KNUTWIL BAD: Er führte mit «liebevoller Strenge»

Hanspeter Achermann ist seit 40 Jahren in der Jugendhilfe tätig. Als Direktor des Jugenddorfs Knutwil kamen ihm auch die Erfahrungen seiner Jugend zugute. Ein Fragezeichen setzt er hinter eine Strategie des Kantons und deren Folgen für die Institution.

Roseline Troxler
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Das Jugenddorf war 13 Jahre sein zweites Zuhause: Hanspeter Achermann vor dem Tagungszentrum. (Bild: Pius Amrein (Knutwil Bad, 28. Juli 2017))

Das Jugenddorf war 13 Jahre sein zweites Zuhause: Hanspeter Achermann vor dem Tagungszentrum. (Bild: Pius Amrein (Knutwil Bad, 28. Juli 2017))

Roseline Troxler

roseline.troxler@luzernerzeitung.ch

«Wenn du so weitermachst, landest du einmal in Knutwil», hatte sein Lehrer prophezeit – und recht behalten. Gemeint hat er eine Platzierung im Jugenddorf. Doch Hanspeter Achermann kam erst 35 Jahre später und auch nicht, weil strafrechtliche Massnahmen angeordnet wurden. Als Direktor steht er der Institution seit 13 Jahren vor. Er führt 65 Mitarbeiter – inklusive der Produktion – und trägt die Hauptverantwortung für die platzierten Jugendlichen. Derzeit gibt es 41 Plätze. Das Heim bietet nebst den Wohngruppen eine Schule und Ausbildungsplätze in den eigenen Betrieben an.

Ende August gibt Achermann die Leitung des Jugenddorfs ab. Der 62-Jährige, der seit September im Stadtrat Sempach sitzt, will einen Gang zurückschalten.

Mit 14 Jahren kam er in eine Pflegefamilie

Als 14-Jähriger hat Hanspeter Achermann seine Eltern verloren. Er wurde in eine Pflegefamilie platziert. «Ich habe damals erfahren, was es heisst, wenn man sich nicht verstanden fühlt und gekränkt wird.» Da seine Schwester das Lehrerseminar absolvierte, habe er sich für denselben Weg entschieden, um einfach wegzukommen und selber Verantwortung zu übernehmen. In der Ausbildung war ein Sozialeinsatz Pflicht. Achermann lernte so die Jugendhilfe kennen. Die Arbeit mit «schwierigen Jugendlichen» habe ihn erfüllt. Es folgte ein Praktikum und die Ausbildung zum Sozialarbeiter. Vor dem Wechsel nach Knutwil war Achermann bereits während 15 Jahren Leiter der sozialpädagogischen Institution Wäsmeli in Luzern.

Seine Biografie habe ihm geholfen, den Jugendlichen stets mit Respekt und Wertschätzung zu begegnen, sagt Achermann und erklärt seine Haltung als «eine liebevolle Strenge mit Betonung auf liebevoll». Eine klare Wertvorstellung und ein förderliches Klima waren ihm von Anfang an wichtig. «Bei meinem Antritt ­hatten die Häuser für mich den Groove einer Anstalt.» Heute seien sie sehr wohnlich – eine wichtige Voraussetzung in der Pädagogik, um die Jugendlichen «auf die richtige Spur zurückzubringen».

Die Ordensbrüder von Jean Baptiste de La Salle, die das Heim geleitet haben, erbauten vor ihrem Rückzug in den 60er-Jahren eine Kapelle. Achermann liess sie zu einem Tagungszen­trum umbauen. «Das Jugenddorf liegt ab vom Schuss, daher müssen wir die Leute zu uns holen.» So könne sich die Institution präsentieren – laut Achermann auch eine Gelegenheit, sich gegen Vorwürfe wie Kuscheljustiz und zu hohe Kosten zu wehren.

Zahl der Platzierungen ist zurückgegangen

Ins Jugenddorf kommen Männer zwischen 14 und 22 Jahren aus Deutschschweizer Kantonen, bei welchen strafrechtliche oder zivilrechtliche Massnahmen angeordnet wurden. In den letzten Jahren ist die Zahl der Platzierungen zurückgegangen. Es werden weniger jugendstrafrechtliche Massnahmen verfügt. Zudem hat die Strategie des Kantons, die auf «ambulant vor stationär» setzt, Auswirkungen. Obwohl diese im Grundsatz gerechtfertigt sei, sieht Achermann auch Nachteile: «Heute wird zu lange gewartet und zu viel ausprobiert, bis Jugendliche fremdplatziert werden.» Jedes Scheitern beeinflusse das Selbstwertgefühl. Damit ambulante Massnahmen fruchten, müsse das Umfeld der Jugend­lichen einigermassen stimmen. Weniger Platzierungen seien eine vermeintliche Sparmassnahme.

Die Gründe für eine Fremdplatzierung sind vielfältig: Jugendliche können in schwierigen Verhältnissen oder gut betucht an der Goldküste aufwachsen. «Sie alle sind in eine Krise geraten.» Im Schnitt verbringen sie zweieinhalb Jahre im Heim. Gelinge es, die Jugendlichen aus der Negativspirale zu führen, sei dies auch wirtschaftlich ein Erfolg, betont er und verweist auf die sonst wiederkehrenden Kosten im Massnahmevollzug. Die Erfolgsquote liege bei zwei Dritteln. Ein Drittel schafft es auf Anhieb, das zweite benötigt nochmals eine Massnahme. «Die anderen entscheiden sich leider für ein schwieriges Leben», sagt Achermann, wenn der Heimaufenthalt nicht von Delikten abhalte.

Zwei Situationen haben ihn besonders belastet

Trotz schwieriger Situationen konnte der dreifache Vater in den letzten Jahren gut abschalten. Als Direktor sei ihm das bloss zweimal nicht gelungen: einmal, als ein Jugendlicher sich «ohne vorgängig ersichtlichen Grund oder Konflikt» vor den Zug warf, und ein zweites Mal, als ein Jugendlicher von Mitbewohnern gewalttätig misshandelt wurde.

Einen Ausgleich fand der «Genussmensch» beim Kochen, Essen, auf dem Golfplatz oder an kulturellen Veranstaltungen. In seiner Karriere hat Achermann vier Jahrzehnte in der Jugendhilfe miterlebt. «Früher war die Tätigkeit mehr eine Berufung, heute ist sie eine Profession.» Man arbeite professioneller, sei besser ausgebildet, was er sehr begrüsse. Die stetige Abgrenzung der Bezugspersonen komme den Jugendlichen aber auf der anderen Seite nicht unbedingt zugute. Dies, obwohl er Verständnis für einen guten Ausgleich habe. Für Hanspeter Achermann ist die ­stationäre Jugendhilfe bis heute «eine Herzensangelegenheit».