Neu setzt auch das Luzerner Kantonsspital im Kampf gegen Krebs auf Nuklearmedizin

Das Luzerner Kantonsspital hat eine nuklearmedizinische Therapiestation in Betrieb genommen. Eine Krebspatientin aus der Region erzählt, wie sie die Radiojodtherapie erlebt hat – und warum sie froh über ihre Wasserfarben war.

Evelyne Fischer
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Tara Langs Telefon strahlt, radioaktiv. Noch über einen Monat. Das kontaminierte Handy ist ein Relikt ihrer Leidensgeschichte. Tara Lang, die im echten Leben anders heisst, gehört zu den ersten Patienten, die auf der neuen nuklearmedizinischen Therapiestation am Luzerner Kantonsspital (Luks) mit einer radioaktiven Jod-Kapsel behandelt worden sind. Die Diagnose: bösartiger Schilddrüsenkrebs.

Der Eintritt in die nuklearmedizinische Therapiestation am Luzerner Kantonsspital erfolgt über eine Schleuse.

Der Eintritt in die nuklearmedizinische Therapiestation am Luzerner Kantonsspital erfolgt über eine Schleuse.

Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 4. März 2020)

Nach der Hirslanden Klinik St. Anna verfügt nun auch das Luks über zwei speziell abgeschirmte, bleiverkleidete Zimmer. Luxuriös anmutende Bunker. Marisol Pérez, die leitende Ärztin, sagt: «Da Jod praktisch ausschliesslich von der Schilddrüse aufgenommen wird, ermöglicht dies eine gezielte und sehr effektive Bestrahlung von Krebszellen oder Zellen mit Überfunktion.»

Folgende Beschwerden können auf einen Tumor in der Schilddrüse hinweisen:

  • Vergrösserte Schilddrüse
  • Knoten oder Schwellungen im Halsbereich
  • Beschwerden beim Schlucken
  • Hustenreiz
  • Heiserkeit
  • Atemnot

Dass Tara Langs Erkrankung erkannt wurde, ist dem Zufall und einem geschulten Auge zu verdanken: Bei der Impfung ihres Sohnes im März fiel der Hausärztin ein «Knubel» am Hals der Mittdreissigerin auf. «Ich fühlte mich damals kerngesund», sagt die Luzernerin. Auf die Knotenpunktion folgte der schockierende Befund. Die Angst genommen habe ihr damals ein Satz der Endokrinologin, einer Spezialistin für Schilddrüsenerkrankungen. Jene sagte: «Frau Lang, Sie haben Krebs. Aber den besten, den man haben kann. Ihre Chancen auf Heilung sind sehr gut.»

Schilddrüse: Hormonproduzierendes Organ

(kuy/fi) Die Schilddrüse ist ein rund 18 bis 25 Gramm leichtes, schmetterlingsförmiges Organ, das unterhalb des Kehlkopfes liegt. Die Schilddrüse produziert Hormone, die den Stoffwechsel, den Kreislauf und das Gehirn beeinflussen. Eine Schilddrüsenüberfunktion – wenn die Schilddrüse zu viele Hormone produziert – ist für die Betroffenen sehr einschränkend. Die Krankheit macht sich unter anderem durch Nervosität, Konzentrationsschwäche, Schlafstörungen, Haarausfall oder übermässiges Schwitzen bemerkbar. Eine Überfunktion kann mit Medikamenten, einer Operation oder der Radiojodtherapie behandelt werden. Schilddrüsenkrebs hingegen erfordert in der Regel eine Entfernung des Organs. Je nach Stadium des Schilddrüsenkrebses ist nebst der Operation zusätzlich eine Radiojodtherapie notwendig. In der Schweiz erkranken gemäss der Krebsliga jährlich rund 790 Menschen an Schilddrüsenkrebs, das sind knapp zwei Prozent aller Krebserkrankungen. Knapp drei Viertel aller Betroffenen sind Frauen. Fast die Hälfte der Patienten sind zum Zeitpunkt der Diagnose jünger als 50 Jahre. 

Ende April wird Tara Lang operiert, acht Stunden lang, mitten in der Coronakrise. Heisst: kein Besuch, aber viel Zeit für kreisende Gedanken. «Ich sah die grosse Narbe, hatte Schmerzen, konnte schlecht atmen, nicht richtig schlucken oder mich bewegen», sagt Lang. «Ich fürchtete, es könnte schon zu spät sein.»

Körper wird «jodhungrig» gemacht

Bei Schilddrüsenkrebs im fortgeschrittenen Stadium ist nebst einem Eingriff meist zusätzlich eine Radiojodtherapie nötig. Auch, um Metastasen aufzuspüren. Um ihren Körper möglichst «jodhungrig» zu machen, wurde Tara Langs Stoffwechsel nach der OP hormonell quasi lahmgelegt. «Ich hatte Wassereinlagerungen, war ständig müde, schlief schlecht», sagt Lang. Kräftezehrende Wochen, für die ganze Familie. Dem Sohn wollte sie ihre Krankheit nicht verschweigen, sprach vom gelben Medikament, das im Körper bestimmte Legosteine finden muss. Tara Lang sagt: «Es brauchte Überwindung, aber ich bin froh, haben wir damals alle Hilfe angenommen, die uns angeboten wurde.» Vom Wäschewaschen übers Einkaufen bis hin zum Kochen, aber auch psychologische Unterstützung.

