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Klettern mit Gehbehinderung: Olivier Ineichen überwindet seine Grenzen

Auch für Menschen mit Beeinträchtigung steht der Klettersport offen. Olivier Ineichen macht es vor – und lässt die Krücken an der Wand hinter sich. Im Pilatus Indoor in Root gibt es bald eine zweite betreute Klettergruppe.
Natalie Ehrenzweig
Olivier Ineichen klettert im Pilatus Indoor in Root, abgesichert von Daniel Spörli. (Bild: Pius Amrein, Root, 21. August 2019)

Olivier Ineichen klettert im Pilatus Indoor in Root, abgesichert von Daniel Spörli. (Bild: Pius Amrein, Root, 21. August 2019)

Als Olivier Ineichen an diesem Nachmittag mit seiner Freundin Brigitte die Kletterhalle «Pilatus Indoor» in Root betritt, beachtet er die verstohlenen Blicke der anderen Kletterer nicht. Sie schauen, weil der 26-Jährige an Krücken geht und seine Freundin im Rollstuhl sitzt. Schon auf den ersten Blick ist klar: Olivier Ineichen ist beeinträchtigt. Was macht er in der Kletterhalle?

Seit seiner Geburt – einer Frühgeburt – lebt Olivier Ineichen mit der Diagnose Cerebralparese (siehe Box). «Bei mir sind vor allem die Beine betroffen, ein wenig auch die Hände», erzählt der 26-Jährige. Seine Beine seien immer angespannt. «Es fühlt sich so an, als wäre ich immer am Rennen. Deshalb ist Gehen auch sehr anstrengend», sagt der Mann aus Oberalikon, Sins.

Cerebralparese

Wird das Gehirn eines Kindes während der Schwangerschaft, der Geburt oder in den ersten Lebensjahren geschädigt, kann dies eine cerebrale Bewegungsbehinderung zur Folge haben. «Das ist im Prinzip ein Steuerungsfehler im Gehirn, das die falschen Muskeln ansteuert. Das beinhaltet immer auch Spasmen», erklärt Olivier Ineichen.

Die Schwere der Beeinträchtigung kann ganz unterschiedlich ausfallen. Cerebralparese ist nicht heilbar, jedoch können mit gezielten Therapien Motorik und Muskulatur trainiert werden.

Er wollte nicht «der Behinderte» sein

Olivier Ineichen wollte nicht «der Behinderte» sein. Er wollte nicht einmal mit anderen Behinderten gesehen werden. «Ich hatte lange grosse Mühe damit, meine Behinderung zu akzeptieren. Dabei hatte ich Glück: Ich wurde nie ausgelacht oder so.» Als ich nach der obligatorischen Schulzeit in eine Behinderten-Institution kam, habe er sich zurückgezogen. Erst mit der Zeit habe sich Ineichen daran gewöhnt. Irgendwann wurde es normal für ihn. «Heute habe ich behinderte Freunde, meine Freundin sitzt im Rollstuhl, ja, ich arbeite jetzt sogar selbst im Büro einer Behinderten-Institution», meint er schmunzelnd.

Als Olivier Ineichen mit seinen Krücken die Treppe zu den Kletterwänden herunter geht, verfolgen ihn erstaunte Augen. Sein heutiger Kletterpartner Daniel Spörli, Geschäftsführer von Pilatus Indoor, hilft ihm, den Klettergurt anzuziehen – das ist aber auch der einzige Unterschied zu den anderen Kletterern. Gegenseitig überprüfen sie einander. Dann klettert der 26-Jährige los, natürlich ohne seine Krücken. Behutsam und kontrolliert platziert er seine Füsse auf den Tritten. Daniel Spörli bemerkt:

«Olivier klettert wie andere Anfänger. Mir fällt nur auf, dass er technisch sauberer klettert, als andere, die mehr Kraft haben.»

Vor bald zwei Jahren begann Olivier Ineichen mit dem Klettersport. «Ich hatte an der Swiss-Handicap-Messe das Klettern ausprobiert und habe mich dann gleich der betreuten Klettergruppe für Menschen mit Beeinträchtigung hier im Pilatus Indoor angeschlossen», erzählt er. Sport ist für ihn doch schon lange ein Thema. Natürlich kann er nicht jede Sportart ausüben: «Fussball ging zum Beispiel nicht. Aber ich bin eine Weile Handbike gefahren, und habe Rollstuhl-Basketball gespielt. Vor ein paar Jahren fing ich dann mit Krafttraining und Fitness an».

