Kita plus: Eltern mit behinderten Kindern sollen im Kanton Luzern entlastet werden

Kinder mit einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung haben nur beschränkt Zugang zu Krippen. Zudem zahlen die Eltern mehr für einen Kita-Platz. Nun fordert der Neuenkircher FDP-Kantonsrat Jim Wolanin eine gesetzliche Änderung. 

Yasmin Kunz
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Kinder mit Behinderungen sollen die gleichen Chancen auf eine Vorschulbetreuung erhalten.  Zudem soll die Finanzierung der Kita plus neu geregelt werden. (Bild: Jakob Ineichen, Luzern, 15. Oktober 2019)

Kinder mit Behinderungen sollen die gleichen Chancen auf eine Vorschulbetreuung erhalten. Zudem soll die Finanzierung der Kita plus neu geregelt werden. (Bild: Jakob Ineichen, Luzern, 15. Oktober 2019)

Kinder im Vorschulalter werden oft in Kindertagesstätten (Kita) betreut, wenn ihre Eltern arbeiten. Doch nicht allen Mädchen und Buben sind solche Institutionen zugänglich. So gibt es im Kanton Luzern bislang von 130 Kitas genau 40, die auch Kinder mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen aufnehmen. Diese Kindertagesstätten nennen sich Kita plus. Das Angebot gibt es derzeit in 17 Luzerner Gemeinden (siehe Kasten am Ende des Artikels). Bei solchen Kitas werden Eltern und das zuständige Personal von heilpädagogischem Fachkräften unterstützt.

Kita plus wird in den regulären Krippen-Strukturen umgesetzt – ist also für Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen. Heute besteht für Kinder mit Behinderungen im Vorschulalter kein gesetzlich geregelter Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Betreuung und Förderung.

Motion will Finanzierung regeln

Im Schuljahr 2018/19 besuchten im Kanton Luzern 31 Kinder mit Beeinträchtigungen eine Kita plus. Eltern von einem Kind mit einer Behinderung werden für einen Kitaplatz stärker zur Kasse gebeten, als Eltern mit einem Kind ohne Behinderung im gleichen Alter. Daran stösst sich der FDP-Kantonsrat Jim Wolanin aus Neuenkirch. Er wird deshalb Anfang Dezember eine Motion einreichen. Diese beauftragt die Luzerner Regierung, eine Finanzierungsregelung auszuarbeiten und diese im Rahmen der Sonderpädagogikmassnahmen im Gesetz über die Volksschulbildung zu verankern. Wolanin sagt dazu: 

«Wenn die Kinder frühzeitig gefördert werden, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie nachher in der Volksschule mithalten können.»

Damit sei primär dem Kind gedient und zusätzlich könnten auf lange Sicht Kosten gespart werden. Wolanin: «Kann dadurch eine Sonderschulung vermieden werden, ist das aus finanzieller Sicht ebenfalls lohnend.» Der Politiker belegt das mit Zahlen: Elf Jahre Sonderschulbetreuung kosten den Kanton pro Kind rund eine Million Franken. Zum Vergleich: Ein Kind in der Volksschule kostet rund 200'000 Franken. In seiner Motion gehe es darum, die Finanzierung zu regeln und nicht darum, allen Kindertagesstätten dieses Kita-plus-Modell aufzuzwingen. Wie die Finanzierung konkret aussehen könnte, überlässt Wolanin der Regierung. Er findet jedoch, sein Anliegen sei eine Win-win-Situation, «weil Kinder mit besonderen Bedürfnissen entsprechend gefördert werden und damit letztlich sogar Geld gespart werden kann». 

Zwei Mütter, eine Meinung: Kita plus ist ein Gewinn

Dieses Bestreben begrüssen auch Eltern, welche bereits Erfahrungen mit Kita plus gemacht haben. So etwa die Eltern eines Buben aus einer Luzerner Gemeinde, die anonym bleiben wollen. Ihr Sohn besucht heute den Kindergarten und wird integrativ gefördert. Für seine Mutter ist klar: «Das war für uns ein Glücksfall und ein riesen Gewinn. Wir wussten, unser Kind wird professionell betreut.» Sie ist überzeugt: Die 2,5 Tage Kita plus pro Woche haben ihrem Sohn den Einstieg in die Volksschule erleichtert. Dass die Betreuung eines Kindes mit besonderen Bedürfnissen einen Mehraufwand bedeutet, stellt sie nicht in Abrede. Dennoch findet sie: 

«Eltern von Kindern mit Behinderungen sollten nicht zusätzlich finanziell belastet werden.»

