Das «Konsi» zieht nach fast 70 Jahren aus der Luzerner Dreilinden-Villa

Das «Konsi» zieht nach fast 70 Jahren aus der Luzerner Dreilinden-Villa

Im Sommer zieht das Musik-Departement der Hochschule Luzern ins Südpol-Areal.

Text: Chiara Zgraggen / Bilder: Pius Amrein
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In den Bus mit der Nummer 14 können Musik-Studenten auch im September wieder einsteigen, um zum Unterricht zu erscheinen. Diesmal jedoch in umgekehrter Richtung, denn: Die Standorte werden auf dem Südpol-Areal in Kriens vereint. «Es fällt allen schwer, hier wegzuziehen», sagt Peter Baur, Studienkoordinator für den Bachelor Klassik und stellvertretender Institutsleiter. Er gehört zu den Personen, die sich am vergangenen Samstag im Rahmen eines Konzertes von der Stadtluzerner Dreilinden-Villa verabschiedeten.

Seit über 30 Jahren arbeitet Baur für die Hochschule, bereits seit 14 Jahren darf er eines der Zimmer in der Villa sein Eigen nennen. Das Büro hat er von keinem anderen als dem bekannten Komponisten Thüring Bräm übernommen. Während seiner Tätigkeit hat er vier Wassereinbrüche erlebt. Einer ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben:

«Eines Morgens kam ich ins Büro und vor mir lag ein Teil der Decke auf dem Boden.»

Baur erinnert das Haus ein wenig an jenes im Lied «Das Haus von Rocky Docky». Nicht, dass es wie in der ersten Liederzeile beschrieben hässlich sei, viel eher habe es schon viel erlebt. «Das Haus ist voller Wunder und heimlicher Musik.»

Es war nicht diese Decke, die durch einen Wasserbruch beschädigt worden ist.

Es war nicht diese Decke, die durch einen Wasserbruch beschädigt worden ist.

Die Trennung fällt schwer, trotz Verbesserung der Bedingungen

Ob es ein Vorkommnis gäbe, an welches er mit einem Schmunzeln zurückdenke, möchte die Autorin dieses Textes vom Pianisten wissen. Sogleich lacht er und erzählt: «Es gab eine berühmte Kursleiterin, welche sich nach einer Übernachtung im zweiten Stock am folgenden Morgen der Polizei gegenüber sah, weil sie die Alarmanlage ausgelöst hatte.»

Auch wenn Baur sich nicht gerne von der ehemaligen Sommerresidenz trennt, sieht er die positiven Seiten durch den Umzug in den Neubau im Südpol.

«Als wir den Bus sahen, sind wir die berüchtigte Dreilinden-Treppe heruntergerannt»

Auch David Koch, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Bibliothekar an der Musikhochschule Luzern, steht dem Umzug positiv gegenüber. Obschon er seit einem Vierteljahrzehnt in der Villa Vicovaro ein und aus geht, ist er gespannt auf die neuen Räumlichkeiten. «Es ist sicher gut, wenn künftig alle Musikstudierenden an einem Ort untergebracht sind», sagt Koch.

Die Aussicht vorbei an den Bäumen auf den Vierwaldstättersee und die umliegenden Berge werden dem ehemaligen Konservatoriumsabsolventen dennoch fehlen, wie er sagt. «Der Ort hat etwas Magisches, Inspirierendes», erzählt er mit Wehmut in der Stimme, während er durch seine Brillengläser die Umgebung absucht. Mit dem Kopf nickt er in Richtung der «berüchtigten» Dreilinden-Treppe. «Als wir hier oben standen und den Bus bei der Haltestelle St. Anna sahen, wussten wir: Wenn wir nun die Treppe herunterrennen, schaffen wir es noch auf den Bus», erinnert er sich. Ob es im Winter zu einem Unfall auf der Treppe gekommen ist, entzieht sich seiner Kenntnis. Denkbar wäre es angesichts der steilen Stufen.

Gabriela Glaus, ihres Zeichens Studentenvertreterin und Master-Absolventin in Musikpädagogik, sieht den Umzug als Chance für die Hochschule. Es sei schön, künftig täglich Musik-Studenten anderer Richtungen an einem gemeinsamen Standort zu begegnen. «Wir haben hier zwar eine schöne Aussicht, aber die Ringhörigkeit in der Villa ist teilweise schon sehr anstrengend», sagt sie, die im Herbst im Südpol weiterstudieren wird. Auch wenn sie begeistert ist vom neuen Areal, wird die junge Frau die Zeit in den Räumlichkeiten über den Dächern Luzerns nie vergessen. Die Sopranistin hat hier nämlich vor einem Jahr den Edwin-Fischer-Anerkennungspreis gewonnen.

Bei einer solch alten Liegenschaft, ist es kaum verwunderlich, dass in Studentenkreisen Gerüchte über das Haus und seine Geschichte kursieren. «Hier etwas weiter unten stehen ja Bäume», sagt Gabriela Glaus und schaut schelmisch in den Garten. «Man sagt sich, dass diese von der ehemaligen Hausdame gepflanzt worden sind. Und zwar damit sie sich nicht jedes Mal erinnern musste, dass ihr Mann dort unten im Freudenhaus ein und aus ging.» Für weitere Geschichten hat die Studentin leider keine Zeit – sie muss zur Vorbereitung fürs Konsi-Fest, welches hier jedes Jahr im Sommer für Studenten, Dozenten und Mitarbeiter verrichtet wird.

