KNUTWIL: Jugenddorf muss Plätze abbauen

Immer seltener werden Problemjugendliche in Institutionen einquartiert. Das Jugenddorf muss Konsequenzen ziehen. Das kostet drei Angestellten den Job.

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Das Jugenddorf steckt in Schwierigkeiten, es müssen Angestellte entlassen werden. Im Bild: ein Jugendlicher während seiner Ausbildung in der Schlosserei. (Archivbild Dominik Wunderli)

Das Jugenddorf steckt in Schwierigkeiten, es müssen Angestellte entlassen werden. Im Bild: ein Jugendlicher während seiner Ausbildung in der Schlosserei. (Archivbild Dominik Wunderli)

Das Jugenddorf St. Georg in Knutwil ist für Jugendliche mit schulischen oder sozialen Problemen oft der letzte Rettungsanker; ebenso für jene, denen der Aufenthalt jugendstrafrechtlich verordnet wurde. Die Stätte blickt nun aber ungewissen Zeiten entgegen: Ende Jahr wird eine der fünf Wohngruppen geschlossen. Neun der 50 Plätze gehen verloren. «Die Nachfrage von Platzierungen nahm massiv ab», sagt Direktor Hanspeter Achermann. «Damit fehlen uns die nötigen Einnahmen.»

Entlassungen «unvermeidbar»

Weniger Platzierungen: Ein Blick in die Statistik untermauert Achermanns Aussage. 2010 wurden im Rahmen des Jugendsanktionsvollzugs schweizweit 861 Jugendliche platziert, im letzten Jahr waren es noch 480. «Ich habe meine Zweifel, dass die Zahl der Delikte im gleichen Mass rückläufig war», sagt Achermann. Er habe den Eindruck, man weiche teilweise aufgrund von Spardruck auf günstigere, ambulante Angebote aus.

Die Schliessung der Wohngruppe zieht einen Stellenabbau nach sich: «Drei Entlassungen werden sich nicht vermeiden lassen», sagt Achermann. «Wir suchen für die Betroffenen nach einer Lösung in verwandten Institutionen.» Eine Lehrperson hat bereits Ende September die Kündigung eingereicht. Ein Sozialpädagoge tritt unabhängig der momentanen Entwicklung bald eine neue Stelle an.

Schon länger in den roten Zahlen

Das Jugenddorf besteht seit 1926. Lange von Ordensbrüdern geleitet, wurde das Heim Anfang der 1970er-Jahre in eine weltliche Institution umgewandelt. Schulpflichtige Knaben werden in Klassen von maximal sechs Schülern unterrichtet, die älteren können sich zum Koch, Maler, Lackierer, Betriebswart, Schreiner oder Schlosser ausbilden lassen. Im Februar wurde eine Trainingswerkstatt eröffnet, um Jugendlichen den Einstieg in eine Lehre zu erleichtern.

In den letzten sechs Jahren schrieb das Jugenddorf allerdings nur einmal schwarze Zahlen – 2014, als Rückstellungen für die Pensionskasse aufgelöst wurden. Zudem gibts Altlasten abzutragen – darunter jährliche Rückzahlungen von 240 000 Franken an frühere Darlehen des Kantons. «Für 2015 rechnen wir mit einem Verlust, der die finanziellen Reserven der Stiftung in der Höhe von 350 000 Franken übersteigt», sagt Erna Müller-Kleeb, Präsidentin des Stiftungsrates. «Um die Liquidität der Institution zu sichern, mussten wir den Tatsachen ins Auge sehen und handeln.»

Rund 10 Prozent des Budgets machen Subventionen des Bundes aus. 20 Prozent erwirtschaftet das Jugenddorf mit Dienstleistungen oder dem Verkauf von Produkten. Haupteinnahmequelle sind Platzierungen. Jeder einweisende Kanton zahlt pro Tag und Person zwischen 400 und 600 Franken. «Die Abgeltungen des Kantons Luzern waren bereits in den letzten Jahren nicht kostendeckend», sagt Achermann. «Eine zusätzliche Schwierigkeit: Nur rund 40 Prozent der Bewohner stammen aus Luzern. «Kantone wie Zürich oder Bern haben aus Spardruck inoffiziell Weisungen erlassen, Jugendliche nicht mehr ausserkantonal zu platzieren, um die eigenen Institutionen auszulasten. Das bekommen wir zu spüren.»

Neubeurteilung im Herbst 2016

Der angespannten Lage zum Trotz: Wie Stiftungsratspräsidentin Erna Müller wehrt sich auch Direktor Hanspeter Achermann gegen Schwarzmalerei. «Eine Schliessung des Jugenddorfs oder ein grosser Abbau von bewährten Angeboten stehen nicht zur Diskussion», sagt er. «So dramatisch ist es nicht. Im Herbst 2016 wird die Situation neu evaluiert.» Geht es nach Achermann, dürften die Platzierungen wieder steigen: «Ab 2017 machen sich geburtenstarke Jahrgänge bemerkbar. Auch die zunehmende Zahl unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge wird Auswirkungen haben.» Man wolle deswegen nichts überstürzen und lasse die frei werdende Gruppenwohnung vorerst unbesetzt, sagt Achermann. «Es laufen Abklärungen, ob allenfalls Bedarfslücken im Versorgungsnetz des Kantons vorhanden sind, die in unser Konzept integriert werden könnten.»

Evelyne Fischer