Kolumne «Stadtwärts»
Wir lernten telefonieren

Unsere Autorin hat einen Schulaufsatz ihrer Mutter zum Thema Telefonieren entdeckt. Aus dem Jahr 1934 – als noch Telefonistinnen die Telefonierenden miteinander verbanden.

Sandra Monika Ziegler
Sandra Monika Ziegler
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Beim Stöbern durch hinterlassene Schriftstücke kam der Text übers Telefonieren zum Vorschein. Geschrieben hat ihn meine Mutter am 1. Juni 1934. Entdeckt in einem gebundenen Schulbuch mit schriftlichen Arbeiten. Damals wurde noch gekurbelt, der Frau am anderen Ende die Nummer gesagt und dann wurde verbunden. Meine Mutter vermerkt zu dieser Telefonübung, wie ihr beinahe das Herz stillstand vor lauter Aufregung. Ist das Telefonat zu Ende, solle man sich bedanken und «Adieu» sagen, steht in schöner Schrift geschrieben. Und zuletzt des Textes, «man muss immer freundlich sprechen.»

Eindeutig Tempi passati, nur schon, weil die Festnetzanschlüsse bald aus den Wohnungen verbannt sind. Telefoniert wird per Handy, und zwar überall, wo es das Netz zulässt. Und die Freundlichkeit hat oft ausgedient, es wird gebrüllt, gedemütigt und geflucht. Wem die Wörter zum Schimpfen fehlen, kann sich welche im Internet mit einem Schimpfwörter-Generator kreieren. Ein Klick auf den Generator und es entstehen Wörterfolgen wie «du alter Matschbüffel» oder «du müde Kellerpflaume».

Zugegeben, das sind spezielle Wortkombinationen und von kurz und prägnant meilenweit entfernt. Sie lassen einem jedoch schmunzeln. So auch, als jüngst ein Nachbarsbub seine Mutter lautstark beschimpfte mit «du, du Knollenbegonie!» Fluchen hat sich etabliert, mit Humor geht es aber besser. Ein Versuch ist es allemal wert.

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