KONZERT: Die Sehnsucht nach der alten Zukunft

Kraftwerk, die weltweit bekannten Urväter des Techno, haben im KKL, Luzern, ihr Gesamtkunstwerk aus Klang und Bild performt. Perfekt.

Pirmin Bossart
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Mit wuchtigen Bildern und wuchtigen Klängen begeisterten Kraftwerk im KKL. (Bild Roger Gruetter)

Mit wuchtigen Bildern und wuchtigen Klängen begeisterten Kraftwerk im KKL. (Bild Roger Gruetter)

Pirmin Bossart

Der Auftritt der deutschen Band Kraftwerk im KKL, Luzern, war exklusiv in der Schweiz. Alle Tickets für den Dienstagabend waren seit Monaten verkauft. Als einziges Urmitglied ist Ralf Hütter noch dabei, der mit Florian Schneider im experimentellen Umfeld der Düsseldorfer Kunstszene die Band 1970 gegründet hatte. Die andern Mitglieder heissen Fritz Hilpert, Henning Schmitz und Falk Grieffenhagen. Sie bezeichnen sich nicht als Musiker, sondern als Audio-Operators.

Da stehen sie wie freundliche Roboter auf einer Linie hinter ihren Pulten und verkörpern die Marke. Werden Signet. Machen Musik. Aber vielleicht bügeln sie auch nur ihre Raumanzüge. Es ist letztlich nicht fassbar, ob sie dort vorne tatsächlich Tasten drücken oder Regler bedienen. Der Sound ist mächtig und transparent. Gelegentlich spürt man schön die Bässe unter die Haut rumoren, während die Frequenzen schnalzen, Sound-Konfekt wirbelt, Synthesizer singen, Rhythmen marschieren und vielleicht eine Vocoder-Stimme den Tagesrapport des Digitalzeitalters durchgibt.

Deutsche Gründlichkeit

Gut 25 Stücke aus dem Zeitraum 1974 bis 2005 reihen Kraftwerk während ihres zweistündigen Auftritts aneinander. Zwischen dem Starter «Numbers» und dem finalen «Musik Non Stop» gibt es ein Wiederhören mit Hits aus den Alben «Radioaktivität», «Trans Europa Express», «Die Mensch-Maschine», «Computerwelt», «Electric Café» und «Tour de France». Die frühen Stücke wirken in ihrer Direktheit noch eine Spur aufregender als die fetter produzierten «Tour de France»-Tracks, die schon fast einen Rave-Charakter haben.

Datenüberwachung, Mensch-Maschinen, Computer-Hörigkeit, Radioaktivität: Es gibt nichts, wovon uns Kraftwerk mit ihrem futuristischen Popsound Mitte der 1970er-Jahre nicht gewarnt hätten. Sie taten es schon damals auf eine fast verträumte Art, so kühl-synthetisch einem ihre Ästhetik vorkommen konnte. Was sie sagten und wie sie es spielten, mit dieser Reduktion und dieser deutschen Gründlichkeit, aber auch mit ihrer leisen Ironie und Verspieltheit, das war zu dieser Zeit extrem ungewohnt und letztlich noch irritierender als ihr experimentelles Frühwerk. Aber es hatte Langzeitwirkung.

3-D-Spielereien

Mit dem langen Track «Autobahn» und seiner monochromen Elektro-Lyrik lagen Kraftwerk 1974 völlig quer zum Popgeschehen. Das gleichnamige Album wurde zu einem Grundstein dessen, was Kraftwerk fortan nur noch souveräner zuspitzten und perfektionierten: Eine Musik aus synthetischen Klängen und maschinellen Rhythmen. Nicht nur die Pioniere des Detroit Techno berufen sich auf Kraftwerk. Die Band, vielmehr das Produkt Kraftwerk und sein Klangdesign, haben die Popentwicklung der Zukunft vorweggenommen, wie sich das damals niemand vorstellen konnte.

Kraftwerk spielen weltweit in ausgesuchten Lokalitäten. Dazu gehören Museen und Galerien (Moma New York, Tate London). Auch das Konzert in Luzern ist ein künstlerisches Statement. Kraftwerk sind nicht nur Soundpioniere, sie haben auch Sinn für die Wirksamkeit des Visuellen. Das hat bei ihnen schon immer zusammengehört. Ihr Gesamtkunstwerk entfaltet sich als ein dreidimensionales Tableau, auf dem Musiknoten und Objekte durch den Raum fliegen, Typografien tanzen, Frequenzbänder schillern, ein Space Lab über dem Planeten Erde schwebt oder ein Ufo direkt vor dem KKL, Luzern, landet. Das Publikum trägt 3-D-Brillen. Es fehlt nur noch der Geruch von Aliens.

Es ist erstaunlich, wie klar Kraftwerk ihrer damaligen Gegenwart eine Antwort gaben auf die technologischen Errungenschaften, die sich erst anbahnen sollten. Sie fiel viel unschuldiger und geborgener aus, als sich die Zukunft herausstellte, die wir heute haben. Das Ideal der Mensch-Maschine ist geradezu ein zärtliches, vergleicht man es mit Menschenmaschinen von heute. Der Slogan Stop Radioactivity wurde lange vor Tschernobyl oder Fukushima entworfen. Die Allmacht der Computerwelt und ihre Datensammlungen haben uns schon länger im Griff. Aber das fühlt sich sowohl unspektakulärer wie bedrohlicher an, als die lieblichen Fantasien auf «Computerworld» klingen.

Romantische Roboter

Die kühle Ästhetik von Kraftwerk hat gar eine romantische Ader, setzt man sie in Beziehung zur aktuellen Realität, die einmal als Zukunft imaginiert wurde. Da fahrn fahrn wir auf der Autobahn, durch eine grüne Prärie in pastoraler Synthetik, mit hübschen Melodien und einem technoiden Flow, und weit und breit herrscht klinische Ordnung. Selbst die edlen Autos deutscher Herkunft, die wie perfekt gebastelte Attrappen im 3-D-Space lautlos vorbeirauschen, sind ästhetischer als die aufgeplusterten Muskelkarosserien, die heute produziert werden.

Wirkten Kraftwerk in ihren Anfängen einigermassen futuristisch, verkörpern sie inzwischen die Sehnsucht nach der alten Zukunft. Noch mehr machen sie bewusst, dass eine heutige Bestandesaufnahme technoider Befindlichkeit deutlich dystopischer ausfallen würde. Insofern ist die Vision von Kraftwerk hoffnungsvoller und auch elementarer. Das Reduzierte und Repetitive ihrer Musik, ihre verknappte Lyrik und ihre Mensch-Maschine-Konzeption haben noch so etwas wie Seele, wie das einst ein Luzerner Gymnasiallehrer und Kraftwerk-Fan auf den Punkt brachte.

Nach dem letzten Klang von «Musik Non Stop» traten die vier Humanoiden einer nach dem andern von den Pulten zurück, verbeugten sich und gingen. Winkte einer?