Nach fast 70 Jahren als Konservatorium: Das Musik-Departement der Hochschule Luzern verlässt die Dreilinden-Villa.
13 Bilder
Die Villa Vicovaro wurde im Jahr 1890 an Eleonora Bolognetti oder Principessa di Vicovaro und ihre Mutter verkauft.
Die Räume sind kunstvoll verziert.
Patrizio Mazzola spielt am Piano
Solche Schmuckstücke sind in der Villa überall zu finden.
Blick in einen Raum.
Das war ein Kamin.
Blick in ein Büro.
Die Fenster der Villa sind filigran dekoriert.
Musik und Ornamente. Das hat in der Dreilinden Villa während Jahrzehnten zusammengehört.
Blick in einen Raum mit einem Klavier
An diesen Treppen hängen viele Erinnerungen.
Blick ins Obergeschoss im Konsi.

Nach fast 70 Jahren als Konservatorium: Das Musik-Departement der Hochschule Luzern verlässt die Dreilinden-Villa.

Bild: Pius Amrein (Luzern, 4. Juli 2020)

«Wir werden mit besseren Voraussetzungen dasselbe machen»

Einer der Dozenten ist Sascha Armbruster, Dozent für Saxofon und Studienkoordinator. Seit zwei Dekaden lehrt er bereits in Luzern. Wenn er den Ausblick sieht, werde er schon auch wehmütig, sagt der Musiker. «Aber wir werden am neuen Ort mit besseren Voraussetzungen dasselbe tun», räumt er ein und ergänzt:

«Wir haben hier ein tolles Team,
das nehmen wir ja mit.»

Einer, der im Haus mit Herzblut unterwegs ist, jedoch weder lehrt noch studiert, ist Chris Meier. Der Stadtluzerner war in den vergangenen acht Jahren mit dem Raumprogramm des neuen Standorts und der Planung des Umzugs beschäftigt. Dem Umzug ist er positiv gestimmt. Es sei gut, nun neu zu beginnen. «Die Villa ist zwar ein Bijoux, aber es ist lädiert.» Nun breche ein neues Zeitalter an – auch wenn während der Planung weniger Geld zur Verfügung gestanden sei als an anderen Orten wie beispielsweise in Basel, wo eigens für die Jazz-Fakultät ein eigener Campus entstanden sei.

Trotz neuem Zeitalter: Die alten VHS-Rekorder hat er vor dem Elektroschrott gerettet. «Es gibt Dozenten, die gerne alte Aufnahmen mit diesen Geräten zeigen», erzählt er. Indes wird auch ein Teil des Mobiliars Platz in den neuen Räumlichkeiten finden. Somit muss doch nicht alles Alte etwas Neuem weichen. Und den Studenten und Dozenten bleibt ein Teil des Konservatoriums erhalten.

Die Geschichte der Villa Vicovaro

(czg/hb) Eleonora Cenci Bolognetti, Principessa di Vicovaro, hiess die Erbauerin und sogleich erste Bewohnerin der Villa Vicovaro. Sie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts in New York als Nachfahrin neureicher amerikanischer Industrieller geboren. Sie verdiente ihr Geld unter anderem mit Rum-, Zucker- und Tee-Import. 

Cenci und ihre Familie aus New York weilten oft in Paris und Rom. Deshalb suchten sie nach einer Besitzung auf halbem Weg. Luzern war günstig gelegen, mit der Dampfeisenbahn je 16 Stunden Fahrt. Zudem war Luzern zwischen 1872 und 1914 bei der reisefreudigen Oberschicht ein beliebtes Ziel. Eleonora und ihre Mutter beschlossen, das Gut auf Dreilinden zu kaufen. Gedacht war es als Sommerresidenz.

Frühere Besitzerin des Landguts Dreilinden (Hitzlisberg und Ruflisberg) war Emilie Pfyffer von Altishofen (1826–1883). Sie war die Tochter des Luzerner Regierungsrats und Stadtpräsidenten Oberst Felix Balthasar. Ihr Gatte, Ludwig Pfyffer von Altishofen, war Bruder von Divisionär Max Alphons, unter anderem Erbauer des Grand Hotel National. Am 9. Mai 1887 verkauften Emilies Erben das Landgut für 74 000 Franken (heutiger Wert: knapp 4 Millionen Franken) an eine Dreilinden-Gesellschaft. Diese veräusserte es 1890 an Eleonora und ihre Mutter – für 305 000 Schweizer Franken (heute gut 15 Millionen Franken).

Eleonora Cenci liess auf Dreilinden durch Edward Hewetson, den grossen englischen Architekten der späten Neugotik, die Villa Vicavaro erstellen, umgeben von einem ausgedehnten, mit exotischen Baumgruppen bestückten und mit Rosenfeldern, Wasserspielen und geschweiften Rundwegen versehenen Landschaftsgarten.

Die Dreilinden-Villa widerspiegelt die Lebensart der damaligen englischen Upperclass: strenge Unterteilung in Bereiche der Herrschaft und des Personals. Selbst die Türriegel sind unterschiedlich markiert. 

Als Eleonora 1915 verstarb, erlosch auch das Leben auf Dreilinden. 1923 kaufte der Industrielle und Philanthrop Charles Kiefer-Halblitzel das Dreilinden-Anwesen und nahm bauliche Änderungen in der Villa Vicovaro vor. 1946, kurz vor seinem Tod, gründete er die noch heute tätige Kiefer-Halblitzel-Stiftung zur Förderung junger Musiker und bildender Künstler. 1937 schenkten die Kiefer-Halblitzels das Anwesen der Stadt. Diese richtete 1952 auf Dreilinden das Konservatorium ein.

Diesen Sommer, 68 Jahre nach dem Einzug der Musikstudenten, steht erneut ein Umzug an. Der Luzerner Stadtrat will, dass der Dreilinden-Park ein Ort der Kultur bleibt. Die Liegenschaft wird an die Finartis Kunsthandels AG vermietet.