KIRCHE: «Ich fühle mich vom Göttlichen getragen»

43 Jahre lang hat sich Beata Pedrazzini (64) für die Kirchen- und Quartierarbeit im Maihof Luzern eingesetzt. Jetzt geht sie in Pension, ohne sich aber ganz von dem zurückzuziehen, was ihr immer wichtig war und ist.

Interview Pirmin Bossart
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«Die Luzerner Kirche ist wohltuend anders geworden»: Beata Pedrazzini im Kirchensaal Maihof. (Bild: Roger Grütter (Luzern, 1. Juni 2017))

«Die Luzerner Kirche ist wohltuend anders geworden»: Beata Pedrazzini im Kirchensaal Maihof. (Bild: Roger Grütter (Luzern, 1. Juni 2017))

Interview Pirmin Bossart

wissen@luzernerzeitung.ch

Heute ist Pfingstsonntag, da kommt der Heilige Geist auf Erden. Wie verstehen Sie den Heiligen Geist?

Es ist das, was mich all die Jahre begleitet und unterstützt hat. Ich glaube, dass da eine Kraft ist, eine Geistkraft, die uns befähigt, die Talente der Menschen zu entdecken und zu fördern. Sie hat geholfen, in unserem multikulturellen Quartier die Menschen zusammenzubringen, Begegnungen zu ermöglichen. Alle Menschen können uns etwas geben, und wir selber können geben. Diese Pfingstkraft hat es mir ermöglicht, meine Begeisterung, meine heilsame Unruhe und meine Spontaneität zu erhalten.

Wie halten Sie es als aufgeklärte Frau mit dem Glauben?

Ich bin ein gläubiger Mensch. Ich bin überzeugt, dass es etwas gibt, das uns alle vernetzt und hilft, ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Aber der Heilige Geist bedeutet auch Eigenverantwortung: Wir müssen selber die Verantwortung übernehmen, wie Menschen miteinander umgehen, und uns für Gerechtigkeit und Partizipation hier und jetzt einsetzen. Der Pfingstgeist heisst, Menschen zu lieben, auch schrägen Typen und Menschen ausserhalb der Norm einen Platz zu geben, Beziehungen aufzubauen, aber auch in sich selber Freude zu haben und – erfüllt zu sein.

Glauben Sie an einen Gott?

Ich rede lieber vom Göttlichen als von einem Gott. Wir alle haben etwas Göttliches in uns, wir müssen es nur hervorholen. Es entsteht in der Beziehung zu Menschen, und ich kann es auch in der Natur erleben. Ich bin überzeugt, dass es diese Kraft gibt, die uns immer wieder zu Gerechtigkeit, Solidarität und Friede befähigt. Ich wehre mich gegen die Allmachtsfantasie, dass der Mensch alles selber machen kann. Wir brauchen Hilfe. Ich fühle mich vom Göttlichen getragen und gestützt. Irgendwie habe ich ein Urvertrauen geschenkt bekommen. Aus diesem Geist heraus mache ich meine Arbeit.

Zu wem und wofür beten Sie am Abend, wenn Sie ins Bett gehen?

Ich habe kein personales Gottesbild. Entsprechend schwer fällt es mir, ein Du anzurufen. Doch kenne ich sehr wohl die Situationen, in denen das unumgänglich ist, weil man nicht mehr weiterweiss und eine Stütze braucht. Und ja: Beten hilft. Ich habe das bei mir und andern erfahren – immer auf der Suche nach einer zeitgemässen, ehrlichen Sprache.

Sie sind katholisch im Freiamt aufgewachsen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Meine Eltern hatten eine grosse Gärtnerei und viele Angestellte, da war immer viel Betrieb. So bin ich in der Familie etwas ungeborgen aufgewachsen. Die Geborgenheit habe ich stärker in der überschaubaren Welt unseres katholischen Dorfes erfahren, auch in den schönen Ritualen in der Kirche, der Musik, den Bittgängen durch die Natur. An Fronleichnam durfte ich etwa für die verschiedenen Altarstationen farbige Blütenteppiche legten. Diese ritualisierte und auch jahreszeitlich geprägte katholische Welt ist vielleicht der Boden des erwähnten Urvertrauens. Es ist wohl nicht zufällig, dass ich wieder in der überschaubaren Welt eines Quartiers und der Pfarrei gelandet bin und dort diese Heimat und Geborgenheit neu erfahren habe.

