KONFESSIONEN: Jeder siebte Luzerner ist religionslos

Der Anteil an Christen ist im Kanton weiter rückläufig. Überraschend: Migranten bremsen diese Entwicklung.

Niels Jost
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Wirkstätten der drei grössten Konfessionen im Kanton Luzern (im Uhrzeigersinn): römisch-katholischer Gottesdienst, evangelisch-reformierte Kirchturmspitze und ein muslimischer Gebetsraum. (Archivbilder Neue LZ)

Wirkstätten der drei grössten Konfessionen im Kanton Luzern (im Uhrzeigersinn): römisch-katholischer Gottesdienst, evangelisch-reformierte Kirchturmspitze und ein muslimischer Gebetsraum. (Archivbilder Neue LZ)

Niels Jost

In den Luzerner Volksschulen kommt es zum «Regimewechsel»: Ab Sommer 2017 werden nicht mehr nur römisch-katholische und evangelisch-reformierte Kirche für den Religionsunterricht an den Oberstufen verantwortlich sein, sondern neu auch die Schule selbst. Grund für die Beschneidung der Kirchenkompetenzen ist die Einführung des Lehrplans 21 (Ausgabe von gestern).

Der Einfluss der christlichen Kirchen schwindet auch insgesamt, und dies schon seit langem. Das bestätigen die neusten Zahlen von Lustat Statistik Luzern. 15 Prozent der über 15-Jährigen waren im Jahr 2013 konfessionslos. Das sind über 50 200 Bürger – so viele wie nie. Noch 1990 waren 8600 keiner Religion zugehörig, also knapp sechsmal weniger als 2013 (siehe Tabelle).

Immer seltener: Taufen, Hochzeiten

«Austritte aus Kirchen geschehen häufig, wenn junge Menschen berufstätig werden und es ums Zahlen der Kirchensteuern geht», weiss Arnd Bünker, Institutsleiter des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts in St. Gallen.

Die Austritte allein sind aber nur ein Grund für die rückläufigen Zahlen. Bünker: «Die traditionellen Bindungen an die Kirche brechen auf. Es werden beispielsweise immer weniger Kinder getauft, und Paare heiraten seltener kirchlich.» Ebenso sei rund ein Viertel aller Migranten, die in die Schweiz kommen, konfessionslos. «Gerade Ostdeutsche, die in die Schweiz kommen, haben häufig keine religiöse Zugehörigkeit. Andere Migranten kennen gar keine amtlich verbriefte Religionszugehörigkeit und geben diese in der Schweiz gar nicht an.» Das heisst: Im Ausland ist es nicht überall gang und gäbe, seine religiöse Zugehörigkeit anzugeben, etwa bei der Registrierung bei einem Umzug. «Die Menschen sind zwar gläubig, melden dies aber nicht bei den Behörden.» Entsprechende Verzerrungen könne es in den Statistiken geben.

Migranten: 54 Prozent sind Christen

Obwohl die Wohnbevölkerung im Kanton stetig zunimmt, nimmt der Anteil Katholiken ab. 1990 gaben noch über drei Viertel aller Luzerner an, römisch-katholisch zu sein – im Jahr 2013 waren es noch 65 Prozent. Die absoluten Zahlen nahmen über die Jahre indes sogar leicht zu: 1990 waren es 201 500 Katholiken, im Jahr 2013 sogar 204 900.

Grund: erneut die Migration. Denn über 54 Prozent der Menschen, die in die Schweiz migrieren, sind Christen, allein 40 Prozent sind katholischen Glaubens. «Zieht man an einen neuen Ort oder in ein anderes Land, kann die Kirche als Anker dienen», sagt Arnd Bünker. Das bestätigt Edi Wigger, Synodalverwalter der römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern. «Wir können die Austritte mit den Neuzuzügen kompensieren.» Der Anteil römisch-katholischer Personen, die nach Luzern ziehen, sei allerdings tief. Im Jahr 2014 traten kantonsweit rund 1500 Personen aus der römisch-katholischen Kirche aus. Neben den zahlreichen getauften Kindern, die somit jedes Jahr in die Kirche eintreten, gibt es jährlich auch 60 bis 80 sonstige Ein- beziehungsweise Wiedereintritte. Auch künftig werde man die Mitglieder der katholischen Kirche halten können, ist sich Bischofsvikar Ruedi Heim sicher. «Abnehmen werden wohl die Verbundenheit und der­ sichtbar gelebte persönliche Glaube.»

«Die Kirche ist nicht mehr ‹in›»

Neben den Katholiken sind die Reformierten die zweitgrösste Glaubensgemeinschaft im Kanton Luzern. Im Jahr 2013 waren es insgesamt über 35 000, also 11 Prozent der Wohnbevölkerung. Dieser Anteil schrumpfte in den letzten Jahren und Jahrzehnten leicht: Im Jahr 1990 gaben noch knapp 2 Prozent mehr aller Luzerner an, evangelisch-reformiert zu sein.

Diese Abnahme spürt Marlene Odermatt, Präsidentin der Kirchgemeinde Luzern, dennoch: «Die Kirche ist heutzutage nicht mehr so ‹in›. Früher war die Kirche noch viel mehr Teil des täglichen Lebens.» Heute sei die evangelisch-reformierte Kirche öfter ein «stiller, aber guter» Schaffer. «Unser Engagement mit älteren Menschen, Kindern, in Spitälern, generell im sozialen Bereich, soll den Leuten künftig wieder bewusster werden.» So seien etwa der Religionsunterricht und die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wichtig, da gute Erinnerungen an die Kirche geweckt werden können. «Dennoch müssen wir auch bereit sein, falls wir noch weiter schrumpfen sollten.»

14 000 Muslime in Luzern

Während es in Luzern immer weniger Christen gibt, ist bereits jeder Zehnte einer anderen Religion zugehörig – 1990 waren es noch halb so viele. «Unter ihnen sind die islamischen sowie andere christliche Glaubensgemeinschaften am stärksten vertreten», schreibt Lustat im statistischen Jahrbuch 2015. Rund 14 000 Muslime leben derzeit im ganzen Kanton, das sind 3,5 Prozent der jetzigen Bevölkerung. Somit ist der Islam nach dem Christentum die am zweistärksten vertretene Religion in Luzern, gefolgt von den Juden, Hindus und Buddhisten.

Insgesamt lebten im Jahr 2013 rund 67 300 Ausländer im Kanton, das sind 17,2 Prozent der Bevölkerung.

Bild: Tabelle Neue LZ

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