KOLUMNE: Der Regent

«Der Regent» ist ein höchst fiktiver Zunftmeister einer ebenso fiktiven Zunft in einem noch fiktiveren Ort auf der Luzerner Landschaft. Er berichtet in dieser Kolumne über seine Fasnachtserlebnisse. Fiktive, natürlich.

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Froschbach Great Again!

Aschermittwoch. Wenn Ihr diese Zeilen lest, sind Ruhe und Ordnung wieder in Froschbach eingekehrt. Ich, Kunibert LXVIII., hochwohlgeborener Zunftmeister der Bachneunaugen-Zunft, trete als Regent auf dem Höhepunkt zurück.

Apropos Höhepunkt: Der letzte unserer rüüdig-verreckten Fasnacht war natürlich das traditionelle Verbrennen der Nünelis. Auch das ging heuer deutlich geordneter vonstatten als im Vorjahr unter dem unsäglichen, nicht besonders hochwohllöblichen Eberhard LXVII. Statt Hunderte Pappmaché-Attrappen von Bachneunaugen auf dem Scheiterhaufen sinnlos zu verbrennen, stellten unsere Jungzünftler, die Kaulquappen, gestern einen Gas-Kugelgrill auf den Dorfplatz. Zu Fuss umrundete die gesamte Zunft die Feuerstelle, auf der eine Handvoll Neunaugen-Attrappen in Flammen aufging. 30 Fasnächtler, die sich mit einem VIP-Pass für 100 Franken den Zugang zum Platz gesichert hatten, begleiteten das wunderbare und geordnete Schauspiel. Nach 15 Minuten war es zu Ende, und mit ihm auch die wohl grossartigste und bestorganisierteste Froschbacher Fasnacht aller Zeiten.

Die Bilanz von mir, Kunibert LXVIII., könnte nicht besser sein. Froschbach ist getreu dem diesjährigen Fasnachtsmotto «Great Again»! Die fasnächtliche Organisationsentwicklung (FOE 17) zeitigte erste Erfolge. Mit innovativen Ideen und Massnahmen hat die Bachneunaugen-Zunft im Vergleich zum letzten Jahr mehrere zehntausend Franken eingespart, die finanzielle Belastung für den Zunftmeister konnte bedeutend gesenkt werden. Ich bin fest überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis unsere Froschbacher Fasnacht Besucher aus der ganzen Schweiz anzieht – und die Bachneunaugen-Zunft regelmässig Gewinne schreibt. Das freut das Buchhalterherz!

Noch gibt es aber viel zu tun. Das Sparpotenzial muss weiter ausgeschöpft, die Einnahmen erhöht und die Ordnung und Sauberkeit erhöht werden. Meinem Nachfolger werde ich dabei mit Rat und Tat zur Seite stehen. Mit Ideen für ein FKP 18, dem «Fasnächtlichen Konsolidierungsprogramm 18».

Organisiert und sauber!

Wir, die Neunaugenzunft, sind dem Öffentlichkeitsprinzip verpflichtet. Das habe ich, der hochwohllöbliche Zunftmeister Kunibert LXVIII.,durch­gesetzt. Nicht zur Freude aller. Und deshalb möchte ich diesen Platz nun nutzen, um einiges zu erklären, so ihr es denn verstehen solltet. Alternative Fakten können andere erzählen.

Tatsache ist: Vorgänger Eberhard LXVII. hinterliess einen moralischen und finanziellen Scherbenhaufen. Die Leute brachten Fasnacht plötzlich mit Anarchie und ungezügeltem Feiern in Verbindung. Und die Kasse unserer hochwohllöblichen Bachneunaugen-Zunft zu Froschbach, einst prall gefüllt dank dem Kassenraub bei der Chrotteler Eulenzunft (ja, jetzt ist es mal gesagt!), weist nur noch einen sechsstelligen Betrag aus.

Da musste ein Buchhalter ran. Also ich, Kunibert LXVIII. Die bislang so hervorragend funktionierende fasnächtliche Organisationsentwicklung 17 (FOE17) ist da nur der Anfang. Meine Vision geht weiter: Um mehr Leute an die Froschbacher Fas­nacht zu locken, müssen wir alternativlos die Preise für die Parkplätze in und um Froschbach senken. Damit wir am Ende dennoch profitieren, er­höhen wir im Gegenzug den Preis für Wattebällchen (und Depot), Konfetti (und Depot), die Plakette und erheben eine vorgezogene Nutzungsgebühr für jeden Stehplatz an sämtlichen Fasnachtsanlässen.