Ein Sprung mit dem Fallschirm

Ob Olivier Ineichen mit anderen Behinderten oder mit «Gesunden» Sport treibt, spielt für ihn keine Rolle. «Wenn ich am Klettern bin, bin ich darauf konzentriert, da beachte ich die anderen gar nicht», erklärt er. Und eigentlich würde er sich sowieso wünschen, dass dies gar kein Thema wäre und Kletterbegeisterte einfach gemeinsam klettern würden. Dass man nicht über «Integration» sprechen müsste. Denn eigentlich geht es Olivier Ineichen nicht anders, als all den anderen in dieser Kletterhalle. Er betont:

«Es gibt die Grenzen, die dir dein Körper setzt. Und dann gibt es diejenigen, die dir dein Kopf setzt. Und diese Grenzen kannst du selbst verschieben.»

Beim Klettern hat Olivier Ineichen ein paar Grenzen: Er kann seine Kletterpartner nicht sichern, da er das sitzend tun müsste und so einen Sturz nicht dynamisch bremsen könnte. «Ausserdem bin ich nicht so beweglich und hab wenig Kraft. Ich arbeite im Büro und habe einen kurzen Arbeitsweg. Es ist deshalb sehr wichtig, dass ich sehr regelmässig trainiere. Auch, damit ich meinen Oberkörper besser stabilisieren kann». Schmerzen hat Olivier Ineichen nur in einem Fuss, der wenig Kraft hat und deshalb im Gelenk hängt.

Wenn der 26-Jährige regelmässig am Klettertraining teilnimmt, fühlt er sich fitter, auch wenn ihm manchmal die Höhe Mühe macht. Auch seine Schwester kommt manchmal zum Klettern mit. «Man muss einfach ausprobieren, wollen. Ich verschiebe meine Grenzen auch: Ich wollte Fallschirmspringen und habe mir fast in die Hosen gemacht. Ich habe mir Sorgen gemacht, ob das mit den Beinen funktioniert. Dann bin ich einfach gesprungen», erzählt er lachend.

Hinweis: Am Samstag, 14. September, 10.00–12.00/14.00–16.00 findet in der Kletterhalle Pilatus Indoor in Root ein Schnuppertag für Menschen mit Beeinträchtigung statt. Infos: www.pilatusindoor.ch

Olivier Ineichen (links) und Daniel Spörli bei der gegenseitigen Kontrolle am Boden. (Bild: Pius Amrein, Root, 21. August 2019)

Olivier Ineichen (links) und Daniel Spörli bei der gegenseitigen Kontrolle am Boden. (Bild: Pius Amrein, Root, 21. August 2019)

Freizeitklettern für Menschen mit Beeinträchtigung

Seit knapp zwei Jahren bietet Pilatus Indoor in Root eine betreute Freizeit-Klettergruppe für Menschen mit Beeinträchtigung an. Ziel ist neben dem Training auch die Integration. «Klettern ist für alle Menschen offen, es stärkt das Selbstvertrauen und den Körper – die Muskulatur, die Motorik, die Beweglichkeit, die Ausdauer. Wir möchten dazu beitragen, dass gegenseitig Vorurteile abgebaut werden», erklärt Caroline Käser, die die Gruppe leitet.

Sie sei immer wieder beeindruckt, wie sehr die Teilnehmer an ihre Grenzen und darüber hinaus gehen. «Am Anfang haben sie vielleicht Angst, aber wollen unbedingt bis ganz nach oben. Zum Teil benötigen sie dazu ein halbes Jahr. Sie haben einen unglaublichen Willen und sind sehr motiviert», so Caroline Käser. Eine Herausforderung seien manchmal die unterschiedlichen Beeinträchtigungen. «Und der Spagat zwischen Integration, Inklusion und schlicht den Vorschriften und Standards im Sport», bemerkt sie. Da die Nachfrage gross ist, bietet Pilatus Indoor ab Herbst ein zweites Gruppentraining an.

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