KINO: Dok-Film: Integration durch klassische Musik im BaBeL-Quartier

Das BaBeL-Strings Orchester Luzern ist ein Integrationsprojekt, das Kinder aus Migrationsfamilien mit klassischer Musik vertraut macht. Eine Luzernerin hat über «Die Kinder von Babel» einen Dok-Film gedreht.

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Taymaz bei der Probe für das grosse Konzert. (Bild: PD)

Taymaz bei der Probe für das grosse Konzert. (Bild: PD)

Ein blondes Mädchen trägt Notenständer und Geigenkasten zu Marc-Antoine Charpentiers Präludium von «Te Deum» durchs Schulhaus. Drei Kinder sitzen vor ihren Cellos und singen inbrünstig die «Ode an die Freude» aus der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Es sind Melodien, die in der westlichen Welt jeder kennt. Sie gehören zu unserer kulturellen Identität.

Musik hat etwas Gemeinschaftsstiftendes und die Kraft, Grenzen zu überwinden – kulturelle und soziale. In Anlehnung an das Projekt «El Sistema» für sozial benachteiligte Kinder in Venezuela mit Gustavo Dudamel als bekanntestem Exponenten haben Nicole Bucher und Graziella Carlen 2011 die BaBeL-Strings ins Leben gerufen. An der Basel-/Bernstrasse wohnen viele Migrantenfamilien. Kinder und Jugendliche aus Luzerns multikulturellstem Quartier sollen an die klassische Musik herangeführt werden.

Dreimal in der Woche treffen sich Kinder aus verschiedenen Nationen zum gemeinsamen Spiel. Die Regisseurin Lena Mäder hat das Projekt über ein Jahr lang begleitet. Mit «Die Kinder von Babel» schloss die Luzernerin letztes Jahr ihr Filmstudium an der Zürcher Hochschule der Künste ab.

Der 50-minütige Dokumentarfilm hat einen klaren, chronologischen Aufbau: Die BaBeL-Strings proben für ihren bisher grössten Auftritt. In der Tonhalle Zürich werden sie zusammen mit den Superar Orchestern aus Zürich, Genf und Wien spielen, welche ebenfalls den «El Sistema»-Geist haben. Das gemeinsame Konzert ist Höhe- und Schlusspunkt des Films.

Auf die andere Seite der Reuss

Nun sitzen sie aber erst da mit ihren Instrumenten – durch Spendengelder erworbene Violinen, Celli und Kontrabässe –, üben, hadern und wursteln sich durch. Mäder rückt sechs Protagonisten in den Mittelpunkt: Taymaz (Iran), Sofiia (Russland), Apsarah und Loghithan (Sri Lanka), Omar (Ägypten/Schweiz) und Gabriele (Italien). Nach den Proben im Luzerner St.-Karli-Schulhaus gehen die Kinder nach Hause, auf die andere Seite der Reuss oder, Taymaz, in die Notunterkunft für Sans Papiers im Ibach. Mäder spricht in diesem Zusammenhang von einer «doppelten kulturellen Differenz». Einerseits sei da diejenige zwischen dem Zuhause der Kinder und der Schweizer Umgebung, andererseits die Unterschiede in der Gruppe.

Bei den BaBeL-Strings darf prinzipiell jeder mitmachen, meist bemühen sich die Lehrpersonen um einen Platz. Fürs Konzert in der Tonhalle aber müssen die Teilnehmer im Übungslager in Flühli einen Test bestehen.

Aus dem unterschiedlichen kulturellen Hintergrund und den verschiedenen Charakteren der Kinder resultieren lustige und berührende Momente. Der empathische Omar ergreift Partei für Gabriele: «Er hat es echt nicht gern, wenn man ihn auslacht.» Taymaz versucht, der schüchternen Sofiia ein Wort zu entlocken. Während er vor dem Auftritt mit Lampenfieber zu kämpfen hat – «ich bin am Sonntag krank» –, schüttelt Sofiia auf seine Frage, ob sie Angst habe, den Kopf.

Mäder verrät wenig über die Schicksale der Kinder. Sie spiegeln sich aber in ihren Gesichtern, an die die Kamera nah herangeht, in ihren Worten und Taten. Die Szenen sind gut ausgewählt und zu einem stimmungsvollen Ganzen zusammengefügt.

«Wie die Luft zum Atmen»

Mit der Wirkung von Musik auf Kinder und Jugendliche aus meist schwierigen Verhältnissen haben sich auch der deutsche Dokumentarfilm «Rhythm Is It!» (2004) oder jüngst der brasilianische Spielfilm «The Violin Teacher» (2015) befasst. Der Dirigent Sir Simon Rattle, in «Rhythm Is It» mit von der Partie, formuliert es so: «Musik ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Die Leute brauchen sie wie die Luft zum Atmen, das Wasser zum Trinken.»

Am Tag des Konzerts lauscht denn auch der sonst ruhelose Taymaz andächtig der Musik. Die «Ode an die Freude» entfaltet ihre Wirkung. «Mein grösster Wunsch wäre, dass der Zuschauer am Ende des Films merkt, was für eine Bereicherung diese Kinder für unsere Gesellschaft sind», sagt Mäder.

Diejenigen, die es noch nicht wussten, wissen es jetzt.

 

Regina Grüter

regina.grueter@luzernerzeitung.ch

Hinweis

«Die Kinder von Babel» im Stattkino, Luzern: 6. und 13. Mai, 16.00; beide Vorstellungen mit Diskussion mit Regisseurin und den Kindern. Am 3. Juni Auftritt und Workshop der Babel Strings in der Box des Luzerner Theaters um 14.00, um 16.30 Film im Stattkino. Am TV: 18. Mai, 0.15 Uhr, SRF 1 im Rahmen von «CH: Filmszene».