Und es geht noch weiter: Bei den Altenbesuchen verteilt der hochwohlgeborene Zunftmeister nur noch nette Worte. Fertig Schenkeli und Kafi Schnaps! Das erhöht die Lebenserwartung unserer Liebsten, senkt die Pflegekosten und schont das Zunftmeister-Portemonnaie. Auf Schulbesuche wird verzichtet, die entsprechenden Lektionen ersatzlos gestrichen. Das freut die Gemeindekasse.

Die Zünfter der Bachneun­augen-Zunft sind begeistert. Das spüre ich, Kunibert LXVIII. Bei der Streichung des selbst­gebrannten Nüniwassers vernahm ich leise Opposition. Unver­ständ­lich. Denn Wasser ohne «Nüni» tuts doch auch. Nur so machen wir Froschbach schliesslich «great again»!

So muss ein Umzug sein

Der Umzug gehört natürlich auch in Froschbach zu den fasnächtlichen Höhepunkten. Nachdem dieser letztes Jahr etwas ausgeartet ist (ich sage nur: Farbkanone ...), war es für mich, Zunftmeister Kunibert LXVIII., an der Zeit, kleine, aber feine Änderungen vorzunehmen – ganz im Sinne der Ordnung und der Sparsamkeit sowie der fasnächtlichen Organisationsentwicklung (FOE 17).

Das bewährte Depot-System habe ich auch auf die Konfetti ausgeweitet. Die Abgabe von einem Jeton pro Konfetti war zwar etwas aufwendig, aber der Erfolg gab uns Recht: Dorfstrasse und -platz waren auch nach dem Umzug noch blitzblank. Und sollte doch noch irgendwo ein Konfetti rumliegen, freut das die Bachneunaugen-Kasse: Jedes nicht retournierte Fötzeli ist schliesslich bares Geld wert. Das freut das Buchhalterherz!

Für alle anderen war der Umzug gewiss ein grosses Erlebnis. Da sich die Musigen und Gruppen gestern im geordneten Marschschritt zu bewegen und sich unter Strafe an den exakten Zeitplan einzuhalten hatten – Ordnung muss sein –, ging alles wunderbar gesittet zu und her. Nach exakt 1 Stunde 3 Minuten und 18 Sekunden endete der grossartige Umzug. Keine Sekunde später als geplant. So geht Fasnacht! Rüüdig verreckt!

Und auch bei der güldenen Zunftkutsche setzte ich den Hebel an: Kutscher Chläus war zwar weiterhin dabei – nicht aber seine Barockpinto-Hengste.

Ihre Aufgabe übernahmen unsere sechs Neuzünfter, die Kaulquappen, die sich auch mächtig ins (Zaum-)Zeug legten. Keine Pferdemiete, keine «Rossbomele» auf der Strasse. Diese Rechnung ging auf!

Fast. Denn die Kaulquappen bestanden vor Abmarsch tatsächlich darauf, mit unserem selbst gebrannten Nüniwasser entlöhnt zu werden. Ein Liter pro Kilometer und Person! Zähneknirschend willigte ich ein – zum Wohl der Froschbacher Fasnacht und des Zeitplans. Dran glauben musste dafür die Kutsche, von der ich das Blattgold klaubte, um wenigstens einen Teil der Kosten wieder ins zunftmeisterliche Portemonnaie zu holen ...
 

Watte statt Orangen

Freitag, 7.30 Uhr: Tagwach. Der erste Höhepunkt der Froschbacher Fasnacht. Ich, Kunibert LXVIII., hochwohllöblicher Zunftmeister der Bachneun­augen-Zunft, war da voll in meinem Element. Obwohl ich an unserer uralten, 39-jährigen Tradition heuer ein paar kleine Änderungen vornehmen musste.

Rückblende: Dieletzte Tagwach artete ein klein wenig aus. Einige hochwohlgeborene Zünfter haben die Orangenschlacht etwas zu wörtlich genommen, insbesondere unser damaliger Zunftmeister Eberhard LXVII. Erstes Opfer war der hochwohlgeborene alt Zunftmeister Munibert, den eine eberhardsche Orange hinterrücks vom Podium stürzte. Danach ging es erst richtig los: Scheiben gingen zu Bruch, jeder bewarf jeden. Blut(-Orangen)-Spuren an den Fassaden des Froschbacher Dorfplatzes zeugen noch heute vom Chaos. Kostenpunkt für die Zunft: Mehrere 10 000 Franken. Da blutet das Buchhalterherz.

