Kommentar «Chefsache»

Uni Luzern soll Kritik an Corona-Buch aushalten, statt kalte Füsse kriegen

Eine streitbare Schrift aus der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät zur Schweizer Pandemie-Massnahmenpolitik polarisiert. Was macht die Universität Luzern? Sie verstrickt sich in Widersprüche, statt den Autoren den Rücken zu stärken.

Jérôme Martinu, Chefredaktor
Drucken
Teilen
Jérôme Martinu, Chefredaktor «Luzerner Zeitung» und Regionalausgaben

Jérôme Martinu, Chefredaktor «Luzerner Zeitung» und Regionalausgaben

Bild LZ

Es ist ein wertvoller Beitrag für die öffentliche Debatte: Das neue Buch «Corona in der Schweiz – Plädoyer für eine evidenzbasierte Pandemiepolitik» zweier Dozenten der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern. Die faktenbasierte Analyse der Pandemie-Massnahmenpolitik ist überaus kritisch – und streitbar. Versicherungsökonom Konstantin Beck und Spitalmanagement-Experte Werner Widmer stellen die Verhältnismässigkeit der Massnahmen in der Zeit bis Oktober massiv in Frage: «Wenn Menschen wegen einer Pandemie einige Wochen oder wenige Monaten früher sterben, ist das im Einzelfall zu bedauern, tragisch, ungerecht, unverdient. Aber rechtfertigt das Massnahmen, die das wirtschaftliche kulturelle, sportliche und religiöse Leben der Gesellschaft radikal einschränken? Rechtfertigt das Massnahmen, die Hunderttausende in monatelange Ängste versetzen? Rechtfertigt es deren zunehmende psychische Verletzlichkeit bis zum Suizidrisiko? Rechtfertigt das die Qualitätseinbussen in der Bildung?»

Ein auf der eigenen Website publiziertes Interview mit den Autoren hat die Uni wegen kritischen Reaktionen nachträglich ergänzt und damit Distanz geschaffen. Warum? Haben die Autoren Regelverstösse begangen? Nein. Es scheint vielmehr, als wäre die Uni von den heftigen, unangenehmen Reaktionen überrascht worden, wie sie bei strittigen Einschätzungen zu den Pandemie-Massnahmen inzwischen zum Alltag gehören. Medienschaffende kennen das bestens.

Die Universität hat offensichtlich kalte Füsse gekriegt. Nur so ist erklärbar, dass sie klarzumachen versucht, dass die Haltung zweier Dozenten nicht die eigene Position abbilde. Es ging dabei, so die Uni, um die «richtige Zuordnung der Absender». Die Widersprüche sind eklatant. Wird man bei umstrittenen Themen künftig stets öffentlich Distanz markieren? Wenn die Uni betont, dass es «in keiner Weise darum gehe» die Forscher einzuschränken und wenn auch in Luzern die Maxime «Die Wissenschaft lebt vom Diskurs» glaubhaft sein soll, dann bleibt nur eins: Erklären statt relativieren. Und sich hinter die eigenen Dozenten stellen. Auch heftige Kritik gilt es auszuhalten, zum Wohle einer freien Forschung.