KKL: Stark in der Masse und allein

Das Cleveland Orchestra zählt zu den «Big Five» Amerikas. Das Orchester wird seinem Ruf am Lucerne Festival mit starken Solisten gerecht – aber nicht immer im Tutti.

Simon Bordier
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Komponist Jörg Widmann (Mitte) und Flötensolist Joshua Smith beim Applaus für Widmanns «Flûte en suite für Flöte und Orchestergruppen». (Bild: Lucerne Festival/Georg Anderhub)

Komponist Jörg Widmann (Mitte) und Flötensolist Joshua Smith beim Applaus für Widmanns «Flûte en suite für Flöte und Orchestergruppen». (Bild: Lucerne Festival/Georg Anderhub)

«Bei amerikanischen Orchestern beeindruckt mich immer wieder der hohe Grad an Perfektion», sagt der deutsche Klarinettist und Komponist Jörg Widmann (41) im Gespräch mit unserer Zeitung: «Dass alle Musiker bereits bei der ersten Probe ihre Stimmen beherrschen, habe ich so bisher nur in den USA erlebt.»

Widmann hat 2011 für das Cleveland Orchestra – eines der «Big Five»-Sinfonieorchester der USA – und dessen Soloflötisten Joshua Smith eine achtsätzige Suite nach barockem Vorbild geschrieben. Am Mittwoch fand nun im KKL die Schweizer Erstaufführung von «Flûte en suite» statt, wobei das Perfektionsstreben des amerikanischen Spitzenorchesters in brillanten Einzelleistungen zum Vorschein kam, aber nicht immer im Tutti.

Wechselspiel mit Vermittlerrolle

Wer etwa bei der Suite für Flöte und Orchestergruppen ein perfektes Wechselspiel zwischen dem Solisten und dem Orchester im Sinne eines barocken Concerto grosso erwartet hatte, stellte etwas ernüchtert fest: In diesem Spiel läuft nichts ohne die vermittelnde Rolle des Dirigenten Franz Welser-Möst – was den Dialog nicht ganz so spannend machte.

Der glänzende Flötist Joshua Smith sorgte dennoch für lebendige Momente: Mit virtuosen Verzierungen in der «Sarabande», der wiegenden Melodie im «Venezianischen Gondellied» oder in der «Cadenza», wo er mit der eigenen Stimme seine Flötenmelodie verdoppelte. Am Ende der Kadenz setzte das Orchester dann völlig überraschend mit dem letzten Satz aus Johann Sebastian Bachs h-Moll-Suite ein.

Technik bei Bach entdeckt

Dieser Übergang wirkte nicht etwa gekünstelt, sondern «organisch gewachsen und ausdrucksstark», wie auch der Solist im Gespräch meinte. Das 22-minütige Werk überrascht immer wieder mit raffinierten Einfällen – was sich aber je nach Tagesform des Publikums und Orchesters wohl nicht immer gleich gut vermitteln lässt. Die Lacher des KKL-Publikums hielten sich am Mittwoch in Grenzen. Der Witz fängt schon beim Titel «Flûte en suite» an. Ihn fasziniere Bachs h-Moll-Suite als wichtiger Teil des Barockrepertoires der Flöte, so Widmann. «Davon kann ich als Klarinettist nur träumen.» Der französische Titel seiner «suite» habe dabei mehrere Bedeutungen: «Da die Orchestergruppen ‹en suite›, das heisst nacheinander spielen, treten die Klangfarben der Flöte im Zusammenspiel mit allen Instrumenten des Orchesters hervor, ohne von diesen überdeckt zu werden.»

«En suite» könne aber auch im Sinne von «immer, fortlaufend» verstanden werden, so Widmann: «Die kontrapunktische Technik, wie sie Bach exemplarisch vorführt, hat mir früher viel Mühe bereitet. Beim Komponieren der ‹suite› erschien sie mir aber plötzlich als das natürlichste Mittel, um einen melodischen Gedanken weiterzuspinnen. Daher freut es mich zu hören, dass Joshua Smith das Werk als ‹organisch gewachsen› empfindet.»

Dass dabei ganz unterschiedliche musikalische Elemente verbunden werden – von barocken Verzierungsformen über mikrotonale Klänge bis hin zu Jazz-Akkorden –, erklärt Widmann ebenfalls aus kontrapunktischer Sicht: «Es geht nicht einfach um eine grosse Vielfalt, sondern um das, was diese Vielfalt eint.»

Mitreissender Sog

Das Flötenkonzert wurde umrahmt von der «Akademischen Festouvertüre» und der Sinfonie Nr. 1 von Johannes Brahms. Das Cleveland Orchestra unter der Leitung von Welser-Möst hinterliess auch hier einen starken, aber nicht ungetrübten Eindruck. Im Fall der Sinfonie trumpfte der glänzende Solohornist im vierten Satz mit scharfen Punktierungen auf, während andere rhythmische Motive im mitreissenden Sog der Masse verschwanden.