Kolumne «Schnee von gestern»
Gelberbsen und anderer Käse

Fleischloser Fleischkäse - ja das gibt's mittlerweile. Aber warum um alles in der Welt muss diese Zubereitung aus Gelberbsenprotein so heissen? Ein Widerspruch in sich und perfid obendrein.

Hans Graber
Hans Graber
Drucken
Teilen
Hans Graber

Hans Graber

Pd

Bundespräsident Parmelin hat schon mal «Licht am Ende des Tunnels» ausgemacht. Mehr als ein fahler Schimmer kann es kaum sein. Vielleicht auch bloss ein Irrlicht. Womöglich taucht eine noch heimtückischere Virenvariante auf. Eine besonders störrische Einsiedler Mutante? Und immer wenn man meint, endlich alle gesehen zu haben, wird ein weiterer Virologe oder Epidemiologe aus dem Hut gezaubert, der trotz sinkender Zahlen eindringlich vor etwas warnt. Vor dem Liftfahren zum Beispiel.

In «10 vor 10» trat diese Woche ein «Arbeitshygieniker» in Erscheinung. Herr Riediker zeigte mit einer Puppe und einer Rauchmaschine auf, wie sich Aerosole in einem Lift ausbreiten und dort auch noch hocken, wenn die menschliche Virenschleuder längst ausgestiegen ist. Das Liftinnere sah aus wie damals ein stumpenrauch-geschwängerter Bahnhofwartsaal 2. Klasse. Den in meine Wohngegend führenden Löwencenter-Lift betrete ich seither nur noch mit Doppelmaske. Man könnte auch laufen, klar, aber in Anbetracht der 136 Stufen gelingt es mir jeweils unter Aufbietung letzter Mut-Reserven und mit reichlich Gottvertrauen, meine Ängste vorübergehend zu verdrängen. Aber nur kurz.

Für mein Seelenheil sollte ich mir mehr Gutes tun. Eine gemütliche Beiz würde reichen. Aber die bleiben dicht. Trösten könnte ein feines Essen daheim. Aber auch das ist komplizierter geworden. Wiederum in «10 vor 10» habe ich kurz vor dem erschöpften Wegdösen einen Bericht über einen «fleischlosen Fleischkäse» gesehen. Hergestellt wird er aus Gelberbsenprotein. Lanciert hat ihn die Wurstfirma Bell, die ihrem Kerngeschäft im Zuge von Vegi und Vegan nun etwas untreu wird.

Fleischkäse (mit Fleisch) aus dem Ofen gehört zu meinen Lieblingsessen. Mir ist bewusst, dass es nicht zu jenen zählt, die man in strenggläubigen Ernährungsberatungszirkeln als «gesund» bezeichnet. Obwohl, Fleischkäse enthält viel Vitamin C, kann da gar mit einer Orange mithalten. Mir ist auch bewusst, dass Schweine, die für die Herstellung herhalten müssen, eher nicht das bestmögliche Leben haben. Dass für die Fleischkäsemasse das Unglück auf mehrere Schweineschultern verteilt sein dürfte, ist kein gutes Argument. Aber über alles gesehen habe ich in Sachen Fleischkonsum ein gutes Gewissen. (PS: Wo gibt’s Biofleischkäse zum Selberbacken?)

Was mich sehr stört an der Bell’schen Neukreation: Warum nennt man so was «fleischlosen Fleischkäse»? Ein Widerspruch in sich und perfid obendrein. Eventuell bin ich zu empfindlich, aber weil man heute allein deshalb als besserer Mensch durchgehen kann, wenn man sich fleischlos ernährt, fühle ich mich bereits auf der Anklagebank und sehe meinen ökologischen Fussabdruck um eine Zehennagellänge wachsen. «Fleischloser Fleischkäse» suggeriert, dass er die bessere oder jedenfalls gesündere Wahl ist und zur Rettung der Welt beiträgt. Genuss ohne Reue dank Gelberbsenprotein. Aber eben, warum sagt man dieser pflanzlichen Mutante Fleischkäse und nicht – nur zum Beispiel – Gelberbsenprotein-Prügel?

Bell-Spitzenkräfte wurden im TV-Beitrag beim Degustieren gefilmt. «Saugut» lautete das Urteil. «Schweinisch gut» hätte mir noch eine Idee besser gefallen. Dennoch, es ist undenkbar, dass ich jemals einem schönen Fleischkäse die Protein-Schwarte vorziehen werde. Aber probieren werde ich sie. Am ehesten findet man sie wohl im Löwencenter. Ich gehe schauen. Mit Lift. Danke für die Fürbitte.