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Im Bann des Rudersports: 1962 kamen 45'000 Zuschauer an die erste WM am Rotsee

1962 fand auf dem Rotsee die allererste Weltmeisterschaft im Rudern statt. Eine Zeit, als Grossanlässe selten und Frauenrennen untersagt waren.
Claudio Zanini
Stolze Kulisse: 45 000 Zuschauer besuchten den Finaltag der WM 1962. (Bild: Archiv Regattaverein Luzern, Luzern, 9. September 1962)

Stolze Kulisse: 45 000 Zuschauer besuchten den Finaltag der WM 1962. (Bild: Archiv Regattaverein Luzern, Luzern, 9. September 1962)

Frauen und Sport. Man(n) hatte Bedenken, ob diese Kombination gesund ist. Werden Frauen unfruchtbar, wenn sie Sport treiben? Passt das zum Ideal einer unversehrten Mutter? Und entspricht das den Vorstellungen von weiblicher Sittlichkeit?

Es sind aus heutiger Sicht kleingeistige Fragen, die bis weit in die 1960er Jahre diskutiert wurden. Fragen, die auch die Ruderwelt beschäftigten. Gemäss der Festschrift anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums des Regattavereins Luzern soll der damalige Präsident des Weltruderverbands, der Schweizer Thomas Keller, gesagt haben: «Wenn Frauen auf dem Rotsee rudern, trete ich zurück.» Das war 1969.

Nach dieser Aussage verstrichen nochmals fünf Jahre, bis die Frauen bei Weltmeisterschaften mitrudern konnten. Ausprobieren durften sie schon früher, nämlich 1958. Im Rahmen einer gewöhnlichen internationalen Regatta auf dem Rotsee erfolgte ein erster Versuch unter Wettkampfbedingungen. Dem Luzerner Tagblatt, damals die liberale Stimme und eine von drei Tageszeitungen Luzerns, war dies in seiner Extrabeilage im Vorfeld der Regatta einige wenige Zeilen wert. «Mit weiblicher Grazie paart sich die Kraft in den zwei Damenrennen (Samstag- und Sonntagnachmittag). Auch sie werden bei den Tausenden von Zuschauern nicht weniger Beachtung finden als die grossen Tenöre.» Es waren gut gemeinte, aber leere Worte, denn die Frauen wurden danach links liegen gelassen. Bei der WM 1962 durften sie nicht starten.

Bei den WM-Rennen durften 1962 noch keine Frauen mitmachen. (Bild: Archiv Regattaverein Luzern)

Bei den WM-Rennen durften 1962 noch keine Frauen mitmachen. (Bild: Archiv Regattaverein Luzern)

Zu kurze Betten, zu lange Ruderer

1962 fand die allererste Weltmeisterschaft im Rudern statt. Und Luzern war der Austragungsort. Die Vergabe geschah am Rande der Sommerspiele 1960 in Rom. Mit den Vorzügen des Rotsees wollten es die Mitbewerber nicht aufnehmen, also zogen sie sich frühzeitig zurück. Zuerst Dänemark, danach Australien. Und so bejubelten die Luzerner Zeitungen auf ihren Titelseiten am 25. August den Zuschlag für die WM. Dass an diesem Tag die Olympischen Spiele begannen, geriet beinahe in Vergessenheit.

Die Begeisterung muss in Luzern enorm gewesen sein. Es war eine Zeit, in der, Events noch nicht wie Pilze aus dem Boden schossen und Grossanlässe eine mächtige Ausstrahlung hatten. Die WM zog Behörden und Bevölkerung in ihren Bann. So hat der Stadtpräsident von Luzern die Schulferien auf die WM-Woche legen lassen, damit die Schulräume genutzt werden und Pfadfinder als Helfer eingesetzt werden konnten. Auch das Kinderheim Rathausen schickte seine Kinder in die Ferien, um einem Teil der Ruderer eine günstige Übernachtungsmöglichkeit zu bieten. Der 2008 verstorbene Präsident des Regattavereins, Hermann Heller, sagte gegenüber der Schweizer Ruder-Zeitschrift: «Als die WM begann, haben wir gemerkt, dass die Betten zu kurz waren für die langen Athleten. Wir haben dann die Japaner in Rathausen einquartiert.»

