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Kostenlose medizinische Beratung bei Kaffee und Kuchen in Luzerner Café

Wer mit seinen Patientenakten überfordert ist oder medizinische Fragen hat, erhält bald im «Melissa’s Kitchen» in der Stadt Luzern gratis ärztliche Beratung. Ein Angebot, das zieht – wie unser Blick in ein bestehendes solches Café zeigt.
Yasmin Kunz
Der pensionierte Luzerner Arzt Frank Achermann (links) bespricht mit zwei Patienten in einem Café in Zürich die Akten. Dieses kostenlose Angebot gibt es ab Oktober auch in Luzern. (Bild: Roger Grütter; Zürich, 23. Juli 2018)

Der pensionierte Luzerner Arzt Frank Achermann (links) bespricht mit zwei Patienten in einem Café in Zürich die Akten. Dieses kostenlose Angebot gibt es ab Oktober auch in Luzern. (Bild: Roger Grütter; Zürich, 23. Juli 2018)

«Hier bin ich kein Referenzwert mehr, sondern ein Mensch», sagt die 32-jährige Patientin. Seit mehr als einem Jahr geht es ihr schlecht. Schwindelanfälle, Lähmungserscheinungen, Magen-Darmbeschwerden – um nur ein paar Symptome zu nennen. Die Berichte und Laborbefunde füllen einen Ordner – ohne Diagnose. Sie ist verzweifelt, hat ihr Biostudium unterbrochen, ist angewiesen auf Hilfe von Verwandten. Ihr letzter Hoffnungsschimmer: Das Café Med in Zürich. Dort bieten Ärzte diverser Fachrichtungen, Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen kostenlos Beratung an. Sie nehmen sich Zeit für die Menschen mit Problemen.

Das sei genau das, was sie brauche, so die Studentin, die anonym bleiben will. Vor einem Jahr wurde das erste Café Med in Zürich eröffnet. Seither haben gegen 500 Patienten und Angehörige dort Beratung erhalten. Weil dieses Angebot des Vereins Akademie Menschenmedizin auf grosse Resonanz stösst, hat man entschieden, auch in Luzern ein solches zu schaffen. Ab dem 1. Oktober können Patienten in «Melissa’s Kitchen» jeweils am ersten Montag des Monats zwischen 14.30 und 17 Uhr am Hirschengraben 19 in der Stadt Luzern das gleiche Angebot wahrnehmen.

«Medizin ist zur Industrie verkommen»

Im Bistro Marion in Zürich sitzt auch ein 72-jähriger Mann, der das erste Mal von diesem Angebot Gebrauch macht. Am selben Tag hätte er drei Aufgebote der Uniklinik Zürich erhalten, erklärt der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er sei unsicher gewesen, ob all diese Abklärungen nötig seien. Frank Achermann, Diabetologe im Ruhestand, erklärt ihm, dass die eine Untersuchung gemacht werden soll, der Rest aber momentan nicht notwendig sei. Der Patient ist erleichtert, dass ihm ein Experte geholfen hat.

Ursula und Frank Achermann, die gemeinsam 35 Jahre eine Praxis in der Stadt Luzern geführt haben, sind die lokalen Organisatoren für das Café Med in Luzern. Achermann ist immer wieder erstaunt, was seine Berufskollegen verordnen. «Medizin ist zu einer Industrie verkommen». Dem wolle man mit dem Café Med entgegenwirken. Viele Untersuchungen sind überflüssig und könnten eingespart werden, ist der Arzt sicher. «Oft habe ich den Eindruck, man verordnet derart viele Untersuchungen, um alle Unsicherheiten auszuräumen. Dass dadurch ein höherer Gewinn möglich wird, ist störend. Und der Mensch bleibt dabei auf der Strecke.»