So gings natürlich nicht weiter. Mit dem Beizug eines Crowd-Mänätschers hat die hochwohllöbliche Neunaugen-Zunft reagiert und dessen einfachen, aber effektiven Massnahmen heuer umgesetzt: Verschiebung der Tagwach auf Freitag, nur noch maximal 70 Leute gleichzeitig auf dem Dorfplatz, und statt Orangen werden Wattebällchen geworfen, die nur gegen Vorlegen eines Ausweises abgegeben werden. Ein Depotsystem sorgt dafür, dass die Watte nach dem Wurf nicht einfach auf dem Boden liegen bleibt. Eine Massnahme der «fasnächtlichen Organisationsentwicklung» 17 (FOE 17)!

Es war ein voller Erfolg: So geordnet und sauber verlief wohl noch keine Tagwach in Froschbach. Unserem rüüdig verreckten Motto «Make Froschbach great again!» wurden wir damit mehr als gerecht: Haben die Neunaugen – und insbesondere ich, Kunibert LXVII. –, damit doch einen neuen Massstab für Froschbacher Grossveranstaltungen gesetzt. Das soll uns der Turnverein erst mal nachmachen! Und, ganz unter uns: Watte ist deutlich günstiger als Orangen – das freut das Zunftmeister-Portemonnaie ...

Kunibert stellt sich vor

Gestatten, Kunibert der LXVIII., seines Zeichens ehrenfester Zunftmeister der Bachneunaugen-Zunft Froschbach. Ihr erinnert euch: Vor gut einem Jahr lasen Sie an dieser Stelle Beiträge meines Vorgängers Eberhard LXVII. Aber hier geht es nun ja schliesslich um mich, Kunibert LXVIII. Als gestandener Buchhalter, seit neun Jahren fest verankert in Froschbach, verheiratet mit Friedeliese und stolzer Vater von Friedhart (16), Friederun (13) und Chayenne (5).

Die Ernennung zum Regenten über die legendäre Neunaugen-Fasnacht war – ich muss es sagen – keine Überraschung. Schon im letzten März hat mich unser hochwohllöbliches Wahlgremium, bestehend aus alt Zunftmeister Melvin LXVI. und Weibel Munibert, angesprochen. Nach der chaotischen und teuren Fasnacht mit Eberhard LXVII. wollte das Gremium mehr Seriosität. Da waren sie bei mir an der richtigen Adresse: Ich stehe für Ordnung und finanzielle Disziplin. Mit der «Fasnächtlichen Organisationsentwicklung 17» (FOE 17) legte ich auch gleich einen entsprechenden Plan vor. Er entlastet den Zunfthaushalt ohne merkliche Einschnitte (und insbesondere das Zunftmeister-Portemonnaie, Anm. d. Red.).

Die Antrittsrede im «Egusau» war ein erster Höhepunkt: Routiniert dankte ich in einer gehaltvollen Rede allen Verwandten, Bekannten und Unbekannten namentlich und von Herzen, lobte die Arbeit der Bachneunaugen-Zunft – die einen bedeutenden Beitrag dazu geleistet hat, dass das Bachneunauge zum Fisch des Jahres 2017 erkoren wurde – in höchsten Tönen. Nach nicht einmal zwei Stunden beendete ich meine Rede mit der Bekanntgabe des neuen, rüüdig-verreckten Mottos: «Make Froschbach Great Again»!

Die Begeisterung im «Egusau» war gross. Nachdem auch der Hinterste und Letzte sein Nickerchen beendet hatte, flogen Hüte und Plaketten durch die Luft, unser selbst gebranntes «Nüniwasser» floss in Strömen. Vielleicht etwas viel Unordnung für meinen Geschmack. Und zu viel Geld wird auch verprasst. Aber das wird sich nun ändern!

kanton@luzernerzeitung.ch
 

Hinweis
«Der Regent» ist ein höchst fiktiver Zunftmeister einer ebenso fiktiven Zunft in einem noch fiktiveren Ort auf der Luzerner Landschaft. Er berichtet in dieser Kolumne über seine Fasnachtserlebnisse. Fiktive, natürlich.