KINDERBETREUUNG: Praktikanten halten Kitas über Wasser

In den städtischen Kinderkrippen hat die Zahl der Lehrlinge und Praktikanten stark zugenommen. Ohne diese günstigen Mitarbeiter hätten viele Kitas keine Chance zu überleben.

Raphael Gutzwiller
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Kinderkrippen müssen trotz Subventionen knapp kalkulieren. Deshalb sind sie auf günstiges Personal angewiesen. (Bild: Maria Schmid)

Kinderkrippen müssen trotz Subventionen knapp kalkulieren. Deshalb sind sie auf günstiges Personal angewiesen. (Bild: Maria Schmid)

Raphael Gutzwiller

Eine Lehre als Fachperson Betreuung Kind (Fabe) ist im Trend. So taucht er in der Liste der meistgewählten Berufsausbildungen von Frauen in der Schweiz in den Top 5 auf. Tendenz steigend. Auch in der Stadt Luzern: Waren es 2009 noch 32 Lehrlinge, waren es 2013 schon 75. Im selben Zeitraum ist die Anzahl der Praktikanten von 49 auf 60 gestiegen.

Grund für die Zunahme: Die Stadt finanziert seit einigen Jahren familien­ergänzende Betreuung von Kindern im Vorschulalter in Kindertagesstätten (Kitas) mit. Die Eltern profitieren davon, dass sie von der Stadt Kosten zurückerstattet bekommen, wenn beide Elternteile zusammen 120 Prozent oder mehr arbeiten. Dadurch stieg die Nachfrage für Kitas, so braucht es in der Folge auch immer mehr Personal.

Pro Lehrstelle erhalten Luzerner Kitas im Schnitt rund 70 Bewerbungen. Das schreibt der Stadtrat in einer Antwort auf einen Vorstoss von Simon Roth (SP). Die Löhne für Praktikanten betragen gemäss Stadtrat zwischen 600 und 1000 Franken pro Monat. Gleichzeitig erhalten Lehrlinge 750 im ersten und 1270 Franken im dritten Lehrjahr. «Von den Kosten kann davon ausgegangen werden, dass Lernende und Praktikanten etwa gleich teuer sind, aber Praktikanten im Betrieb präsenter sind, da sie wenige bis keine Schultage besuchen», so der Stadtrat.

Zu wenig ausgebildetes Personal?

Für Simon Roth ist das Verhältnis zwischen Ausgebildeten und Lernenden in den Kitas ein Problem. «Durch die hohe Anzahl von Praktikanten kommt es zu einem Missverhältnis», so Roth. So bestünde ungefähr die Hälfte der Angestellten in Kindertagesstätten aus Lehrlingen und Praktikanten. «Sie werden dadurch zu günstigen Arbeitskräften. Ich kenne keine andere Branche, in der das Missverhältnis so gross ist.» Durch die hohe Anzahl von Lehrlingen und Praktikanten sei eine gute Ausbildung der Jugendlichen auch nicht mehr gewährleistet, da die Ausbildner zu wenig Zeit für sie hätten. «So wird es zu einer Ausnützung der Jugendlichen», sagt Roth.

«Wir könnten einpacken»

Ariane Bremgartner von der Kita Chenderland sagt: «Ohne Lehrlinge und Praktikanten könnten wir einpacken.» Eine Kita nur mit ausgebildetem Personal wäre nicht finanzierbar. «Die Lohnkosten würden den Rahmen sprengen», sagt Bremgartner. Zudem erhält eine Kindertagesstätte pro Lehrling jährlich 10 000 Franken Unterstützung von der Stadt Luzern. «Was die Kindertagesstätten machen, ist eine staatliche Aufgabe, weshalb sie auch unterstützt werden», sagt Simon Roth. Wenn die Kitas aus finanziellen Gründen nicht genügend ausgebildetes Personal anstellen können, müssten sie eben stärker unterstützt werden. Genau dies fordert auch Angela Weingartner, Leiterin der Kita Chenderloki. «Dafür, dass wir privat sind, stellt die Stadt hohe Anforderungen an uns und überprüft diese auch. Auf der Gegenseite erhalten wir nur wenig Unterstützung», sagt sie.

Viele Jugendliche sind zu wenig reif

Die Lehre dauert drei Jahre, viele Lehrlinge müssen davor aber ein ein- bis zweijähriges Praktikum durchlaufen, um eine Lehrstelle zu erhalten. Grund für solche Praktika sei unter anderem die Reife der Jugendlichen, sagt Ariane Bremgartner. «Viele Jugendliche sind nach der Schule noch nicht so weit, um gleich die Lehre in diesem verantwortungsvollen Beruf zu starten. Daher brauchen sie das Jahr Praktikum auch, um selbst zu reifen.» Aus ihrer Sicht sollte das Praktikum aber gleich in die Lehre eingebaut werden und die Lehre auf eine vierjährige ausgebaut werden. «Eine dreijährige Lehre ist zu kurz», so Bremgartner. «Viele haben ein falsches Bild vom Beruf: Es geht nicht darum, nur ein bisschen mit den Kindern zu spielen.»

«Ausbildung künstlich verlängert»

Simon Roth sind die Praktika ein Dorn im Auge. «Dadurch wird die Ausbildung künstlich verlängert. Eigentlich sollte eine Lehre dazu da sein, Berufserfahrung zu sammeln. Hier scheint es aber so zu sein, dass man zuerst praktische Erfahrungen sammeln muss, um die Lehre überhaupt starten zu können.» Dies sei aus seiner Sicht widersprüchlich. «Es heisst, die Jugendlichen seien noch nicht reif genug, um eine Lehre zu starten. Sie sollten es aber sein, um Kinder zu betreuen», so Roth. In der Antwort auf Roths Interpellation schreibt der Stadtrat weiter, dass in allen Kitas der Stadt Praktika angeboten würden. Diese machten auch Sinn, sofern danach eine Anschlusslösung gefunden werden könne. Das ist allerdings häufig gar nicht möglich, da es trotz der starken Zunahme an Lehrstellen noch längst nicht für alle Praktikanten eine Lehrstelle gibt. So wurden im Schuljahr 2013/14 total 28 Lehrstellen angeboten. Zur gleichen Zeit waren 60 Praktikanten angestellt. «Falls alle Praktikanten eine Berufslehre machen möchten, würde rund die Hälfte nach Ablauf des Praktikums ohne Lehrstelle dastehen», sagt Simon Roth.