KIRCHENMUSIK: Am Ostersonntag ziehen die Organisten alle Register

An Ostern dominiert ein Instrument die Kirchen: die Orgel. An der Hochschule Luzern erforscht Andreas Brandazza die Geschichte der Orgel in der Schweiz. Gerade die Zentralschweiz ist für ihre Orgelbauer bekannt.

Andreas Bättig
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Professor Marco Brandazza an der Orgel im Gebäude der Hochschule Luzern – Musik. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 28. März 2018))

Professor Marco Brandazza an der Orgel im Gebäude der Hochschule Luzern – Musik. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 28. März 2018))

Andreas Bättig

redaktion@zentralschweizamsonntag.ch

Am heutigen Ostersonntag können Kirchgänger sehr wahrscheinlich in den Genuss eines opulenten Orgelspiels kommen. Vielleicht mit einem Stück von Johann Sebastian Bach, dem bei Organisten beliebtesten Komponisten. «An Ostern wird ja die Auferstehung Christi, das Fest der Lebensfreude gefeiert. Da ziehen die Organisten alle Register und können aus dem Vollen schöpfen. Sie spielen richtig kräftig und meistens in fröhlicher Dur-Tonart», sagt Marco Bran­dazza, Leiter des Orgeldokumentationszentrums an der Hochschule Luzern.

Marco Brandazza ist einer der führenden Orgelforscher in der Schweiz. Aufgewachsen in Mailand in Italien, kam der studierte Paläontologe mit 27 Jahren der Liebe wegen in die Schweiz und begann in Luzern ein Musikstudium als Organist und Chorleiter.

Die grösste Prospektpfeife Europas

Seit 2006 leitet Marco Brandazza das Orgeldokumentationszentrum in der Stadt Luzern und führt dort ein grosses Forschungsprojekt, in dem er die Geschichte möglichst vieler Schweizer Orgeln festzuhalten versucht.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Zentralschweiz. Hier gibt es nicht nur eine in den Kantonen Ob- und Nidwalden über Jahrhunderte gelebte Orgelbautradition. In den Luzerner Kirchen stehen auch ganz besondere Orgeln. Etwa in der Hofkirche, deren Hauptorgel bis zu 10,2 Meter lange Prospektpfeifen – die grössten in Europa – besitzt. Eine Orgel kann bis zu 5000 Pfeifen haben. Deren Länge und Durchmesser bestimmen die Höhe, Tiefe und Klangfarbe der Töne. Jede einzelne ist ein eigener Klangerzeuger, eine Art «Einzel-Lautsprecher». Damit eine Orgel gut klingt, müssen aber nicht nur die Pfeifen aufeinander abgestimmt sein. «Die hohe Kunst des Orgelbaus ist, sie auf die Raumverhältnisse perfekt anzupassen», sagt Brandazza. So ist der Kirchenraum für die Orgel, was der Korpus für die Geige sei.

Brandazza erforscht nicht nur die Orgelgeschichte, indem er wie ein Detektiv in Archiven nach Dokumenten zu einzelnen Orgeln sucht. Er spielt auch selber auf dem Instrument. Wie sich das anfühlt? «Definitiv nicht wie auf einem Klavier», sagt Brandazza. Während der Pianist täglich an seinem Anschlag übt, muss der Organist daran arbeiten, wie lange er jede einzelne Taste halten soll. Denn der Ton, der durch den Luftstrom in der Pfeife erzeugt wird, dauert so lange, bis der Finger die Taste loslässt. Auch brauche der Organist eine gute Balance, da er mit Händen und Füssen gleichzeitig spielt.

Bessere Isolierung sorgt für Probleme

Wenn Marco Brandazza vom Orgelspiel erzählt, tut er dies mit grosser Leidenschaft. «In einer Orgel steckt ein ganzes Orchester.» Doch diese Begeisterung scheint immer weniger Menschen zu packen. Den Organisten fehlt nämlich der Nachwuchs. Und auch bauliche Massnahmen der Kirchen bereiten dem Orgelforscher Sorgen. Weil viele Kirchen aus ökologischen Gründen gut isoliert und die Kirchen seltener benützt werden, ist die Luftzirkulation innerhalb der Kirche schlechter. «Dadurch sind viele Orgeln vom Schimmel befallen. Oft fehlt das Geld für eine adäquate Pflege des Raumes und der Instrumente», sagt Brandazza. Doch die gute Isolation habe auch positive Folgen. So sei der Befall des Holzwurms bei den Orgeln stark zurückgegangen.

Auch wenn die Zeiten für die Orgel schwierig sind, blickt Marco Brandazza positiv – eben österlich – in die Zukunft. «Die Orgel hat schon viele Krisen überstanden. Ihre Klänge werden noch lange Menschen faszinieren und in den Kirchen zu hören sein.»