Kinderparlament
Kinder sollen Velo nutzen: Luzerner Stadtrat lehnt vergünstigte ÖV-Abos ab

Zu teuer und nicht nachhaltig seien vergünstigte Bustickets für Kinder, findet der Stadtrat. Sie sollen wenn möglich das Velo nutzen. Das sei zu gefährlich, sagen die Kinder. Sie fühlen sich missverstanden.

Beatrice Vogel
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Fussball spielen möchte die 8-jährige Tochter in einem Verein, der auf der Luzerner Allmend trainiert. Doch wie kommt das Mädchen dorthin? Die Familie wohnt an der Zürichstrasse. Dass die Tochter sich mit dem Velo dem gefährlichen Verkehr auf der Seebrücke aussetzt, kommt für die Eltern nicht in Frage. Ein Bus-Jahresabo für 610 Franken pro Kind ist den Eltern aber zu teuer – weil auch die beiden anderen Kinder einer Freizeitaktivität unter ähnlichen Voraussetzungen nachgehen. Also steigt man mehrmals pro Woche ins Auto, um die Kinder ins Training oder zur Probe zu fahren.

Das Beispiel ist fiktiv, aber es zeigt eine Problematik auf, mit der viele Familien konfrontiert sind. Deshalb hat das Kinderparlament der Stadt Luzern einen Antrag an den Stadtrat gestellt: Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 18 Jahren sollen ein kostenloses oder stark vergünstigtes ÖV-Abo für die städtische Tarifzone 10 beziehen können. Sie könnten dadurch eigenständig ihren Freizeitaktivitäten nachgehen und man könnte auf «Elterntaxis» verzichten, was die Umwelt schonen würde.

Kinder bei der Bushaltestelle Eichhof.

Kinder bei der Bushaltestelle Eichhof.

Bild: Manuela Jans-Koch (Luzern, 18. März 2021)

Der Stadtrat lehnt den Antrag ab und begründet dies mit zwei Hauptargumenten: Es sei zu teuer und ein falscher Anreiz, auch aus ökologischer Sicht. Mobilität sei ein gewichtiger Faktor der Klimabelastung, schreibt er in seiner Antwort. Eine Gratisnutzung des ÖV würde zu einer gehäuften Nutzung führen. «Aus ökologischer Sicht sollen kurze Wege jedoch möglichst zu Fuss oder fallweise mit dem Velo zurückgelegt werden.»

Kinder sollen bewussten Umgang mit Mobilität lernen

«Uns ist klar, dass es für ein Kind schwierig ist, einen längeren Weg über stark befahrene Strassen mit dem Velo zurückzulegen», sagt Umwelt- und Mobilitätsdirektor Adrian Borgula (Grüne). «Deshalb sind wir laufend daran, die Verkehrssicherheit zu verbessern.» Auch wolle man weder Kinder noch Erwachsene von der ÖV-Nutzung abhalten, und «Elterntaxis» seien auf jeden Fall zu vermeiden.

«Es ist uns aber wichtig, dass man sich für jede zurückzulegende Strecke überlegt, welches Verkehrsmittel geeignet ist.»

Allen ein ÖV-Abo abzugeben, schaffe diesbezüglich einen falschen Anreiz. «Auch Kinder sollen einen bewussten Umgang mit Mobilität lernen, was nicht unbedingt der Fall ist, wenn sie ein Gratis-Busabo haben», so Borgula. Vor allem aber dürfe der Preis nicht entscheidend sein, wenn es um die Wahl des Verkehrsmittel gehe.

Trotzdem hat der Stadtrat beim Tarifverbund «Passepartout» abklären lassen, wie eine Abovergünstigung aussehen könnte. Dieser schlug die Abgabe von Gutscheinen vor. Die Stadt müsste die Kosten für die eingelösten Gutscheine ausgleichen, der Tarifverbund würde dafür 5 Prozent Rabatt gewähren. Ein Gratisabo für jedes der 6100 Kinder und Jugendlichen in der Stadt Luzern würde die Stadt demnach rund 3,75 Millionen Franken pro Jahr kosten. Zudem würden bei der Abgabe von Gutscheinen «erhebliche» Kosten für die Administration entstehen, so der Stadtrat weiter. Borgula:

«Aus Sicht des Stadtrats sind diese Kosten zu hoch.»

Eine Abgabe von Gutscheinen nur an finanziell bedürftige Familien – eine im Antrag nicht konkret gestellt Forderung – schliesst der Stadtrat ebenfalls aus. Sie würden über sozialpolitische Massnahmen, etwa durch die Steuer- und Sozialpolitik und gezielte Massnahmen bei der Kinderbetreuung, entlastet. Zudem finanziere die Stadt bereits heute die Abokosten für jene Kinder, die einen anders nicht zumutbaren Schulweg haben.

Kinder fühlen sich missverstanden

Die Stadtratsantwort kommt bei den Kindern schlecht an. Laut Samia Baghdadi, Leiterin des Kinder- und Jugendparlaments, fühlen diese sich missverstanden. «Sie empfinden die Argumentation als widersprüchlich.» Zum einen sei es nicht zwingend darum gegangen, für alle ein Gratisabo zu ermöglichen. «Aber schon 50 Prozent Rabatt wären super – zumal dies ja auch Stadtangestellten ermöglicht wird.» Ein Jahresabo sei teuer, vor allem wenn in einer Familie mehrere Kinder eins benötigen. «Da liegt es nah, stattdessen einfach das Auto zu nutzen», so Baghdadi.

Zudem seien die Kinder überzeugt, dass nur ein Teil von ihnen das Angebot nutzen würde, weil auch nicht jedes Kind einer Freizeitaktivität nachgehe, für die es weitere Strecken zurücklegen muss.

«Dass von ihnen verlangt wird, das Velo zu benützen in einer aus Kindersicht so velounfreundlichen Stadt, können die Kinder ebenfalls nicht nachvollziehen.»

Die Kinder hätten sich vom Stadtrat eine Lösungssuche gewünscht, sagt Baghdadi.

Rückendeckung erhalten die Kinder von den Jungen Grünen. Sie seien enttäuscht über die «konservative und paternalistische» Haltung des Stadtrats, teilen sie mit. Der Antrag des Kinderparlaments berge zahlreiche Vorteile: Elterntaxis würde entgegengewirkt, die Selbständigkeit der Kinder gefördert, der ÖV attraktiver gemacht: «Wer das ÖV-Netz der Stadt Luzern zu schätzen lernt, wird in Zukunft weniger auf ein Auto umsteigen.» Die Jungen Grünen werden sich für die vollständige Überweisung des Antrages im Stadtparlament einsetzen.