Kolumbianische Aktivisten hoffen auf Schweizer Schützenhilfe

Umweltzerstörung und systematische Menschenrechtsverstösse: Das werfen zwei kolumbianische Menschenrechtsaktivisten der Glencore vor. Unlängst waren sie in Luzern – auch, um für eine Schweizer Volksinitiative zu weibeln.

Raphael Zemp
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Aktivisten demonstrieren vor dem Sitz der Glencore in Zug gegen deren Minen in Kolumbien und Argentinien. (Archivbild: Neue ZZ)

Aktivisten demonstrieren vor dem Sitz der Glencore in Zug gegen deren Minen in Kolumbien und Argentinien. (Archivbild: Neue ZZ)

Köpfe recken sich zur Leinwand. Ein farbenfroher Animationsfilm flimmert über die Leinwand. Er führt an diesem Mittwochabend im Sentitreff in der Stadt Luzern in ein beklemmendes Thema ein. Die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien (ASK) organisierte eine Informationsveranstaltung, welche Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden der Mine El Cerrejón thematisiert. Die Mine liegt im nordöstlichsten Zipfel Kolumbiens, in der Provinz Guajira und ist die grösste Tagbausteinkohlemine weltweit.

Das Thema betrifft die Schweiz. Nicht nur weil fast die Hälfte der geförderten Steinkohle nach Europa exportiert wird und ein Teil davon etwa über deutsche Kohlekraftwerke als Strom in die Schweiz fliesst. Nein, auch weil die knapp 700 Quadratkilometer grosse Tagbaumine zu gleichen Teilen der australischen BHP Billiton, der englischen Anglo American – sowie dem Schweizer Rohstoffunternehmen Glencore gehört.

Für diese Rohstoffmultis ist El Cerrejón eine wahre Geldgrube. In etwas mehr als dreissig Jahren sind dort über 650 Millionen Tonnen Steinkohle aus dem Boden gesprengt und gebaggert worden. Der Anstrengungen von über 15000 Personen hätte es bedurft, um diesen «Traum Realität werden zu lassen», schreibt der Minenbetreiber Cerrejón im Nachhaltigkeitsbericht aus dem Jahr 2016. Im selben Dokument äussert sich auch der damalige CEO von Cerrejón, Roberto Junguito, mit den Worten: «Cerrejón ist der Beweis, dass richtig gemanagter Bergbau völlig kompatibel ist mit Umweltschutz.»

Staublungen und verseuchte Böden

Dezidiert anderer Meinung sind die Sozialwissenschafterin Jenny Paola Ortiz, die für die Nonprofit-Organisation CINEP arbeitet und sich seit über zehn Jahren für die Interessen der afrokolumbianischen und indigenen Gemeinschaften einsetzt, sowie Samuel Arregocés, der sich als Sprecher einer afrokolumbianischen Gemeinde für die Rechte der vom Bergbau betroffenen Gemeinden stark macht.

Was die beiden schildern auf ihrem zweiwöchigen Aufklärungstrip durch die Schweiz mit Zwischenhalt in Luzern, findet sich nirgends in den über 100 Seiten starken Nachhaltigkeitsreports des Minenbetreibers Cerrejón: Von Kohlestaub gezeichnete Kinderlungen, die schlimmer aussehen als jene eines jahrzehntelangen Kettenrauchers; Schwermetalle in Boden und Wasser, in Pflanzen und Tieren; Flüsse, die umgeleitet, gestaut oder gar komplett ausgetrocknet sind – und so Wasser in der einst wasserreichen Region zu einem knappen Gut haben werden lassen; Indigene und afrokolumbianische Gemeinden, die gewaltsam vertrieben oder aber systematisch schikaniert und in ihren Rechten beschnitten werden.

Es ist eine Geschichte der rücksichtslosen Zerstörung der Natur, der lokalen Gemeinden und ihrer Lebensgrundlage, die Ortiz und Arregocés an diesem Abend vortragen und fortwährend mit teils verstörendem Bildmaterial untermauern. Und es ist jene Sicht, die nicht nur die Veranstalterin ASK teilt, sondern auch Menschenrechtsorganisationen wie Swissaid und Multiwatch. Auch die deutsche «Wirtschaftswoche» betitelte vergangenes Jahr eine Reportage mit «An dieser Kohle klebt Blut».

Kommission berät über Gegenvorschlag

In Kolumbien habe man bereits alles unternommen, den Rechtsweg wo immer möglich ausgeschöpft, allerdings ohne dass sich dabei etwas zum Besseren verändert hätte. «Wir haben sogar einzelne Gerichtsprozesse gewinnen können. Umgesetzt sind deren Urteile aber bis heute nicht», sagt Arregocés.

Entsprechend grosse Hoffnung setzten die Gäste aus Kolumbien deshalb in die Konzernverantwortungs-Initiative, über deren Gegenvorschlag derzeit eine Subkommission des Ständerates berät. Diese verlangt, dass Schweizer Unternehmen sowie ihre Subunternehmen für Verstösse gegen Menschenrechte und internationale Umweltstandards zivilrechtlich belangt werden können.

Sollte die Initiative oder ihr Gegenvorschlag angenommen werden, dann prozessiere man unverzüglich gegen Glencore, sagt Arregocés. Denn selbst wenn man diesen verlieren würde, auch der Ruf des Rohstoffmultis Glencore bekäme weitere Kratzer – was wiederum ein gutes Vorzeichen für Verbesserungen wäre. Denn zu einem Umdenken könne man die Rohstoffmultis nur dann zwingen, wenn es an ihr Eingemachtes geht, glaubt Arregocés: «Ans Image oder Portemonnaie».

Menschenrechte hätten laut Glencore «erste Priorität»

Glencore-Sprecherin Sarah Antenore schreibt auf Anfrage, dass die Einhaltung der Menschenrechte in ihrem Konzern «erste Priorität» geniesse. Zudem habe der Minenbetreiber Cerrejón über 200 individuelle und kollektive Projekte lanciert, um die Lebensgrundlage der Gemeinden vor Ort zu sichern. Und weiter: «Wie bei allen Abbauprojekten sind wir auch in Kolumbien darum bestrebt, den Einfluss auf die Umwelt sowie die lokale Bevölkerung so gering wie möglich zu halten.»

Glencore-CEO Glasenberg will in drei Jahren zurücktreten

An einem Treffen mit Investoren soll der langjährige Chef des Baarer Rohstoffkonzerns Glencore seinen Rücktritt angekündigt haben. In drei bis fünf Jahren soll ein Manager der jüngeren Generation aus dem Hause die Spitzenposition übernehmen.
Livio Brandenberg