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Kolumne

Die höhere Mathematik mit dem Schoggitaler

Ein Schüler sprach unseren Autor auf der Strasse kürzlich an, ob er einen Schoggitaler kaufen wolle. Beim Bezahlen staunte Hans Graber zuerst über den Preis – und dann noch viel mehr über das Wechselgeld.
Hans Graber
Hans Graber.

Hans Graber.

Für die Insekten sei das Geld bestimmt, sagte der Knabe, der mir vorgestern einen Schoggitaler andrehen wollte. Insekten? Es gibt ausgesprochen lästige Viecher dieser Gattung, ebenso ganz niederträchtige: Die Gottesanbeterin zum Beispiel ist in der Lage, das körperlich mindere Männchen noch während des Geschlechtsaktes oder gleich danach aufzufressen. Im Allgemeinen aber bin ich Insekten wohlgesinnt. Deren Lebensräume werden zunehmend beschnitten, zudem werden uns Insekten ja auch als Fleischersatz angepriesen. Mich würde sowas madig machen. Ich lasse Insekten leben, nicht mal zu einem Präventivschlag hole ich aus, wenn Gefahr im Anzug ist. Nur wenn ich gestochen werde, gibt’s eine Klatsche.

Insekten muss geholfen werden, ganz klar. Wie viel denn so ein Schoggitaler koste, wollte ich vom Schüler wissen. 6 Franken. Der wird auch immer teurer, habe ich mir gedacht – was aber nicht stimmt. Erst zu Hause habe ich gesehen, dass auf dem Begleitzettelchen, das mir den Knabe beim Kauf ausgehändigt hat, in kleiner Schrift, aber doch unmissverständlich «Schoggitaler: Fr. 5.–» steht. Bin ich also vom Dreikäsehoch dreist betrogen worden? Oder war’s eher ein Akt der Verzweiflung?

Von den 5 Franken sind 50 Rappen für die Klassenkasse der verkaufenden Schüler bestimmt. Theoretisch könnte es sein, dass gerade im Kanton Luzern einzelne Schulklassen zur Aufbesserung ihrer mager bestückten Kasse 6 Franken verlangen für den Taler. Bekanntlich wird im Bildungswesen an allen Ecken und Enden gespart. Aber meine Rückfrage bei der Geschäftsleitung von Schoggitaler/Ecu d’or in Zürich hat ergeben, dass die 5 Franken ein national gültiger «Einheitspreis» sind.

Mein Verkäufer ist anscheinend doch ein durchtriebenes Bürschchen, er hat den Preis eigenmächtig auf 6 Franken angesetzt. Und weil ich ein gutmütiger Mensch bin, gebe ich beim Talerkauf immer noch 1 Franken drauf. «Mach 7», sagte ich zum Buben und übergab ihm eine Zehnernote. Aber so clever der Bube auch sein mag – er muss noch lernen im Leben. Vor allem rechnen. Auf meine Zehnernote gab er mir nämlich ohne viel Federlesens 8 Franken retour.

Ich war baff. Wollte er mich auf die Probe stellen? Wirkte ich so abgezehrt und heruntergewirtschaftet, dass selbst ein Viert-oder Fünftklässler Mitleid kriegte und mich nicht weiter schädigen wollte, weil ihm der Mitmensch letztlich doch noch näher steht als Marienkäfer, Speispinnen und Blattschneiderameisen? Für mich opfert man wohl sogar einen Teil der Klassenkasse.

Oder habe ich wieder mal etwas verpasst? Ist die Gleichung 10 minus 7 gleich 8 Bestandteil eines neuen Lehrplans, eine Art höhere Mathematik, die jetzt an unseren Schulen gelehrt wird? In der Rechtschreibung lässt man ja mittlerweile praktisch alles als korrekt durchgehen, vielleicht neuerdings auch im Rechnen. Eventuell will man so einen pädagogisch sinnvollen Gegenpol zum schranken- und hemmungslosen Turbokapitalismus setzen, nach dem barmherzigen Motto «weniger ist mehr».

Natürlich habe ich die 8 Franken Retourgeld nicht eingesackt, sondern den Knaben gefragt, ob er sicher sei, richtig gerechnet zu haben. Er überlegte ein paar Sekunden, griff sich dann an den Kopf, wie wenn er sagen wollte «ich Blödian» – und reichte mir dann generös weitere 2 Franken. Keine Sorge, ich habe auch das nicht ausgenutzt, sondern die Sache in Ordnung gebracht. 7 Franken für ihn, 3 Franken und ein Schoggitaler für mich.

Man muss sich stets davor hüten, vom Einzelfall aufs Ganze zu schliessen, aber auf dem Nachhauseweg habe ich mich schon ernsthaft gefragt, ob unsere Insekten überhaupt noch zu retten sind.

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