Hatten Sie auch eine Phase der Rebellion?

In der Pubertät begann ich heftig gegen alle möglichen Formen von väterlicher und kirchlicher Autorität zu rebellieren. Später liess ich mich, angetrieben von existenziellen Sinnfragen, am Religionspädagogischen Institut in Luzern zur Religionslehrerin ausbilden. In Luzern kam ich in Kontakt mit linken Gruppierungen, dem Feminismus und befreiungstheologischen Strömungen, die fortan meine Gedankenwelt und meine Haltung prägten – im Spannungsfeld von Freiheit und Geborgenheit.

Sie sind religiös und kirchlich verankert, aber auch politisch engagiert und kämpferisch an der Basis. Geht das gut nebeneinander?

Ich habe mich immer als Brückenbauerin zwischen diesen Welten empfunden, auch als Grenzgängerin. Hier die politische Welt, die Strukturen verändern will. Dort das Individuum mit seinen Problemen und Ängsten, das ernst genommen werden will. Es ist ein Kerngeschäft der Kirche, das Augenmerk auf beide Welten zu richten und eben auch dem einzelnen Menschen, seinen Sorgen und Nöten zuzuhören und zu handeln. Viele meiner SP-Freundinnen und -Freunde denken in der Regel vor allem politisch-strukturell. Ich selber will die Sorge um den Einzelnen und die Strukturveränderung zusammenbringen.

Sie gehen nach über 40-jähriger Tätigkeit für den Maihof und die Kirche der Stadt Luzern bald in Pension. Mit welchen Gefühlen?

Ich spüre vor allem eine grosse Dankbarkeit. Die Stadtkirche und die Pfarrei Maihof haben es zugelassen, dass ich meine zahlreichen Projekte verwirklichen konnte. Als die Person, die ich bin. Sie haben zugelassen, dass ich als geschiedene, feministisch und links denkende Frau dasumsetzen konnte, was mir wichtig erschien. Das kann ich nicht genug schätzen, und es zeigt mir auch, dass die Luzerner Kirche eine Kraft hat, dass sie offen ist und ein aufgeschlossenes Menschen- und Gottesbild pflegt.

Auf welche Errungenschaften sind Sie stolz, die Sie in diesen Jahren in der Kirche mitprägen durften?

Wir gehen zu den Leuten, holen sie ab, wo sie sind. Wir haben Räume geschaffen, die für alle Menschen, egal welcher Hautfarbe und Herkunft, offen sind. Ich bin stolz darauf, dass wir hier im Maihof versuchen, eine andere Sprache zu sprechen, auch im liturgischen Bereich. Ich freue mich und bin stolz, dass sich dank Angeboten wie der Plattform «frauen maihof», unter anderem mit der seit 30 Jahren existierenden Gruppe «Frauen auf dem Weg», aber auch dank dem Verein Zusammenleben Maihof-Löwenplatz oder dem von vielen Migrantinnen und Migranten besuchten Mittagstisch ein reger Austausch im Quartier entwickelt hat und sich die Leute gut und wohlfühlen können. Vor allem auch Menschen mit weniger Lebenschancen. Da spielt die Kirche eine wichtige Rolle.

Was hat sich in der Kirche der Stadt verändert in den 40 Jahren?

Ich habe unter dem offenen Geist von Pfarrer Adolf Stadelmann in der Pfarrei Maihof begonnen. Eine neue Theologie, eine neue Sprache und ein soziales und liberales Menschenbild begannen sich hier zu entfalten. Heute sind überall Leute am Wirken, die von der gleichen Grundausrichtung motiviert sind. Die Luzerner Kirche ist wohltuend anders geworden. Ich habe immer dafür gekämpft, dass die Kirche ein solches Gesicht bekommen konnte. Wo der Staat nur noch spart, sind diese sozialen und gesamtintegrativen Aktivitäten der Kirche unverzichtbar geworden.

Sie sind eine aktive Frau und Kirchenvertreterin an der Basis. Welche Beziehung haben Sie zu «Rom»?