Darum begrüsst sie das Vorhaben, die Finanzierung gesetzlich zu regeln. Für sie ist aber auch ganz klar: «Kitas sollen nicht dazu verpflichtet werden, eine Kita plus zu werden.» Gleicher Ansicht ist Yanet Ruckstuhl aus Sursee. Ihr Sohn hat ebenfalls eine Kita plus besucht. Zentral sei, so Ruckstuhl, «dass das Personal der Kita plus voll und ganz hinter dem Konzept steht. Die Betreuung eines Kindes mit besonderen Bedürfnissen stellt eine grosse Herausforderung dar. Es müssen alle einverstanden sein, diesen Mehraufwand leisten zu wollen.» Auch für sie war dieses Angebot eine Bereicherung: «Die Betreuerinnen haben zusammen mit Fachpersonal des heilpädagogischen Früherziehungsdienstes sehr gut zusammen gearbeitet.» Heute besucht ihr Bub eine Sonderschule.

Für beide Mütter steht fest: Das Konzept wirkt sich positiv auf alle aus, weil Kinder – mit und ohne Beeinträchtigung – voneinander lernen. «Auch Menschen mit besonderen Bedürfnissen sind Teil unserer Gesellschaft», sagt Ruckstuhl. Es sei schön, wenn nicht schon im Vorschulalter separiert werde. Sie würde es daher begrüssen, wenn alle Eltern mit behinderten Kindern Zugang zu einer Kita plus hätten. 

Grosser Mehraufwand für Krippen-Angestellte

Die Kindertagesstätte Eichhörnli in der Stadt Luzern ist eine Kita plus. Ramona Dembinski arbeitet seit zwölf Jahren in der Kita und leitet diese seit 2011. Bis dato betreuten sie etwa eine Handvoll Kinder mit Beeinträchtigungen. Für die Mitarbeiter der Kita ist dies mit einem «grossen, aber lohnenswerten Mehraufwand» verbunden, wie sie sagt. Dennoch ist es für Dembinski klar, dass auch Kinder mit Behinderungen Zugang zur einer Krippe haben sollen. «Jedes Kind hat ein Recht auf einen Kitaplatz.» In der Regel werde zusammen mit den Eltern festgelegt, ob das Kind eine besondere Förderung benötige oder nicht. Dembinski würde eine finanzielle Regelung für Eltern mit beeinträchtigten Kindern ebenfalls begrüssen. Sie weist allerdings darauf hin, dass im Zuge einer Öffnung der Kitas auch der heilpädagogische Dienst ausgebaut werden müsste. Der heilpädagogische Früherziehungsdienst komme gut zweimal pro Monat. «Die Fachkräfte des heilpädagogischen Dienstes sind für uns sehr wertvoll, weil sie uns entlasten und uns zugleich fachliche Unterstützung bieten.» Die Kita Eichhörnli zählt 30 Plätze und betreut wöchentlich bis zu 80 Kinder.

Beitrag zur Chancengleichheit

Charles Vincent, Leiter der kantonalen Dienststelle Volksschulbildung, wozu auch der heilpädagogische Früherziehungsdienst gehört, findet das Anliegen von Jim Wolanin ein gutes und auch bildungspolitisch wichtiges. Vincent erachtet die integrative Form der Kinderbetreuung als sinnvoll, «denn aktuell werden in der Volksschule bereits 42 Prozent der Schüler mit einer Sonderschulmassnahme auf diese Weise gefördert». Darum sei die Kita plus eine optimale Vorbereitung auf die integrative Schulungsform.

Zudem stelle es auch für die Eltern, die mit einem beeinträchtigten Kind ohnehin schon stark gefordert seien, eine Entlastung dar. Vincent weist darauf hin, dass die Nachfrage nach solchen Plätzen heute nicht abgedeckt werden kann. «Und zwar weder zahlenmässig noch geografisch.» Auch da sieht er Handlungsbedarf. Er geht davon aus, dass es im Kanton derzeit 60 bis 70 Kinder mit einer Behinderung im Vorschulalter dieses Angebot nutzen möchten. Eine erste Auswertung der Kita plus falle positiv aus. «Die ‹gesunden› Kindern können ihre Sozialkompetenz steigern, indem sie lernen, dass es unterschiedliche Menschen gibt und solche Unterschiede normal sind.» Und den behinderten Kindern werde mit Kita plus der Schuleintritt erleichtert. Dieses Angebot trage massgeblich zur Chancengleichheit bei, betont Charles Vincent.

Kita plus: Kanton Luzern ist Vorreiter

Das Projekt Kita plus startete 2012 im Rahmen eines Pilotprojekts in der Stadt Luzern. Die damaligen Projektträger waren der Kanton Luzern mit dem heilpädagogischen Früherziehungsdienst, die Stadt Luzern, der Verband Kinderbetreuung Schweiz sowie die Stiftung Kifa Schweiz. Inzwischen wurde das Angebot auf weitere Gemeinde ausgedehnt: Adligenswil, Ebikon, Emmen, Entlebuch, Geuensee, Hochdorf, Horw, Kriens, Malters, Mauensee, Meggen, Oberkirch, Ruswil, Schenkon, Sursee, Triengen und Zell. In Abklärung ist derzeit die Gemeinde Pfaffnau. Auch andere Kantone wie Uri, Nidwalden, St. Gallen, Basel-Landschaft und die Stadt Bern haben nach dem Vorbild des Luzerner Angebots Kita plus eingeführt.