Kommentar «Chefsache»
Stadt Luzern hat Autos gezählt – aber die Realität einfach ausgeblendet

Wie wird das seit Juni 2020 geltenden Fahrverbot auf der Luzerner Bahnhofstrasse eingehalten? Welche Folgen hat die Sperrung für die zu- und wegführenden Strassen und Kreuzungen? Die Stadtbehörden haben im Januar zum zweiten Mal den Verkehr gezählt. Bloss: Bei der Wertung wurde der Corona-Effekt ungenügend gewichtet.

Jérôme Martinu, Chefredaktor
Jérôme Martinu, Chefredaktor
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Trotz Teilsperrung seit Juni 2020 für den motorisierten Verkehr gibt es immer wieder Durchfahrten auf der Bahnhofstrasse mitten in der Stadt Luzern.

Trotz Teilsperrung seit Juni 2020 für den motorisierten Verkehr gibt es immer wieder Durchfahrten auf der Bahnhofstrasse mitten in der Stadt Luzern.

Bild LZ (2. Oktober 2020, Luzern)

«Das Verkehrsregime funktioniert sehr gut.» Es geht um die seit letzten Juni autofreie Bahnhofstrasse direkt an der Reuss in der Stadt Luzern. Das Tiefbauamt hat zum zweiten Mal das Verkehrsaufkommen auf der teilgesperrten Strasse und auf den zu- und wegbringenden Strassen und Knoten in der Neustadt gemessen. Die Teilsperrung erfolgte relativ überstürzt auf politischen Druck, die grosse Umgestaltung ist noch immer nicht reif.

Grundsätzlich ist es positiv, dass nach der ersten durchzogenen Bilanz vom Oktober 2020 das Fahrverbot besser beachtet wird. Gab es zunächst durchschnittlich 32 unerlaubte Autofahrten pro Stunde, sind es nun noch 10. Die zwei Kreuzungen an der Pilatusstrasse funktionieren gleich gut oder schlecht wie vor der Sperrung.

Der Blick in die Tiefe des 30-seitigen Berichts lässt aber Zweifel an der Stabilität der Resultate aufkommen. Was ist mit Coronaeffekten? Im Vergleich zum Oktober wird irritierenderweise ungenügend darauf eingegangen, nur das Verkehrsaufkommen der Hauptachse ist berücksichtigt. «Die Resultate sind vergleichbar und wurden nicht verfälscht aufgrund der Pandemie», schreibt die Stadt im Bericht. Restaurants, Cafés, Bars, Museen und Kulturbetriebe waren aber seit 22. Dezember zu. Und ein Grossteil der Messungen erfolgte in der dritten Januarwoche, als mit Ausnahme der Grundversorger alle Läden zugingen und die Homeoffice-Pflicht galt. Fazit: Die Ausgangslage ist nicht vergleichbar, ein Teil der Realität wurde ausgeblendet.