KOMIK: Sie will die Stärken der Schwachen hervorlocken

Als «Lieselotte Loreley» steht Ulrike Dempewolff Kranken und Schwachen bei. Vom gängigen Clown-Image distanziert sie sich.

Niels Jost
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Ulrike Dempewolff (61) ist seit zwölf Jahren als Clownin unterwegs. Hier ist sie mit Ruth Läubli im Altersheim Felsenheim in Sachseln zu sehen. (Bild Roger Grütter)

Ulrike Dempewolff (61) ist seit zwölf Jahren als Clownin unterwegs. Hier ist sie mit Ruth Läubli im Altersheim Felsenheim in Sachseln zu sehen. (Bild Roger Grütter)

Die rote Clown-Nase aufgetragen, ein bunter Hut und Rock, etwas Schminke, fertig. Das Kostüm ist schlicht, die Gestik dafür umso ausdrucksvoller. Je nach Si­tuation ist «Lieselotte Loreley» aufgedreht und führt akrobatische Künste mit Jonglierbällen, Musik und Tanz vor, oder sie ist vorsichtig und einfühlsam. Gleich beim ersten Kontakt mit dem kranken oder altersgeschwächten Menschen entscheidet sich die Clownin für die Zugangsart. «Das erfordert Feingefühl, eine geschärfte Wahrnehmung, Spontanität – und Erfahrung», sagt Ulrike Dempewolff (61), die hauptberuflich als Clownin tätig und ausgebildete Theaterpädagogin ist. Die rote Nase und die Figur der Clownin unterstützen zusätzlich das Spiel in den Situationen.

Seit 12 Jahren schlüpft die gebürtige Deutsche, die mit ihrer Frau in Roggliswil wohnt, in die Rolle der Clownin. Einen bis zwei Nachmittage pro Woche tritt sie in Altersheimen auf, etwa in Obwalden. Auch als «Huusglon» besucht sie während gut einer Stunde schwerkranke oder behinderte Menschen.

Emotionen freien Lauf lassen

Dabei ist sie nicht nur lustig und witzig. «Ich möchte, dass die Menschen sich und ihre Stärken zeigen und dabei selber aktiv werden – und von sich aus mit mir singen oder tanzen.» Froh ist Ulrike Dempewolff etwa auch, wenn die wirklich Geschwächten kurz die Augen öffnen und lächeln.

Als Clownin schafft sie aber nicht bloss eine fröhliche Atmosphäre in einer oft leidvollen Situation. «Der Clown ist eine kindliche Figur, die es erlaubt, Emotionen freien Lauf zu lassen. Lachen und Weinen liegen dann oft nahe beieinander», sagt die studierte Gymnasiallehrerin. Da der Clown als Figur nicht an Konventionen gebunden sei und sich ganz dem Augenblick hingebe, könne er sich aussergewöhnliche Freiheiten nehmen.

Natürlich komme es vor, dass Betagte die Clownin «kindisch» finden. «Dann ziehe ich mich sofort zurück», erzählt sie. Schwierig sei, wenn ihr während des Spiels nichts mehr einfalle. «Dann hilft nur noch: Das Loch aushalten, sich anschauen lassen und warten, bis der nächste Impuls kommt.»

Drei Jahre in Clownschule

Ulrike Dempewolff hat sich an der Clownschule in Hannover während dreier Jahre mit der Kunst und dem Spiel des Clowns und mit der Komik beschäftigt. Sie ist selbstständig tätig und leitet freie Theatergruppen und bietet zudem Clown- und Theatersemi­nare an. Ausserdem ist sie im Vorstand des schweizerischen Trägervereins «Huusglön». Das grosse Geld mache sie damit nicht, «aber ich kann davon leben», erklärt sie. Inspiriert wird sie vom Theater schauen oder dem Spiel mit Berufskollegen. Ihre Vorbilder: Charlie Chaplin, Dimitri und Gardi Hutter. Die Arbeit erfülle sie – auch wenn sie mit dem Leid anderer Menschen konfrontiert wird. «Das belastet mich nur selten, im Gegenteil: Erleben, was das Spiel als Clownin bewirken kann und wie die Menschen aufblühen, macht mich glücklich. Dann geht es mir nach der Arbeit oft besser als vorher.»
 

Niels Jost