Klimabewusstsein macht bei der Hochschule Luzern – Technik & Architektur in Horw längst Schule

Dass der Klimaschutz in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, freut die Hochschule Luzern. Sie forscht seit Jahren in diesem Feld und warnt davor, untätig zu bleiben.

Ismail Osman
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Das Jahr 2019 beginnt mit den Klimastreiks der Schüler. Im März wird der Klimawandel zum alles dominierenden Thema der Luzerner Kantonsratswahlen – bei dem die Grünen insgesamt 8 Sitze dazugewannen. Und auch die National- und Ständeratswahlen vom Oktober weisen sich als «Klimawahl».

2019 wird als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem Klimafragen definitiv in der Mitte der Gesellschaft ankommen. Sorgen über den Klimawandel und die Forderung nach Nachhaltigkeit sind zwar nicht neu, sie haben in der Schweiz jetzt aber so viel Gewicht wie kaum je zuvor.

Klimaneutralität als Ziel: «Wegweisender Moment»

Wie münzt man dieses Gewicht nun aber in konkrete Massnahmen und Veränderungen um? Was muss getan werden, um den Forderungen der Bevölkerung gerecht zu werden? «Den wichtigsten Impuls dazu gab der Bundesrat zwischen den Wahlen, im August», sagt Andrea Weber Marin, Leiterin Forschung und Entwicklung und Vizedirektorin der Hochschule Luzern – Technik & Architektur. Weber spricht das damals verkündete Ziel einer klimaneutralen Schweiz bis 2050 an. «Das war ein absolut wegweisender Moment – nicht zuletzt auch für uns. Das Departement Technik & Architektur setzte schon vor Jahren bewusst seine Forschungsschwerpunkte bei den Themen Energieeffizienz und Nachhaltigkeit.» Weber ergänzt:

«Das nun artikulierte Ziel des Bundes bestätigt unseren Kurs und öffnet neue Ausblicke in Sachen Forschung und Entwicklung.»

Beispiele alternativer Energiegewinnung, die in Richtung Klimaneutralität gehen – und an deren Erforschung und Entwicklung sich die Hochschule Luzern – Technik & Architektur beteiligt hat – bestehen bereits. Auch in unserer Region. Weber sagt:

«In den vergangenen Jahren ist das Bewusstsein gewachsen, das zu nutzen, was von Natur aus vor Ort vorhanden ist.»

So gibt es heute gleich mehrere Beispiele, in denen die Seewärme des Vierwaldstättersees zum Heizen genutzt wird. In Weggis etwa wurde vor rund einem Jahr ein Seewasserpumpwerk eröffnet. Heute lassen sich damit rund 150 Wohneinheiten, darunter alle Dorfschulhäuser, ein Hotel, der Volg und die Kantonalbank, mit Seewasser klimaneutral heizen oder kühlen.

Mit See-Energie sollen künftig auch grosse Teile von Horw und Kriens versorgt werden. Im Gebiet des Technikums in Horw finden derzeit entsprechende Bauarbeiten statt:

Verlegte Rohre für die Nutzung von Seewärme beim Ziegeleiareal in Horw.

Verlegte Rohre für die Nutzung von Seewärme beim Ziegeleiareal in Horw.

Bild: Manuela Jans, 6. Dezember 2019

Weber sagt: «Solche Projekte haben eine konkrete Wirkung und eine Leuchtturmfunktion. Sie zeigen, was technisch bereits möglich ist.»

Fast ein Drittel der geplanten Wirkung verpufft

Neue technologische Möglichkeiten zu erforschen und zu erarbeiten gehört zur Kernaufgabe Webers und ihrer Forschungsabteilung. Dennoch warnt die studierte Umweltnaturwissenschaftlerin davor, dass neue technische Möglichkeiten alleine nicht viel bringen würden. Zwar würden gerade in der Schweiz fleissig neue, energieeffizientere technische Möglichkeiten in der Praxis angewendet – etwa im Bereich der Gebäudetechnik (beispielsweise bei Minergiebauten oder dem Einsatz von Wärmepumpen).

Nur würden diese oft nicht effizient genug genutzt. «Wir sind hier teilweise mit gewaltigen Performance-Gaps konfrontiert.» Verbraucht ein Heizsystem in der Praxis mehr Energie wie geplant, so spricht man von einem Performance-Gap. Der Faktor Mensch spiele dabei meist die entscheidende Rolle, so Weber.

«Ein neues System alleine bringt nicht viel, wenn die Nutzer dieses nicht verstehen und korrekt nutzen können.»

Durchschnittlich verpuffe wortwörtlich fast ein Drittel der geplanten Wirkung. Weber ist überzeugt: Die Nutzer – ob nun die Besitzer eines Einfamilienhauses oder die Mitarbeiter in einem Grossraumbüro – müssten besser im Umgang mit der eingesetzten Technik geschult werden.

Klare Zeitvorgabe als «Katalysator» für Impulse

So gesehen stellt sich die Frage, ob die vom Bund geforderte Klimaneutralität innert 30 Jahren überhaupt ein realistisches Ziel ist? «Das muss es einfach sein», sagt Weber bestimmt. Ein klar definierter Zeithorizont sei oft Katalysator für neue Impulse und Forschungsansätze. Alles andere berge massive Konsequenzen: «Es ist ein massiver Unterschied, ob die Temperatur im Mittel bis 2050 um zwei oder sieben Grad ansteigt.»

Die Entwicklungen des «Klimajahres» verfolgt man am «Tech» mit grossem Interesse. Dass Anliegen, die für viele Forschende schon lange eine Passion seien, nun auch von einer grösseren Öffentlichkeit geteilt werden, habe man «mit grosser Freude» beobachtet, sagt Weber. Gewichtige Teile der Wirtschaft hätten aber noch nicht verstanden, was es geschlagen hat.

«Unsere Energieversorger scheinen etwa noch nicht wirklich dazu bereit, ihre Geschäftsmodelle in Frage zu stellen. Das ist jedoch zwingend notwendig, um innovative neue Wege zu finden.»

Hier hofft Weber auf die Wirkung eines kontinuierlichen öffentlichen Druckes. «Ich glaube, der Ernst der Lage wurde erkannt. Nun muss auch danach gehandelt werden.»