Ich habe eine sehr gespaltene Beziehung zur Hierarchie. Gleichzeitig kann ich diese Institutionenund Strukturen nicht einfach ablehnen oder über Bord werfen. Sie sind wichtig, um eine Kraft entwickeln zu können. Ich habe mich immer für eine Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche starkgemacht. Doch ich bin nicht frustriert, dass Frauen diese Art von heutigem Priestertum verwehrt ist, sondern setze mich ein für das, was schon hier und heute möglich ist. Macht und Hierarchie sind nicht grundsätzlich schlecht. Es braucht eine Gesamtleitung, die alles zusammenhält. Die Frage ist, wie die Machtträger damit umgehen. Für mich ist ein Priester – und wäre es auch eine Priesterin – nicht wichtiger als der Mann oder die Frau, die beim Mittagstisch mitarbeiten.

Warum braucht es diese Obrigkeit, diesen institutionellen Überbau, um sich christlich zu fühlen? Man könnte es doch einfach machen, wie es das Umfeld als richtig und wichtig empfindet und sich gar nicht um die Gebote aus Rom kümmern?

Genauso, wie es den Staat braucht, braucht es auch die Kirche als Organisationsform, dieReligion zur Sprache bringt und reflektiert. Ich bin dagegen, dass Religion Privatsache ist. Strukturen sind nötig, damit der Mensch frei und erfüllt leben kann. Ich muss mich zusammentun mit andern. Religion ist auch eine politische Angelegenheit. Der reiche Schatz an Geschichten und Bildern in der katholischen Kirche ist da, um daraus etwas zu machen. Man kann und soll Kirche auch verändern und neue Formen entwickeln dürfen – auch in Richtung Demokratie und Menschenrechte.

Sie vertreten in der Kirchenarbeit feministische Anliegen und beschäftigen sich mit Migration/Integration und interreligiösem Dialog. Das sind keine Themen, die gemeinhin populär sind. Was hat Sie dazu motiviert?

Es sind die vielen Menschen, die mich stärken und die auch finden, dass wir uns für Menschen in Not und in schwierigen Situationen einsetzen sollen. Dieses Wirken für Solidarität, Gerechtigkeit, Friede entspricht ganz explizit der christlichen Botschaft. Es sind grosse Worte, aber in der täglichen Arbeit und Begegnung gewinnen sie an Kraft und Bedeutung. Zudem mache ich all das ja nicht nur selbstlos: Ich finde so viel Freude und Bereicherung in dieser Arbeit. Es ist nicht einfach Barmherzigkeit und «jöh, die Armen». Ich habe immer auch das Schöne im Leben geschätzt, das Sinnliche und Lustvolle, das mit solchen Begegnungen und Projekten verbunden ist.

Können Sie gleichwohl Ängste oder ein gewisses Unbehagen vor Fremden nachvollziehen?

Ja, ich verstehe diese Ängste. Vor allem bei den benachteiligten Menschen in der Schweiz, von denen viele bei den rechten Parteien eine Heimat finden. Es ist die Angst, dass die andern uns etwas wegnehmen könnten. Darüber sollten wir gut verdienenden Mittelstandsmenschen nicht die Köpfe schütteln. Wir können es uns auch besser leisten, solidarisch zu denken und auf Migrantinnen und Migranten zuzugehen.

Was tun, damit es nicht zu Ablehnung und Ausgrenzung kommt?

Wir müssen Begegnungen und Erfahrungen mit Flüchtlingen und Migrantinnen schaffen, immer wieder. Am besten funktioniert das sehr niederschwellig, etwa über gemeinsame Anlässe mit Essen. So können wir fremdsprachige Menschen kennen lernen. Sie brauchen das Gefühl, dass sie ihre Talente auch hier leben können und etwas zu sagen haben. Doch der individuelle Zugang allein reicht nicht. Darüber hinaus müssten auch politische Strukturen verändert werden.

Aus christlicher Sicht müssten eigentlich die Türen für alle geöffnet werden, egal welche und wie viele. Gibt es für Sie Grenzen der christlichen Willkommenskultur?

