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«Kindern die Musik zu erklären,
ist verlorene Zeit»

Konzerte für Kinder soll eines der Standbeine von Lucerne Festival sein.
Noch kann das Festival diesen Anspruch nicht ganz einlösen.
Roman Kühne
Familienkonzert des Lucerne Festival mit dem Sonus Brass Ensemble. Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 14. September 2019)

Familienkonzert des Lucerne Festival mit dem Sonus Brass Ensemble.
Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 14. September 2019)

So muss ein Konzert für Kinder sein. Immer länger wird die Blechschlange, welche die sechs Arbeiter aus einem Haufen Schrott zusammensetzten. Erste Töne erklingen, Teile werden ausgewechselt, Gemeinheiten ausgeteilt. Stolz halten sie die gefundenen Mundstücke in die Luft. «Meines ist grösser als deines». Es geht zu wie im Sandkasten. Die Kinder sind begeistert. Es wird gekichert und gelacht. Glänzende Augen verfolgen das Geschehen.

Der Abschluss des Lucerne Festivals bringt mit «Die Blecharbeiter» noch einmal eine hochkarätige Kinderaufführung in den Luzerner Saal. Das Sonus Brass Ensemble trifft den Kinderwitz und schafft mit gutem Timing die Balance zwischen Konzert und Unterhaltungsklamauk. Wenn sich die beiden Trompeter anpöbeln, geht dies schnell in einen veritablen Bläser-Wettkampf über. Der Tubist spielt seine Solonummer ausgerechnet über den Figaro aus der Oper «Il Barbiere di Siviglia von Gioachino Rossini.

Brückenschlag zwischen Jugend und Konzertsälen

Für Stefan Dünser, Trompeter der Formation, ist klar: «Die Kinder sind nicht das Publikum von morgen. Sie sind die Zuhörer von heute!» Ihm ist deshalb auch das Wort «Musikvermittlung» ein Gräuel. «Kindern und Jugendlichen die Musik zu erklären, ist verlorene Zeit. Man muss sie ihnen vorspielen und vorleben. Was wir machen ist «Verführungsklassik», eine Art Brückenschlag zwischen der Welt der Jugendlichen und den grossen Konzertsälen.» So erklingen im Programm von Sonus Brass auch ein New Orleans Begräbnis March oder ein Rap zum Mitsingen. Die Kinder werden ständig mit einbezogen. Sei es auf der Bühne beim Anheben der schweren Tuba oder mit Sing- und Klatschrhythmen.

Intendant Michael Haefliger hat einst angekündigt, dass sich Lucerne Festival stärker auf die drei Standbeine Eigenproduktionen, Moderne und Konzerte für Kinder stützen möchte. Aber nicht alle Konzerte für Kinder und Familien hatten an diesem Sommerfestival die gleiche Qualität. Für meine 9-jährige Tochter, inzwischen Expertin für Kinderaufführungen, ist der Fall klar. Zuoberst thronen «Die Blecharbeiter». Danach folgen die Produktion Pizz ’n’ Zip (Luzerner Zeitung vom 30. August) und «Kromoritmos» des Schlagensembles Quatuor Beat vom vorletzten Sonntag. An Drums und Marimbaphon zündeten diese ein Feuerwerk aus Musik und Takt.

Auch hier gilt: Die Kinder sind vor allem dann dabei, wenn es witzig wird und sie mitmachen dürfen. In der 15-minütigen «West Side Story» von Leonard Bernstein breitet sich schnell Unruhe aus, während das imaginäre «Trommelinsekt» ihre Aufmerksamkeit fesselt.

Problem Auslastung

Am «Schluss» der Rangliste liegt die Eigenproduktion des Festivals «Die Geschichte vom Soldaten» (Strawinsky), wo die Handlung zu sehr im Abstrakten blieb. Christiane Weber, die seit diesem Jahr das «Kinderprogramm» koordiniert, sieht es ähnlich: «Die ‹Geschichte› war eine Herausforderung , selbst für die Musiker und die Regie, die alle Erfahrung mit Kinderaufführungen haben. Bei Pizz ’n’ Zip haben wir vor der Premiere zwei Vorstellungen mit über 70 Schülern und konnten so sehen, ob es funktioniert.» Aber was macht denn überhaupt eine gute Kinderaufführung aus? Christiane Weber erklärt: «Es braucht eine gute Balance zwischen Witz und dem, was das Lucerne Festival macht. Es reicht nicht, ein paar Clowns auf die Bühne zu stellen. Im besten Fall werden die Kinder abgeholt, in die Musik eingeführt und während des Konzerts begleitet. Wenn die Kinder ruhig sind oder mitmachen, ist es ein Zeichen, dass es ihnen gefällt.»

Ein Problem bleibt die teils schlechte Auslastung dieser Konzerte. Während die Oper Zürich mit «Hänsel und Gretel» oder das Luzerner mit der «Zauberflöte» volle Häuser hatten, sind die Ränge bei den «Blecharbeitern» halb gefüllt und das Konzert der Festival Strings oder «Die Geschichte des Soldaten» am Erlebnistag noch schlechter besucht. «Opern und Theateraufführungen haben es hier wegen ihrer Bildlichkeit sicher einfacher», ist Christiane Weber überzeugt.

«Eine Schwierigkeit ist auch, dass Jugendliche ab etwa 10 Jahren ganz anders angesprochen werden müssen als Kinder,» sagt Weber: «Es gibt Jugendliche, die wollen an ein richtiges Konzert. Da bieten wir als Einstieg kürzere Konzerte am Erlebnistag. Bis jetzt fehlt aber etwas die Resonanz.»

Bereich soll gestärkt werden

Aber wie ernst ist Lucerne Festival überhaupt die Stärkung dieses Standbeins? Bis letztes Jahr hatte der «Young»-Bereich einen eigenen Leiter. Die neue Leiterin dagegen ist zeitgleich auch für das Management des Lucerne Festival Orchestra zuständig. «Wir haben schon früher als Team gearbeitet», erklärt Christiane Weber. «Wir wollen klar diesen Bereich des Festivals weiter stärken. Zwei eigene Produktionen in drei Wochen ist ja nicht schlecht.»

Für die Öffentlichkeit ist auch nur ein Teil des Programms sichtbar. So hat Lucerne Festival in diesem Sommer vier Schulbesuche durchgeführt. In der Hubelmatt spielte die Perkussionistin Marianna Bednarska, Preisträgerin des Prix Credit Suisse für junge Solisten, zusammen mit einer Gruppe aus Simbabwe. Oder es gab die Möglichkeit, nach einer Einführung im KKL das Konzert der Sinfonieorchester aus London oder Israel zu be­suchen. Es läuft also einiges. Bleibt nur noch, das Publikum noch vermehrt vom Angebot zu überzeugen und dieses bekannter zu machen.

Hinweis Tipp: Sonus Brass Ensemble: «Insieme» (Extraplatte).

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