Kommentar «Chefsache»
Gebaut sind Unisex-Schulen rasch – aber es braucht auch viel Toleranz

Geschlechtergetrennte Toiletten und Garderoben gehören zu Schulhäusern wie die Pausenglocke. In der Stadt Luzern will die SP nun Unisex-WCs einrichten. Der Stadtrat befürwortet die Forderung– hebt zu Recht aber auch den Mahnfinger.

Jérôme Martinu, Chefredaktor
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Unisex-Toiletten und -Garderoben in den Stadtluzerner Schulhäusern: Der Stadtrat will bei der baulichen Umsetzung pragmatisch vorgehen.

Unisex-Toiletten und -Garderoben in den Stadtluzerner Schulhäusern: Der Stadtrat will bei der baulichen Umsetzung pragmatisch vorgehen.

Archivbild CH Media (12. Juli 2018)

Für Menschen, die sich keinem Geschlecht eindeutig zugeordnet fühlen, sollen in den Stadtluzerner Schulhäusern aller Stufen Unisex-Toiletten und -Garderoben eingerichtet werden. Auch weil der Anteil junger Transmenschen höher sei als Statistiken dies vermuten liessen, will die Stadtregierung die entsprechende SP-Forderung angehen. Das ist gut. Ebenso lobenswert wie der angekündigte Pragmatismus bei der Umsetzung, ist die Bremsbewegung: Es brauche dennoch weiterhin getrennte WCs, stellt der Stadtrat klar. Denn dies sei – auch aus Sicherheitsgründen – in der Pubertät besonders wichtig.

Man darf nicht naiv sein in den Forderungen, das Thema ist sehr komplex. Der Stadtrat weist etwa zurecht auf die Gefahr hin, dass ein Kind gerade deshalb diskriminiert werden könnte, weil es eine Einzelduschkabine aufsucht. Sozialkompetenz und geschlechtliche Vielfalt sind Teil des Lehrplans 21. So soll der Stigmatisierung von Geschlechteridentitäten entgegengewirkt werden. Doch wie wir wissen, gibt es bei Kindern und Jugendlichen übersteigerte Gruppendynamiken, die zu traurigen, tragischen Fällen von Ausgrenzung und Mobbing führen.

Die bauliche Umsetzung der grundsätzlich richtigen, zeitgemässen Unisex-WCs ist also nur das eine. Mindestens so wichtig, aber ungleich aufwendiger ist es, allen Kindern und Jugendlichen in den Schulhäusern mit verbindlichen Spielregeln klarzumachen, was gelebte Toleranz bedeutet. Und dass ausgrenzende oder gar homophobe Entgleisungen auf keinen Fall toleriert werden.

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