KONZERTE: Zwischen Boom und drohender Pleite

Ansturm auf die Tickets für das Luzerner Open Air «Allmend rockt». Doch die Stars zwingen die Veranstalter zu hohen Risiken – sie wollen immer mehr Geld für ihre Auftritte.

Yasmin Kunz und Roger Rüegger
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Gölä trat 2014 am «Allmend rockt» in Luzern auf. Das Festival soll es weiterhin geben – mit einem zusätzlichen Veranstalter und grösseren Namen. (Archivbild Philipp Schmidli)

Gölä trat 2014 am «Allmend rockt» in Luzern auf. Das Festival soll es weiterhin geben – mit einem zusätzlichen Veranstalter und grösseren Namen. (Archivbild Philipp Schmidli)

Yasmin Kunz und Roger Rüegger

Es wird laut in der Zentralschweiz: Rammstein und Iron Maiden rocken im Sommer auf der Luzerner Allmend, während «Alpen-Elvis» Andreas Gabalier in Zug ein Gastspiel gibt. Etwas feinere Töne kündigt das Luzerner Blue-Balls-Festival an – unter anderem mit Katie Melua als Aushängeschild.

In Zürich dagegen wird eine bislang sehr erfolgreiche Veranstaltung nach über 20 Jahren auf Eis gelegt: Das Live at Sunset Festival findet zumindest dieses Jahr nicht statt – weil die Organisatoren mit ihrem Budget die Stars nicht mehr bezahlen können. Letztes Jahr traten hier unter anderen noch ZZ Top, Lionel Richie, Anastacia, Roxette, Gianna Nannini und John Legend auf. Die Gagenvorstellungen der Künstler seien derzeit einfach zu hoch, teilten die Sunset-Verantwortlichen jüngst mit.

Gagenspirale dreht sich nach oben

Grund für die sich nach oben drehende Gagenspirale sind die seit Jahren sinkenden Einnahmen aus dem Verkauf von Tonträgern. Das bestätigt Stefan Matthey, CEO des Konzertveranstalters Good News. Er ist seit Jahren in diesem Geschäft tätig und ist Mitorganisator des Musikfestivals auf der Luzerner Allmend vom 3. und 4. Juni 2016.

Dass das Zürcher Live at Sunset Festival eine Zwangspause einlegt, bedauert Matthey – um den Organisatoren gleichzeitig ein Kränzchen zu winden: «Ich finde es mutig, dass sie hinstehen und sagen: Wir können uns die Stars nicht mehr leisten.» Gemäss Matthey ist das Phänomen steigender Gagen nicht neu: «Das hat sich in den letzten zehn Jahren entwickelt. Das Organisieren und Durchführen eines Festivals gleicht heute einem Gang an die Börse. Der Ausgang ist stets unsicher.» Man wisse nie im Voraus, ob die Bands für ausverkaufte Stadions sorgten oder ob der Veranstalter auf den Tickets sitzen bleibe.

Die Veranstalter stecken in einer Zwickmühle. Denn wenn man ein Festival will, das gut besucht ist, müssen Künstler mit Rang und Namen her – und die sind teuer. «Weil die Stars wissen, was sie wert sind, können sie die Gagen in die Höhe treiben», sagt Matthey. Mehrere 100 000 Franken für einen Auftritt sei keine Seltenheit.

Die Notbremse gezogen

Das Festival «Allmend rockt» wurde erst 2014 ins Leben gerufen – und hat bereits eine wechselhafte Geschichte hinter sich. Denn nach der ersten Durchführung in der Swissporarena mit 10 000 Besuchern betätigten die Veranstalter im letzten Jahr trotz weit fortgeschrittener Planung die Notbremse. Grund war «ein fehlender passender und zahlbarer Headliner», wie die Veranstalter mitteilten. «Wir wollten das Festival nicht um jeden Preis durchführen. Deshalb haben wir uns entschlossen, ein Jahr auszusetzen», sagt Rico Fischer, Geschäftsführer der Allmend Rockt GmbH, die damals noch als alleinige Veranstalterin in der Verantwortung stand.

