Kommentar «Chefsache»
Kodex gegen Machtmissbrauch und sexuelle Ausbeutung – das Bistum Chur hat sich verrannt

Verstoss gegen die katholische Lehre zur Ehe- und Sexualmoral? Über 40 Priester im Bistum Chur fordern die Korrektur des neuen, verbindlichen Verhaltenskodex gegen Machtmissbrauch – der Bischof steigt nicht darauf ein. Der Streit zwischen Konservativen und Progressiven kann aber nur mit einer Überarbeitung gelöst werden.

Jérôme Martinu, Chefredaktor
Jérôme Martinu, Chefredaktor 2 Kommentare
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Der Churer Bischof Joseph Maria Bonnemain, hier im bischöflichen Palast, steckt fest im Streit zwischen Progressiven und Konservativen in Sachen Missbrauchsprävention.

Der Churer Bischof Joseph Maria Bonnemain, hier im bischöflichen Palast, steckt fest im Streit zwischen Progressiven und Konservativen in Sachen Missbrauchsprävention.

Bild: Boris Bürgisser (Chur, 17. Mai 2021)

Wieder einmal tobt im Bistum Chur ein Zwist zwischen Progressiven und Konservativen. Streitobjekt ist der neue Verhaltenskodex zur Prävention von spirituellem Missbrauch und sexueller Ausbeutung, der für alle geistlichen und weltlichen Mitarbeitenden verbindlich ist. Über 40 Priester des konservativen «Churer Priesterkreis» verweigern ihre Unterschrift: Sie sehen in einem Teil des Kodex einen Verstoss gegen Kirchrecht, die katholische Lehre in Ehe- und Sexualmoral könne damit gar nicht mehr ausgeübt werden. Sie werfen Bischof Joseph Maria Bonnemain Heuchelei und Doppelmoral vor. Zwar stehen die Kritiker hinter 95 Prozent der Kodex-Inhalte. Aber sie legen den Finger nicht zu unrecht auf den wunden Punkt.

Das Bistum Chur hat sich mit dem Kodex, im völlig richtigen Bestreben gegen Machtmissbrauch, kirchenrechtlich verrannt. Der Bischof steckt zwischen den Fronten, weil er beiden Seiten, weltlicher und klerikaler, gerecht zu werden versucht. Ein schmerzhafter, auch selbst verschuldeter Spagat. Denn der Zusamenstoss mit der konservativen Auslegung der Kirchenlehre war vorhersehbar.

Wie weiter? Die Forderung des Priesterkreises, der pragmatische Bischof solle seine Unterschrift unter dem Verhaltenskodex tilgen, ist unrealistisch und effekthascherisch. Mit einem solchen Rückzieher würde er sich unglaubwürdig machen. Ebenso wenig wird er sich gegen die offizielle römisch-katholische Doktrin in der Ehe- und Sexualmoral stellen oder gar aktiv die Korrektur der katholischen Lehre propagieren, wie das von der Kodex-Autorenschaft implizit erwartet wird. Denn: Der Bischof ist der Statthalter des Papstes, die Kirchenlehre wird im Vatikan definiert.

Dass Bonnemain aber auch den Vorschlag ablehnt, eine Kommission einzusetzen, die unter Einbezug der Kritiker den Kodex an den umstrittenen Stellen überarbeitet, das ist strategisch unklug. Denn dies wäre die ideale Brücke, um zwischen Reformern und Bewahrern zu einem Konsens zu kommen – um das gemeinsame Ziel zu erreichen: Wirksame Prävention gegen kirchlichen Machtmissbrauch.

2 Kommentare
Thomas Wallimann

Gute Kommentare setzen eine saubere, sachliche Analyse voraus. Was Herr Martinu schreibt, zeigt eher, dass er sich in Bezug auf Kirchenrecht wie auch Morallehre der Kirche ungenügend informiert hat. Auch fehlt jegliche kritische Auseinandersetzung mit Kirchenbild, Interessen oder Haltungen des Priesterkreises und einiger seiner Exponenten wie auch der neuen Bistumsleitung. Kurz und gut: schlechter Journalismus.

Delf Bucher

Einen vom Chefredaktor Martinu erwartbaren Spagat erleben wir in dieser Sowohl-Als-Auch-Kommentierung. Erst skandalisiert er die Sache, streut gewisse Obertöne, die ihn auf die progressive Seite zuneigen lassen, um dann wieder einen Rückzieher zu machen. Der Herr ist bei den meisten Themen immer etwas positionslos, weil er es immer allen Seiten recht machen will. Lieber scharfe Pro und Contras als diesen Wischiwaschi-Journalismus. 

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