-Koch)

Waren Krippenplätze früher Mangelware, können Eltern heute oft aussuchen, wohin sie ihre Kinder schicken wollen. Im Bild: die Kindertagesstätte Small Foot in Luzern. (Bild Manuela Jans-Koch)

Guy Studer

Es ist ein Erfolgsmodell. Seit 2009 bietet die Stadt Luzern Betreuungsgutscheine an: Eltern erhalten je nach Einkommen Beiträge an den Krippenplatz ihrer Kinder. Immer mehr Gemeinden führen das Angebot ein. Zudem leistet der Bund seit 2003 Anschubfinanzierungen für die Schaffung von Krippenplätzen. Als Folge davon ist das Angebot an Betreuungsplätzen in den letzten Jahren stark gestiegen, der frühere Mangel an Krippenplätzen ist behoben. Die Stadt Luzern etwa zählte letztes Jahr 31 Kindertagesstätten mit Betreuungsgutscheinen. 2009 waren es noch 23. Stärker hat sich die Anzahl durch Betreuungsgutscheine indirekt subventionierter Krippenplätze vermehrt: von 484 im Jahr 2009 auf 726 im letzten Jahr.

Verdrängungskampf der Krippen

Damit scheint der Gipfel nun aber erreicht. «In gewissen Regionen, insbesondere in urbanen Gebieten, stellen wir eine Sättigung des Marktes fest», sagt Fabian Haindl, Geschäftsführer der Small Foot AG, die insgesamt 12 Krippen betreibt, davon 8 im Kanton Luzern. Er spricht zwar noch nicht von einem Überangebot, «doch es herrscht mittlerweile ein Verdrängungskampf».

Grund dafür seien nicht die Betreuungsgutscheine. Die Anschubfinanzierung durch den Bund aber begünstige die Eröffnung von Krippen: «Viele Kitas kommen dadurch anfangs über die Runden, dann aber wird die Luft dünn», so Haindl. Ein Beispiel: In eine neue Kita werden 100 000 Franken investiert, aus den ersten drei Jahren resultiert zudem ein Defizit von nochmals 100 000 Franken (bis der Betrieb kostendeckend läuft). Der Bund steuert insgesamt rund 70 000 Franken bei, abhängig davon, wie viele Plätze in der Kita besetzt sind (je mehr besetzt sind, desto grösser der Beitrag). Von 200 000 Franken muss der Kita-Inhaber also noch 130 000 Franken aufbringen. «Das zeigt, dass man Liquidität braucht für eine gute Kita. Deshalb verkaufen viele Betriebe ihre Institution bereits in den ersten zwei Jahren» sagt Haindl. Hinzu komme, dass die strengen Auflagen der Behörden für die Krippen einen grossen Zusatzaufwand bedeuten würden. «Gerade kleinere Einzelbetriebe mit wenig Plätzen dürften teilweise Mühe haben.»

Kindergarten als Konkurrenz

Was der Branche besonders zusetzt, ist zudem der zweijährige Kindergarten, der in immer mehr Gemeinden eingeführt wird. «Damit verlieren wir praktisch einen ganzen Jahrgang», sagt Haindl. Das bedeute eine Marktverkleinerung von rund 20 Prozent. Auch würden die Betreuungsplätze in den Schulen, wie Mittagstische, laufend ausgebaut (siehe Kasten). «Hier sind wir gefordert, entsprechende Angebote zu schaffen wie etwa einen Bring-und-Hol-Service oder weitere Dienstleistungen», Haindl.

Monika Hürlimann ist Bereichsleiterin Vorschulalter der Abteilung Kinder, Jugend, Familie bei der Stadt Luzern. Sie bestätigt, dass in der Stadt inzwischen grundsätzlich genug Kitas zur Verfügung stehen: «Für uns ist ein gutes Angebot erreicht, auch wenn in einigen Quartieren noch eine starke Nachfrage nach Plätzen für Säuglinge herrscht.» Auch Hürlimann bestätigt, dass das zunehmend beliebte freiwillige Kindergartenjahr die Krippen stark trifft: «Das hören wir immer wieder von Kitas. Das war schwer absehbar und stellt sie vor neue Herausforderungen, so gibt es teils riesige Fluktuationen, gewisse Betriebe verlieren in einem Jahr bis zu 50 Prozent der Kinder.» Das könne nicht immer kompensiert werden. «Deshalb setzen wir in Zukunft noch mehr auf den Schwerpunkt Qualität vor Quantität», sagt Hürlimann. Es gebe viele junge Kitas, die viel investiert hätten. «Nun müssen wir schauen, dass sie auch fünf Jahre nach der Eröffnung gesund dastehen.» Dazu biete die Stadt Beratungen und Workshops an. Man prüfe auch in einzelnen Quartieren, ob das Angebot wirklich gefragt sei. «Wenn nicht, dann schlagen wir dem Kanton vor, keine Anschubfinanzierung vom Bund mehr zu beantragen.»