Es gibt Grenzen, auch wenn diese sehr schwierig auszumachen und zu verordnen sind. Ich bin sehr dafür, dass wir uns dafür einsetzen und darin investieren, dass es den Menschen in ihren Heimatländern möglichst gut geht, damit sie gar keinen Anlass haben, zu flüchten. Das ist der wichtigste Ansatz.

Unterdessen kommen die Menschen trotzdem. Wie offen soll die Schweiz sein?

Es ist nicht meine Aufgabe, das allein zu beurteilen. Wie wir mit der Flüchtlingsaufgabe in Zukunft umgehen sollen, dafür habe ich kein fertiges Rezept. Ich fokussiere mich auf die Leute, die kommen und da sind. Wir wollen mit unseren Angeboten der Integration und des interreligiösen Dialogs in Stadt, Quartier und in der Pfarrei Strukturen und Perspektiven ermöglichen, die menschenwürdig sind. Dafür setzen wir uns ein. Und wir bringen unsere Erfahrungen in die Politik ein.

Wenn Sie nochmals von vorne beginnen könnten: Würden Sie wieder den gleichen Weg wählen?

Ja, ich würde wieder diesen Weg gehen. In beruflich schwierigen Momenten habe ich aber manchmal gedacht, ich wäre lieber Gärtnerin oder Floristin.

Und jetzt die Pension. Können Sie sich zur Ruhe setzen? Werden Sie sich weiter einmischen?

Ich habe mich sehr dafür eingesetzt, dass meine «Herzblut-Inhalte» im Bereich der Integrationsarbeit, die wir hier aufgebaut haben, auch in Zukunft weiterbestehen können. Und wir haben gute und engagierte Nachfolgerinnen gefunden. So kann ich also getrost loslassen und übergeben. Natürlich werde ich weiterhin engagiert sein: etwa beim Abendtisch, der einmal pro Monat mit Menschen aus andern Kulturen stattfindet. Da stehe ich in der Küche und schaue, dass alles rund läuft. Ich bin auch weiterhin beim Besuchsdienst für Flüchtlinge in der Asylunterkunft Hirschpark dabei, wo wir mit den Leuten Ausflüge oder sonst was machen, damit sie wieder mal rauskommen und eine Freude erfahren. Beibehalten möchte ich schliesslich die Trauerfeiern und Segensfeiern, wie ich sie seit einigen Jahren durchführe. Es ist erfüllend, Menschen in existenziellen Momenten und bei Lebenswenden zu begleiten.

Was sind Segens­feiern?

Das sind Rituale, die in ganz verschiedenen Lebenssituationen angewendet werden können und den Betroffenen ermöglichen, besser loszulassen oder etwas Neues in Angriff zu nehmen und dies in einer Feier auszudrücken. Etwa Rituale für Getrennte oder Geschiedene oder für Leute, die inPension gehen und sich schwertun damit, für Kinder oder für Verstorbene.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Ich bin in einem grossen Gartenbau­betrieb mit Blumengeschäften aufgewachsen. Da habe ich natürlich eine enge Beziehung zu Blumen und Pflanzen erworben und schätze es sehr, dass ich einen schönen Garten habe. Ich jasse gerne und regelmässig oder gehe wandern. Das mache ich auch mehr der Blumen und der Natur wegen als aus Sport- und Fitnessgründen. Ich gehe auch viel auf Reisen, um neue Kulturen kennen zu lernen. Dann habe ich einen riesigen Freundeskreis, den ich intensiver pflegen will. Auf Trab halten wird mich meine Fernbeziehung mit einem Mann, der in Deutschland lebt. Die besondere Herausforderung, Nähe und Distanz zu leben, verbindet uns und passt zu mir.

Hinweis

Am Sonntag, 25. Juni, 10.00 Uhr, ist im Kirchensaal Maihof Luzern die Feier zur Ver­abschiedung von Beata Pedrazzini.

Gute Integration als ein zentrales Anliegen: Beata Pedrazzini im Schreibkurs mit Migranten. (Bild: Roger Grütter (1. Juni 2017))

Gute Integration als ein zentrales Anliegen: Beata Pedrazzini im Schreibkurs mit Migranten. (Bild: Roger Grütter (1. Juni 2017))