Kolumne
«Schnee von gestern:» Beim Impfen in der Warteschlange – und warum ich bei Hantelscheiben ins Grübeln kam

Hans Graber
Hans Graber
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Eine Frau hebt eine Hantel

Eine Frau hebt eine Hantel

Symbolbild: Urs Bucher

Der Kanton Luzern ist wieder kreativ. Nachdem man medienwirksam die landesweit erste Person geimpft hatte, war danach das Pulver bald verschossen. Aber jetzt geht etwas. Registrierte kriegen alle drei Wochen ein SMS. Darin heisst es, man sei weiterhin «erfolgreich angemeldet» und befinde sich in der «Warteschlange». Das weiss ich zwar schon seit Mitte Januar, aber der Kanton Luzern denkt eben zukunftsgerichtet weiter. Unter uns Alten grassiert bekanntlich die Vergesslichkeit, mitunter schreitet Alzheimer rasant voran. Da ist es hilfreich, wenn man seitens der Behörden alle paar Wochen per SMS daran erinnert wird, dass man in der «Warteschlange» ist. Fragt sich dann nur noch, in welcher.

Wenn mich die Schlange mal loslassen sollte, würde ich den Stoff von AstraZeneca bevorzugen. Ich bin dieser Firma zugetan, habe ich ihr doch einen Journalistenpreis zu verdanken. Meinen einzigen. Prämiert wurde ein Beitrag über – ich sag’s nur ungern – die Wichtigkeit von Darmspiegelungen ab 50. Es war nicht die grosse Enthüllungsstory, die einen Journalisten schlagartig berühmt macht. Ich glaube auch, dass das Teilnehmerfeld beim Darm-Wettbewerb recht überschaubar war. Aber der Preis war schön dotiert und der Beitrag wirklich hervorragend geschrieben. Dermassen einleuchtend, dass ich mich damals um ein Haar selber dem von mir propagierten Eingriff unterzogen hätte.

Warten aufs Impfen hat sein Gutes. So habe ich weiterhin jene «Planungssicherheit», die andere herbeisehnen. Bei mir ist alles klar: heute nichts und morgen nichts und übermorgen wieder. Ich darf getrost zu Hause bleiben und voll durchchillen. Man gerät in einen Trott, der gar nicht so unangenehm ist, auch wenn man etwas Acht geben muss, sich nicht ganz gehen zu lassen. Da wir aktuell aufgrund des üblen Wintersportunfalls eines Mitbewohners regelmässig die Spitex im Haus haben, hat mir meine Angetraute schon mal nahegelegt, mich besser nicht im Treppenhaus aufzuhalten. Eine Spitex-Frau könnte sonst in mir den pflegebedürftigen Patienten vermuten, sie würde sich sofort schonend meiner annehmen und versuchen, das Gröbste wieder herzurichten.

Ich bleibe also besser in meiner Stube, lese viel im Moment und erweitere unter anderem meine Sammlung an Schlagzeilen der Art wie (alle nicht von mir erfunden): «Sitzen ist das neue Rauchen», «Teilen ist das neue Besitzen», «60 ist das neue 40», «Kleben ist das neue Bohren», «Beine sind das neue Dekolleté», «Zu ist das neue Offen» oder «Alles ist das neue Nichts». Letzteres stimmt besonders. Vielleicht werde ich die Sammlung mal integral veröffentlichen und – wer weiss – einen weiteren, allmählich überfällig werdenden Preis einfahren.

Diese Woche kamen zwei Fundstücke hinzu: Zum einen «15 ist die neue 5». Das stand in dieser Zeitung. Gemeint war nicht, dass die Teenager immer infantiler werden, sondern die erlaubte Maximalzahl von Personen bei Zusammenrottungen im Freien. Zum anderen hielt mich die Firma Digitec per E-Mail mit der Botschaft «Hantelscheiben sind das neue Klopapier» auf dem Laufenden. Das hat mich nun doch ins Grübeln gebracht. Digitec wollte eigentlich sagen, dass Hantelscheiben im Moment so begehrt seien wie im letzten Frühjahr das Toilettenpapier. Aber ich Dorfdepp habe das auf Anhieb anders, nämlich wortwörtlich aufgefasst und mir bereits bänglich überlegt, wie man das denn am besten anstellen soll mit diesen Scheiben. Ein wenig beruhigt hat mich, dass die Spitex notfalls schon im Haus wäre.