Die schulfreie Zeit durfte dazu beigetragen haben, dass die Menschen in Scharen an den Rotsee kamen. 45 000 Zuschauer wurden am Finaltag gezählt, eine verrückte Kulisse für ein Ruderrennen. 2019 ist die Sogkraft deutlich geringer geworden. Die Veranstalter erwarten 10 000 Zuschauer an der EM – alle drei Wettkampftage zusammengezählt. 1962 kamen nur schon 8000 am Donnerstag zu den Vorläufen.

Für die Titelkämpfe wurde eigens eine Briefmarke erstellt. (Bild: Archiv Regattaverein Luzern)

Für die Titelkämpfe wurde eigens eine Briefmarke erstellt. (Bild: Archiv Regattaverein Luzern)

Das Publikum wurde 1962 gekonnt umworben. Im Organisationskomitee sassen Sportredaktoren aller drei Luzerner Zeitungen, sie starteten eine journalistische Grossoffensive, damit auch jeder vom Anlass Notiz nahm. Die Post hatte eine Briefmarke (mit dem erstaunlichen Wert von 10 Rappen) und einen Sonderstempel bewilligt. Und es mangelte offenbar nicht an Sponsoren, wie ein Blick in das Programmheft der WM zeigt. Denn es wimmelte von Inseraten. Bemerkenswert ist auch der teils latente Befehlston der Werbesprache. Das Vaterland, die christlich-konservative Zeitung, inserierte mit dem Spruch: «Verlangen Sie an jedem Kiosk das Vaterland.»

Veranstalter zahlten Subventionen zurück

Nach der WM-Vergabe des Ruder-Weltverbands FISA mussten die Arbeiten am Rotsee vorangetrieben werden. Man hatte zwar einen Göttersee, aber eben auch ein zweitklassiges Drumherum. Infrastrukturelle Veränderungen wurden unumgänglich. Hermann Heller – er war der Luzerner Ruder-Pionier schlechthin – beschrieb die damaligen Verhältnisse so: «Am Zielplatz war nichts, nur ein schmaler Uferweg im Wald und ein einfaches Zielhäuschen aus Holz.» Start- und Zieleinrichtungen mussten saniert werden, gleichzeitig baute man ein Ruderzentrum. Budgetiert waren 629 000 Franken. Wie aus einem Protokoll des Archivs des Regattavereins hervorgeht, musste dies im Februar 1961 nach oben korrigiert werden. «Durch verschiedene Erdrutsche im Baugebiet und durch Baukostenverteuerung entstehen Kreditüberschreitungen in der Höhe von 195 000 Franken.» Das Ruderzentrum hielt bis 2016 stand, bis es im Zuge der Neugestaltung der Naturarena durch einen Neubau ersetzt wurde. Trotz baulichen Turbulenzen war das neue Schmuckstück am 25. August 1962 bezugsbereit. Eine Punktlandung, denn die Titelkämpfe begannen knapp zwei Wochen später.

Am 25. August 1962 wird das Ruderzentrum eingeweiht, wenig später beginnt die WM. (Bild: Archiv Regattaverein Luzern)

Am 25. August 1962 wird das Ruderzentrum eingeweiht, wenig später beginnt die WM. (Bild: Archiv Regattaverein Luzern)

Die Euphorie gipfelte schliesslich am Finaltag, als die Nidwaldner Brüder Hugo und Adolf Waser im Zweier ohne Steuermann Bronze gewannen und für die einzige Schweizer Medaille sorgten (siehe Kasten). Auch finanziell war die WM ein Erfolg. Aus dem Reingewinn zahlten die Organisatoren sogar Subventionen zurück: 20 000 Franken an die Stadt, 10000 Franken an den Kanton.

1974 kam die Ruder-WM erneut an den Rotsee. Und jetzt durften auch die Frauen mitmachen. FISA-Präsident Keller wurde deshalb gefragt, ob er denn nun zurücktrete. Er habe lachend abgewunken, heisst es. Und sei zum Fürsprecher der Frauen geworden.

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