Es droht ein Überangebot

Ein drohendes Überangebot an Kindertagesstätten will man in der Stadt damit verhindern. In Kriens und Emmen aber sieht Fabian Haindl bereits erste Anzeichen für eine Übersättigung. «Im Schlund-Gebiet zum Beispiel, wo viel gebaut wird, eröffnen gleich drei Krippen. Auch in Emmen ist die Zahl der Krippen 2015 von vier auf sieben gestiegen. Hinzu kommen zwei nahe Krippen in Nachbargemeinden, die ebenfalls das Gebiet Emmen abdecken. «Das reicht vorläufig, der Bedarf ist gedeckt», sagt Marcus Nauer, Leiter Bereich Gesellschaft der Gemeinde Emmen. «Wir möchten nun erst einmal beobachten.» Deshalb werde die Gemeinde bei Anfragen keinen Bedarf an Anschubfinanzierung mehr rückmelden. «Man kann natürlich trotzdem eine Krippe eröffnen, doch sie wird kaum vom Bund finanziell unterstützt.» Neun Krippen für Emmen – das klingt eigentlich nicht nach viel. «Das stimmt», sagt Nauer, «doch wir haben auch einen starken Verein zur Vermittlung von Tageseltern, der in Emmen viel Zulauf verzeichnet.»

Bund zahlt nur noch bis 2019

Die Bundessubventionen werden nur noch bis 2019 ausgerichtet. «Danach erwarte ich eine deutliche Bereinigung und Konsolidierung am Markt», sagt Fabian Haindl. Das müsse nicht heissen, dass reihenweise Krippen schliessen würden, «doch es könnte etwa bedeuten, das kleinere Betriebe teils von grösseren übernommen werden, um weiter bestehen zu können». Auch Monika Hürlimann von der Stadt bestätigt: «Für kleinere Betriebe sehe ich künftig eine grosse Herausforderung, weil sie nicht von einer grösseren Struktur profitieren können.» Ob diese aber reihenweise schliessen werden, sei nicht absehbar. «Gerade in Luzern gibt es kleine Kitas, die sehr gut funktionieren und von Eltern geschätzt werden.» Wie sich die Situation entwickle, werde sich weisen. «Da spielen viele Faktoren mit, und nicht zuletzt sind es die Eltern, die den Markt bestimmen.»

Schulen bauen Betreuung aus

Während Krippenplätze nicht zu knapp sind, mangelt es vielerorts noch immer an Plätzen bei der ausserschulischen Betreuung. So müssen Schulen im Kanton Luzern per Gesetz seit 2009 Tagesstrukturen mit Betreuungselementen anbieten. Dazu zählen etwa der Mittagstisch oder auch die Betreuung nach Schulschluss. Das Angebot ist kostenpflichtig, kostet Eltern aber in der Regel weniger als vergleichbare private Angebote.

Komfortable Situation in der Stadt

In der Stadt Luzern haben für kommendes Schuljahr fast alle Schüler einen Hortplatz erhalten, die einen brauchen. Gemäss Vreni Völkle, Rektorin der Volksschulen, konnten 1340 von 1400 Gesuchen berücksichtigt werden. «Damit sind wir zufrieden», sagt Völkle. Man sei auch weiterhin auf gutem Weg: So wurde auf das kommende Schuljahr im Würzenbach ein neues Angebot geschaffen und in Ruopigen das Angebot ausgebaut. «Damit wird die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage immer kleiner.» Insgesamt zählt die Stadt 2016/17 rund 4500 Kindergärtler und Primarschüler.

2018 profitieren auch Sekschüler

Per 2018 wurde zudem vom Grossen Stadtrat ein weiterer Ausbau gutgeheissen. Dabei geht es vor allem darum, die Betreuungsangebote auf die Sekundarstufe auszudehnen.

Von solchen Verhältnissen kann die Stadt Zug nur träumen. Dort fehlen derzeit 491 Betreuungsplätze für Schüler, was bei den Eltern entsprechend für Ärger sorgt. In einem Quartier haben sie deshalb Unterschriften gesammelt und die Stadt aufgefordert, mehr Mittel zur Verfügung zu stellen.

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