KIRCHE: Mit 54 wagt sie einen Neuanfang

Simone Rüd ist per Ende Jahr als Synodalrätin zurückgetreten. Die Theologin sagt im Gespräch, warum sie sich nun ganz auf die Spitalseelsorge konzentriert und nie wünschte, Priesterin werden zu können.

Evelyne Fischerevelyne.fischer@luzernerzeitung.ch
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Simone Rüd auf der Terrasse der Katholischen Landeskirche. Der Wegweiser ist ein Überbleibsel der Luga 2008. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 28. Dezember 2016))

Simone Rüd auf der Terrasse der Katholischen Landeskirche. Der Wegweiser ist ein Überbleibsel der Luga 2008. (Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 28. Dezember 2016))

«Ich musste oft erklären, was ich bin.» Das Zitat von Simone Rüd ist bezeichnend. Per Ende 2016 legte sie ihr Amt als Synodalrätin nieder. Seit 2010 war sie quasi Regierungsrätin der Römisch-Katholischen Landeskirche des Kantons Luzern, gehörte als eines von zwei geistlichen Mitgliedern der neunköpfigen Exekutive an. Gewählt wurde sie von der Synode, dem Pendant zum Kantonsparlament. Sie sei stolz, dass die Kirche hierzulande «die demokratische Ordnung» übernommen habe. Auch wenn dies kaum jemand wisse.

Ihr Rücktritt ist die Konsequenz eines Neuanfangs: Ende Dezember hat sie ihren zehnjährigen Dienst als Seelsorgerin am Luzerner Kantonsspital quittiert und ist nun im Zuger Kantonsspital in Baar tätig. Sie erhielt eine der raren Vollzeitstellen in diesem Bereich. «Mit 54 will ich nochmals etwas Neues wagen», so Rüd. «Die Hände in den Schoss zu legen, behagt mir nicht.»

Ihr Wissensdurst lässt sich kaum stillen

Nicht stehen bleiben. Das ist Rüds roter Faden. Aufgewachsen ist sie in Baden. «Mit tollen Pfarreierfahrungen, erst im Blauring, später als Lektorin.» Sie studiert Theologie, arbeitet während 17 Jahren in der Pfarreiseelsorge, zuletzt in der Pfarrei Bruder Klaus in Kriens. Stetig bildet sie sich weiter, gerade schloss sie den Master in Palliative Care an der Fachhochschule St. Gallen ab.

Dass sie sich vor sechs Jahren als Synodalrätin zur Verfügung stellte, war ihrem 80-Prozent-Pensum am Luzerner Kantonsspital geschuldet. «Mit dem Pikettdienst kam ich auf drei Freitage pro Woche. Das schien mir übertrieben.» Man bedaure den Weggang von Simone Rüd, sagt Brigitte Amrein, Leiterin der Spitalseelsorge: Sie habe Patienten und Angehörige «einfühlsam» begleitet und war stets bereit, sich in Projekten zu engagieren und dort ihr Wissen in die «interprofessionelle Zusammenarbeit» einzubringen. Im Pikettdienst warteten «anspruchsvolle Betreuungsaufgaben» auf sie.

Als Aargauerin in Luzern Wurzeln geschlagen

Simone Rüd lebt seit 23 Jahren in Luzern. Alleine, trotz Goldring am Finger. «Den richtigen Mann zur rechten Zeit gabs nie.» Wir treffen sie am Sitz der Landeskirche. Wo sich sonst eine prächtige Sicht aufs Luzerner Seebecken offenbart, hängt an diesem Vormittag tiefer Nebel. Hier trifft sich der Synodalrat zu Sitzungen. Zu Rüds 20-Prozent-Pensum gehörte etwa die Reorganisation der Fachbereiche. Heute zählt die Landeskirche deren drei: erstens den Fachbereich Pastoral, dazu gehört die Ausbildung von Katecheten, Beratungen im Bereich der Jugendarbeit oder die Freiwilligenarbeit in den Pfarreien. Hinzu kommen der Fachbereich Spezialseelsorge mit der Behindertenseelsorge und der Fachbereich Kommunikation.

Zuvor gab es fünf Fachstellen. «Die weitsichtige Denkweise von Simone Rüd, ihre Zuverlässigkeit und ihre Sorgfalt waren gerade in der Phase der Umstrukturierung sehr hilfreich», sagt Gregor Gander, der die Fachbereiche operativ leitet. «Sie schaffte es, uns Freiraum zu lassen und gleichwohl klar zu führen.» Es bleibt ihr nun vorenthalten, den Abschluss der Umstrukturierung mitzuerleben: Erst im Herbst wird die Synode diese verabschieden. «Wer schnell etwas verändern will, muss nicht Synodalrätin werden», sagt Rüd und schmunzelt. «Dafür kann etwas wachsen, und Schnellschüsse bleiben aus.»

Frauen in der Kirche: «Benachteiligung kränkt»

Während im Synodalrat Frauen in der Mehrheit sind, gehören Seelsorgerinnen im Pfarreialltag noch immer zur Minderheit. «Die starre Hierarchie liess mich schmerzhafte Erfahrungen machen», sagt Rüd. Etwa in der Pfarrei St. Maria zu Franziskanern in Luzern, die sie nur in Co-Leitung mit einem Pfarrer führen durfte, weil nach Kirchenrecht nur ein Priester diese Funktion einnehmen kann. «Das hat mich schon gekränkt.» Auch Hochzeiten und Taufen musste sie oft anderen überlassen. «Gleichzeitig habe ich mir aber nie gewünscht, katholische Priesterin werden zu können», sagt Simone Rüd. «Ich müsste in Kleider schlüpfen, die mir nicht passen würden.» In solchen Momenten sage sie sich jeweils: «Ich bin Seelsorgerin für die Menschen, nicht für die Institution.»

Simone Rüd findet, die Kirche müsse durchlässiger werden. «Es braucht zwar weiterhin professionelle Theologen. Bewährte Leute müssen aber eingebunden werden und seelsorgerische Aufgaben wahrnehmen können.» Dieses Ziel verfolgt auch die 2012 lancierte Pfarrei-Initiative, die dem Priestermangel mit einer Öffnung der Weihe begegnen will. Erstaunlich: Rüd gehörte nicht zu den Unterzeichnern. «Es gibt viele Möglichkeiten, sich für Veränderung einzusetzen. Ich wollte durch mein Wirken, in Zusammenarbeit mit anderen, etwas in Bewegung setzen.»

Diese Maxime prägt auch Rüds Arbeit im Spital, auf die sie sich nun konzentriert. «Hier wartet niemand auf mich. Wenn ich aber an die Zimmertür klopfe, bereitet dies meist Freude.»

Hinweis Die Dekanenkonferenz schlägt Brigitte Glur-Schüpfer (52) als Nachfolgerin von Simone Rüd vor. Die Theologin ist in Rickenbach aufgewachsen und lebt mit Ehemann und Sohn in Meggen. Bis zur Wahl am 17. Mai durch die Synode bleibt das Amt vakant.