KIRCHE: Austritte – ein riskantes Geschäft

Ein Luzerner und ein Zuger helfen Bürgern gegen Bezahlung, aus der Kirche auszutreten. Die Dienstleistung ist derart umstritten, dass einer massiv bedroht wurde.

Christian Hodel
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Das Bocholter Kreuz auf dem Walchwiler Berg hat Pfarrer Egon Schmitt als Zeichen seiner Dankbarkeit für die Walchwiler Gastfreundschaft aufstellen lassen. (Bild Andreas Faessler)

Das Bocholter Kreuz auf dem Walchwiler Berg hat Pfarrer Egon Schmitt als Zeichen seiner Dankbarkeit für die Walchwiler Gastfreundschaft aufstellen lassen. (Bild Andreas Faessler)

Ihm sei abgeraten worden, die Dienstleistung «Kirchenaustritt» in der Öffentlichkeit weiterhin zu repräsentieren, sagt der Betreiber der Internetseite www.kirchen-austritt.ch. «Sobald ich öffentlich Stellung nehme, wird mir von Seite der Kirche vorgeworfen, dass ich Menschen aktiv aus der Kirche führen will, was nicht mein Ziel ist.»

39 Franken für kostenlose Leistung

Was der Mann, Anfang dreissig, aus dem Kanton Luzern auf seiner Internetseite anbietet, ist eigentlich eine gewöhnliche Dienstleistung. Er übernimmt gegen Bezahlung alle administrativen Aufgaben für Personen, die aus der Kirche austreten wollen – für 39 Franken. Wegen dieser Gebühren wird der Geschäftsmann kritisiert. Er verlange Geld für eine Dienstleistung, die gar nichts kostet, heisst es. Der Betreiber sieht dies anders: «Vielen Personen fehlt die Zeit, das Wissen oder die Lust, den Kirchenaustritt selber auszuführen.» Dies sei ähnlich wie bei Personen, die eine Reinigungskraft engagieren, weil sie keine Lust oder Zeit haben, um selber zu putzen. Der Betrag von 39 Franken sei gerechtfertigt, wenn man bedenke, dass eine Einzelperson mit durchschnittlichem Einkommen bis zur Pensionierung rund 25 000 bis 30 000 Franken Kirchensteuer bezahle.

500 Jahre Fegefeuer

Ob Abzocker oder nicht, klar ist: Sein umstrittenes Geschäft mit den Kirchenaustritten lässt man den Luzerner spüren. Nachdem verschiedene Medien über ihn berichtet haben, als er vor einigen Jahren mit seiner Website online ging, «habe ich mich mit schwerwiegenden Drohungen konfrontiert gesehen», sagt er nun gegenüber unserer Zeitung. Anrufe von Pfarreiangehörigen und Geistlichen habe er bekommen und anonyme Mails. Einmal wurde ihm mit 500 Jahren Fegefeuer gedroht, mal richteten sich die Worte gegen Leib und Leben: «Menschen wie Sie sollte man erschiessen», sei darin gestanden, sagt der Unternehmer. «Ich habe mich bei der Polizei gemeldet, aber die wirklichen Drohungen gingen anonym ein.» Auf eine Strafanzeige habe er verzichtet und sich entschlossen, «nicht mehr allzu stark» öffentlich in Erscheinung zu treten. «Dafür, dass die Website mein Hobby ist, sind mir die Anfeindungen von Gläubigen und kirchennahen Personen zu heftig.» Viel Geld verdient habe er damit nämlich nie. Zu Beginn habe er zwar pro Monat eine zweistellige Zahl an Kunden gehabt, heute seien es noch zwei bis drei.

Zur selben Zeit wie der Luzerner hat auch Stefan Job aus Zug seine Internetseite «www.austreten.ch» online geschaltet. Mit den Vorwürfen der Abzockerei ist auch er konfrontiert – 49 Franken kostet das Erledigen des Kirchenaustritts bei ihm. Drohungen habe er nie erlebt, teilt Job mit. Reibereien könne es aber geben. Für Job ist klar: «Der Kirchenaustritt sollte so transparent, einfach und einheitlich organisiert sein wie manch anderer Behördengang», sagt er. In Deutschland etwa kann man laut Job am Schalter des Amtsgerichts oder des Standesamts den Kirchenaustritt vornehmen, bei Kosten von 10 bis 50 Euro je nach Ortschaft.

«Wer bezahlt, ist selber schuld»

Ist der Austritt tatsächlich so kompliziert? Nein, heisst es von der römisch-katholischen Kirche. «Es genügt, dem zuständigen Kirchenrat am gesetzlich geregelten Wohnsitz schriftlich zu erklären, dass er oder sie der römisch-katholischen Konfession nicht mehr angehören will», sagt Edi Wigger, Synodalverwalter der römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern. In der Regel erhalten Austretende einen Brief, in dem ein Gespräch angeboten wird. Ebenso werde die Möglichkeit zum Wiedereintritt erwähnt. Eine Aufgabe der Kirche sei es, auf die vielen Leistungen, etwa in der Jugendarbeit oder der Unterstützung von sozial schwächeren Menschen hinzuweisen, so Wigger. «Diese und viele weitere Aufgaben werden mit den Kirchensteuern finanziert.» Zu den Geschäften des Luzerners und Zugers sagt er: «Mit Kirchenaustritten lässt sich offenbar Geld verdienen. Wer für eine solche ‹Dienstleistung› bezahlt, ist selber schuld.»

Christian Hodel