Dieses Jahr sitzt nun wie gesagt Good News mit im Boot. Und diesmal scheint die Rechnung aufzugehen: Der Ansturm auf die Tickets für den 4. Juni, an dem Rammstein und sechs weitere Bands auftreten, war enorm. Laut Rico Fischer wurde der Vorverkauf bei 50 000 Tickets gestoppt. «Eine sensationelle Zahl», findet er: «Wir sind ursprünglich von zirka 30 000 Fans ausgegangen.» Auch für die britische Heavy-Metal-Band Iron Maiden, die am Tag zuvor auftreten wird, wurden bereits gegen 20 000 Tickets verkauft. Dass diese Band nicht im selben Ausmass Fans mobilisieren wird, war Fischer klar. «20 000 Besucher – damit sind wir sehr zufrieden», sagt er.

Tickets für Bands wie Rammstein, Metallica oder AC/DC gehen zwar meistens sehr schnell weg. Eine Garantie dafür gibt es laut Fischer dennoch nicht. «Wir bewegen uns in einem schnell­lebigen Geschäft mit hohem Risiko. Manchmal passt das Angebot, und die Tickets werden verkauft.» Dieses Mal passt es. Stefan Matthey von Good News antwortet auf die Frage nach dem Geheimrezept bei der Auswahl der Bands: «Das gibt es nicht.»

Nicht nur die Gagen sind schuld

Interessanterweise findet zeitgleich zum Event auf der Luzerner Allmend das Konzert von Andreas Gabalier in Zug statt (3. Juni). Der Ticketverkauf läuft ebenfalls rund. «Wir gehen davon aus, dass Ende nächste Woche alle 10 000 Tickets verkauft sind», sagt Astrid van der Haegen, Geschäftsführerin des Veranstalters Stargarage AG in Olten. Dass die beiden Veranstaltungen zeitgleich stattfinden, hatten beide Organisatoren nicht auf dem Radar. «Das war uns beim Engagement nicht bewusst. Aber ein anderer Termin wäre ohnehin nicht möglich gewesen», sagt van der Haegen. Auch der «Alpen-Elvis» ist im Übrigen kein Garant für volle Kassen. «Es gibt keine Selbstläufer in dem Geschäft. Es wäre fatal, wenn man davon ausgehen würde. Man muss im Vorfeld seine Arbeit richtig erledigen, dann hat man schon einiges erreicht. Dazu gehört auch, dass man das Marketing frühzeitig anschiebt. Was man versäumt, ist später nicht mehr einzuholen», sagt sie.

Dass die Gagen erfolgreicher Künstler ansteigen, sei zwar eine Tatsache und liege in der Natur der Sache. Dass sich Veranstalter entschlössen, Konzerte nicht durchzuführen, sei aber nicht nur auf hohe Gagen zurückzuführen. Neben Produktionskosten für aufwendige Bühnenaufbauten seien auch die Quellensteuer und in Luzern die Billettsteuer ebenfalls Kriterien, die die Kosten von Konzerten in die Höhe trieben.

Rico Fischer weist noch auf einen weiteren wichtigen Punkt hin: Es sei wichtig, die Ticketpreise in einem vernünftigen Rahmen festzulegen. Dabei kann «vernünftig» je nach Zielgruppe etwas anderes bedeuten: Für die Allmend sind Eintagespässe ab 129 Franken zu haben. Das Ticket für Gabalier in Zug kostet 91.80 Franken.

Das meistbesuchte Festival in der Zentralschweiz ist das Blue Balls. Über 100 000 Zuschauer zählt das mehr­tägige Festival rund ums Luzerner Seebecken jährlich. Wie es das Festival schafft, immer wieder bekannte Künstler nach Luzern zu holen, bleibt unklar. Direktor Urs Leierer will für diesen Artikel keine Stellung nehmen. Auch nicht auf die Frage, ob der Druck auf sein Festival wegen der hohen Gagen ebenfalls steigt.

