KIRCHE: Extravaganter Papst-Botschafter besucht Luzern

Nuntius Thomas Gullickson predigt am Sonntag in der Jesuitenkirche. Vor einem Jahr löste er mit erzkonservativen Kommentaren Polemik aus. Heute heissen ihn die Kritiker von damals willkommen.

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Thomas Gullickson. (Bild: Keystone (Bern, 11. Januar 2017))

Thomas Gullickson. (Bild: Keystone (Bern, 11. Januar 2017))

Der US-amerikanische Vatikan-Diplomat Thomas Gullickson besucht Luzern auf Einladung des Hilfswerks «Kirche in Not». Es feiert in der Jesuitenkirche einen Gottesdienst zu seinem 70-jährigen Bestehen. Es sei «eine grosse Freude und Ehre, dass der Apostolische Nuntius in der Schweiz in Luzern anwesend sein wird», verkündet «Kirche in Not» auf seiner Homepage (siehe Kasten).

Gullickson, seit September 2015 Vatikan-Botschafter in der Schweiz, hatte gleich nach seinem Amtsantritt mit gewagten Äusserungen den Unmut vieler Schweizer Katholiken auf sich gezogen. Der Erzbischof sagte damals, Pfarreien ohne Pfarrer – hierzulande vielerorts Usus – verfehlten ihren Zweck und sollten «einfach geschlossen» werden. Etwa zur gleichen Zeit empfahl Gullickson über Twitter die fundamentalistische Kampfschrift «Liberalismus ist Sünde» zur Lektüre. Er zelebrierte seine Nähe zur erzkonservativen Pius-Bruderschaft, die den Zeitgeist verteufelt und die Religionsfreiheit ablehnt.

Diplomatische Wende

Auch die kirchenreformerische Allianz «Es reicht!», angeführt vom Katholischen Frauenbund (SKF), hatte damals ein Protestschreiben verfasst. Alarmiert zeigte sie sich vor allem deshalb, weil Gullickson eine Schlüssel­rolle bei der Ernennung des Nachfolgers von Bischof Vitus Huonder spielt.

Derzeit doppelt die Allianz nach: Sie lancierte kürzlich eine Petition «für einen Neuanfang im Bistum Chur», die einen integrierenden Übergangsbischof und Brückenbauer für die zerstrittene Diözese verlangt. 2500 Katholiken haben die Petition unterzeichnet. Drei Vertreterinnen von «Es reicht!» werden sie Anfang Februar in Bern persönlich überreichen – an Nuntius Gullickson. Mit dabei bei diesem Treffen ist auch die Luzerner Theologin Jacqueline Keune, die für ihre poe­tischen Gebete und meditativen Texte in der Kirche hoch geschätzt wird. Keune zeigte sich «positiv erstaunt», dass Gullick­son prompt auf den Gesprächswunsch der Allianz reagiert hatte. Nach seinen freimütigen Bekenntnissen im Januar 2016 hatte er sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und angekündigt, nun erst mal «die besondere Situation der Kirche in der Schweiz besser kennen lernen» zu wollen. Keune hat bemerkt, dass Gullick­son «diplomatischer» geworden sei. Sie hofft nun im Februar – das Datum des Treffens bleibt geheim – auf gegenseitiges Verständnis, die Anliegen und Sorgen der Allianz darlegen zu können, ohne inhaltlich grosse Zugeständnisse zu erwarten.

Den Gottesdienst am Sonntag wird Keune «möglicherweise» besuchen. Sicher nicht dabei ist hingegen Jesuitenpater Hansruedi Kleiber. Er habe «andere Gottesdienst-Verpflichtungen», teilt der Hausherr der Jesuiten­kirche mit. Willkommen sei der Nuntius aber alleweil in Luzern, so Kleiber. Gullickson hätte zu Beginn seiner Amtszeit einmal eine unpassende Bemerkung zur Situation der Kirche in der Schweiz gemacht, doch er habe nie daran gedacht, den Nuntius deswegen daran zu hindern, in Luzern einen Gottesdienst zu feiern. «Wir beten in jedem Gottesdienst um Frieden und Versöhnung untereinander und in der Welt. Es wird bestimmt eine eindrückliche Feier werden», lässt Kleiber verlauten.

Huonder, Trump oder Ukraine?

Eindrücklich – gewiss. Gullickson ist ein Liebhaber traditioneller Liturgien mit viel Purpur, Weihrauch und geheimnisvollen Zeremonien. Er ist fähig, authentisch und amerikanisch-locker zu sprechen. An Themen, zu denen er aus aktuellem Anlass etwas zu sagen hätte, mangelt es nicht: Gullickson kennt etwa den Krieg in der Ukraine aus nächster Nähe, wo er bis 2015 als Nuntius wirkte – bevor er wegen Parteinahme für die ukrainische Seite in die Schweiz versetzt wurde. Der Zeitpunkt von Gullicksons Predigt ist ein besonderer: Der Amerikaner spricht in Luzern am Tag nach der Amtseinsetzung des neuen US-Präsidenten Donald Trump.

Zu welchem aktuellen Thema würde sich Jacqueline Keune ein paar Worte von Nuntius Gullickson erhoffen? «Es wäre natürlich toll, eine kritische Äusserung über Trump zu hören», sagt sie. Tatsächlich: Man dürfte gespannt sein, zu hören, was ein konservativer, gross gewachsener, Twitter-freudiger Christ aus dem Herzen der USA über seinen neuen Präsidenten sagt.

 

Remo Wiegand

stadt@luzernerzeitung.ch