Anfang Juni betritt Lang dann die nuklearmedizinische Bettenstation, schluckt die radioaktive Kapsel. «Ich freute mich auf die Ruhe, das schöne Zimmer, die tolle Aussicht. Aber kaum schlossen sich die schweren Türen, kehrten die belastenden Gefühle zurück.» Um diese Gedanken zu vertreiben, habe sie viel gemalt, auf dem Hometrainer Kilometer um Kilometer abgespult. Das lenkte auch vom Halsweh und von der Übelkeit ab, Nebenwirkungen.

Im Inneren unterscheidet sich ein Patientenzimmer auf der nuklearmedizinischen Station kaum von anderen. Was man nicht sieht: Boden und Wände sind verbleit.

Im Inneren unterscheidet sich ein Patientenzimmer auf der nuklearmedizinischen Station kaum von anderen. Was man nicht sieht: Boden und Wände sind verbleit.

Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 4. März 2020)

Eine Abteilung ohne Pflegepersonal

Auf der nuklearmedizinischen Therapiestation ist der Kontakt mit Patienten aufs Minimum beschränkt. Sie werden beim Eintritt über die Verhaltensmassnahmen instruiert. «Überspitzt gesagt werden sie über jede einzelne Schraube aufgeklärt», sagt Ärztin Marisol Pérez. Elektronische Überwachung ersetzt das Pflegepersonal, die Zimmer sind mit Sturzsensoren ausgerüstet.

Die Räume werden nur zum Anrichten der Mahlzeiten betreten, einmal täglich kommt zudem die Ärztin auf Visite. Mit einer Bleiwand, als zusätzlichem Strahlenschutz. In ihrer Brusttasche trägt Marisol Pérez ein Dosimeter, ein visitenkartengrosses Gerät, das radioaktive Strahlung misst. «Sollte es zu viel messen, dürfte sich der betreffende Mitarbeiter nicht mehr der Strahlung aussetzen.» Marisol Pérez ist seit 2011 am Luks tätig, Radioaktivität fasziniert sie. «Mit der Anwendung eines kleinen radioaktiven Teilchens, das über die Blutbahnen durch den Körper wandert, lassen sich bildgebend krankhafte Prozesse im Körper verfolgen. Extrem spannend!»

Marisol Pérez, leitende Ärztin der nuklearmedizinischen Therapiestation, mit einer mobilen Bleiwand.

Marisol Pérez, leitende Ärztin der nuklearmedizinischen Therapiestation, mit einer mobilen Bleiwand.

Corinne Glanzmann (Luzern, 4. März 2020)

«Komplikationsarme und sehr wirksame Methode»

Mit der nuklearmedizinischen Therapiestation, die im Februar eröffnet worden ist, will das Luks in der Zentralschweiz eine Versorgungslücke schliessen. Auch können angehende Nuklearmediziner dadurch ihre ganze Assistenzzeit am Zentrumsspital absolvieren. «Die Radiojodtherapie wird seit über 70 Jahren angewandt und hat sich als komplikationsarm und sehr wirksam erwiesen», sagt Marisol Pérez. «Wir rechnen mit 50 bis 70 Patienten jährlich.» Die Kosten werden von der Krankenkasse getragen. «Wir gehen je nach Fall von zirka 5000 bis 8000 Franken aus.» Längerfristig ist geplant, auch Prostatakarzinome palliativ nuklearmedizinisch zu behandeln, wenn chemotherapeutische Verfahren ausgeschöpft sind.

Die Therapiestation, die sich mit rund eine halben Million Franken zu Buche schlug, war schon länger geplant. Das Angebot gehört laut Marisol Pérez zu einem Zentrumsspital, sie sei eine wichtige Ergänzung des interdisziplinären Schilddrüsenzentrums und entspreche einem Patientenbedürfnis. «Ich bin sehr zufrieden, konnten wir die Therapiestation samt Aufenthaltsraum und Terrasse realisieren», sagt sie. «Denn die Patienten sind mobil, ihnen geht es den Umständen entsprechend gut. Müssten sie die ganze Zeit über im Zimmer verharren, würde ihnen die Decke auf den Kopf fallen.»

Zur Kontrolle wird nochmals ambulant bestrahlt

Nach Hause können die Patienten erst, wenn die Strahlung einen vom BAG vorgegebenen Grenzwert unterschritten hat. Bei Krebs ist das in der Regel nach zwei bis drei Tagen der Fall, bei der Schilddrüsenüberfunktion dauert es maximal fünf Tage. Tara Lang wird nach vier Tagen entlassen, begibt sich aber zum vollständigen Schutz ihres Sohnes noch drei Tage in Quarantäne, bis sie komplett strahlenfrei ist. In sechs Monaten wird sie nochmals mit einer kleinen Radiojod-Dosis untersucht, um das Resultat der Therapie evaluieren zu können. In der Hoffnung, dass das gelbe Medikament bis dahin alle Legosteine gefunden hat.