«Es gibt zu viele Konzerte»

Gesprächiger ist Johannes Vogel, Geschäftsführer der Allblues AG mit Sitz in Zürich. Die Firma ist spezialisiert auf den sogenannten Saisonkonzertmarkt und insbesondere ein grosser Anbieter hochklassiger Jazzkonzerte, die unter anderem auch im Kultur- und Kongresszentrum in Luzern stattfinden. Wie schafft es Vogels Firma immer wieder, hochrangige Künstler wie Dee Dee Bridgewater, Lizz Wright oder Herbie Hancock zu verpflichten? «Kontinuierlich gute Arbeit über viele Jahre», lautet sein Rezept. Er räumt ein, dass auch in seiner Sparte die Gagen der Stars steigen, «aber die Preise sind nach wie vor vertretbar». Das Problem sei – egal, ob bei Festivals oder Saisonkonzerten – das Überangebot. «Es gibt zu viele Konzerte!», meint Vogel.

Da könnte sich auch die Luzerner Schüür angesprochen fühlen. Auch dieses kleinere Konzerthaus kennt das Phänomen der hohen Gagen. «Entweder man macht das mit oder nicht», kommentiert Thomas Gisler, Geschäftsführer der Schüür, diese Entwicklung. Noch macht er mit, hat aber punkto Gagen eine obere Grenze definiert – die er allerdings nicht nennen will. Immerhin gibt er einen Anhaltspunkt: Für ihn sei zentral, dass der Eintritt in die Schüür nie mehr als 48 Franken koste.

Ein Ende mit Deep Purple

Im harten Musikmarkt untergegangen ist das Open Air Ebikon. Nach zwölfjährigem Bestehen fand es 2006 das letzte Mal statt – mit der englischen Rockband Deep Purple als Headliner.

Der damalige Präsident Erich Ochsner sagt rückblickend: «Die Konkurrenz von Open Airs in der Schweiz war für uns einfach zu gross.»

Selbstvermarktung: Das DJ-Bobo-Modell

Dass Stars vermehrt auf Konzerte setzen, ist klar. Denn: Der Verkauf von Musik ist in den letzten 10 bis 15 Jahren um rund 70 Prozent zurückgegangen.
Der in Kastanienbaum wohnhafte Künstler René Baumann alias DJ Bobo hat schon lange vor diesem Einbruch auf ein anderes Modell gesetzt, wie sein Manager und Geschäftsführer von Yes Music AG, Oliver Imfeld, sagt. «Wir, damit meine ich die Yes Music AG und DJ Bobo, haben ein 360-Grad-Modell.» Will heissen: Alle Rechte liegen bei Yes Music und DJ Bobo, die zugleich Veranstalter und Künstler sind. Sie organisieren ihre Events also selber und sind nicht von Buchungen abhängig. «Dieses Modell ist für uns absolut richtig. Ob wir ohne diese Selbstbestimmung noch so gut im Geschäft wären, wage ich zu bezweifeln.»

Fragt dennoch ein Veranstalter an, kann DJ Bobo selber entscheiden, ob er dem Angebot nachkommt. Bei einer Zusage würde dann auf partnerschaftlicher Basis eine Zusammenarbeit definiert. Imfeld sagt, dass dies jeweils «faire Deals» seien. «Wir wollen schliesslich keine Blutspuren hinterlassen.»

Managements als Kostentreiber

Oliver Imfeld ist Vorstandsmitglied der SMPA (Swiss Music Promoters Association), in der die 35 grössten Veranstalter der Schweiz verbunden sind. Als deren Vertreter ist ihm das Problem mit den immer höher werdenden Gagen bestens bekannt. Er sagt: «In den letzten rund vier Jahren ist das Geschäft für die Schweizer Veranstalter deutlich schwieriger geworden.» Er vermutet, dass es an der hohen Veranstaltungsdichte in Kombination mit der lahmenden Wirtschaft liegen könnte. Weiter erschwert und demnach auch teurer wird das Engagement von Stars, weil seiner Ansicht nach vor allem bei Künstlern aus dem angelsächsischen Raum zu viele Marktteilnehmer in der Kette die Kosten hochtreiben. «Oftmals sind die Künstler selber, deren Managements, die Agentur, der Booker und Subagenten in ein solches Geschäft involviert. Dieses System kostet viel Geld.»