Und genau das ist das Ziel verschiedener pensionierter Ärzte, dieses Angebot unter dem Dach der Akademie Menschenmedizin in Luzern zu initiieren: «Wir wollen den Menschen sehen, ihm zuhören und ihn ganzheitlich beurteilen», so Achermann. Ein Blatt mit Zahlen helfe manchmal nicht oder nur bedingt, die Ursache für ein Leiden zu finden. Das Café Med findet jeden zweiten Montag von 15 bis 18 Uhr in Zürich statt. Trotz Sommerferien herrscht Grossandrang. Über 30 Patienten wollten einen von rund sieben Ärzten sehen. Wer als Gast ins Bistro Marion kommt, erkennt nicht, dass es sich sozusagen um ein Patientengespräch handelt. Es könnte auch ein Geschäftsmeeting sein. Erkenntlich wird es vielleicht erst, wenn eine Ratsuchende Röntgenbilder auf den Tisch legt.

Für Melanie Kern, Geschäftsinhaberin des Bistros, ist das Café Med eine «Win-win-Situation», wie sie sagt. Anfangs sei sie allerdings etwas skeptisch gewesen. «Vorerst hatte ich eine falsche Vorstellung. Ich dachte, die Patienten würden hier offene Wunden zeigen. Das wäre für ein Restaurantbetrieb eher ungeeignet.» Heute, nach einem Jahr, lacht sie darüber und ist dankbar, einen «Teil zu einem guten Projekt beitragen zu können». Nebst Ärzten und Patienten bedient sie noch reguläre Gäste.

Restaurant sieht Angebot als «Bereicherung»

Das Lokal Melissa’s Kitchen wird von Urs und Carin Truniger geführt. Für sie war schnell klar, dass sie dieses Projekt unterstützen wollen. «Das ist auch für uns eine Bereicherung», sagt Urs Truniger. Das Restaurant und Café bietet Platz für 80 Gäste, darum mache man sich auch keine Sorgen, «dass reguläre Gäste während des Anlasses zu kurz kommen».

«Ärzte mit langjähriger Erfahrung können Wege durch den Gesundheitsdschungel aufzeigen.»


Aldo Kramis, Präsident Luzerner Ärztegesellschaft

Keine Konkurrenz zu praktizierenden Ärzten

Wer jetzt denkt, die Ärzte würden im Bistro eine Diagnose stellen, der liegt falsch. «Wir wollen Verständnis und Einsicht bezüglich Gesundheitsprobleme fördern, geben Tipps, helfen bei Entscheidungen und vermitteln Wissen», sagt Achermann. So haben die pensionierten Ärzte, die das ehrenamtlich machen, auch keine Befugnis mehr, Medikamente zu verschreiben oder Patienten zu überweisen. Darum sehe man sich nicht als Konkurrenz zu den praktizierenden Ärzten. «Wir verlangen kein Geld für unsere Beratungen. Wir unterstützen Entscheidungsprozesse.» Meist habe der behandelnde Arzt heute, durch die strengeren Rahmenbedingungen, keine Zeit mehr, dem Patienten zuzuhören. «Diese Lücke wollen wir füllen.»

Bei der Ärztegesellschaft des Kantons Luzern begrüsst man das Angebot: «Ärzte mit langjähriger Erfahrung können Patienten individuell beraten und ihnen Wege aufzeigen, wie sie am besten durch den Gesundheitsdschungel gelangen», wie deren Präsident Aldo Kramis sagt.

Zurück nach Zürich: Die 32-jährige Studentin verlässt nach einer Stunde sichtlich erleichtert das Bistro. Eine Diagnose hat sie zwar noch nicht, aber es hat ihr erstmals ein Arzt zugehört und sie ernst genommen. Für den Mediziner Achermann ist der Fall nun erledigt. Keine Nachbearbeitung. Kaum fällt hinter der Studentin die Tür zu, sitzt Achermann wieder an einem Tisch mit einem neuen Patienten – und hört erst mal nur zu.

Der Mensch steht im Mittelpunkt

Die Akademie Menschenmedizin ist ein politisch, finanziell und konfessionell unabhängiger gemeinnütziger Verein. Sie ist die Weiterführung des Modells «Menschenmedizin», das von 1991 bis 2012 in einem Schweizer Spital aufgebaut und etabliert wurde. Er engagiert sich für eine Veränderung im Schweizer Gesundheitswesen: Weg von Profitorientierung, Kosten- und Zeitdruck, hin zu einem Gesundheitssystem, das den Menschen und den Versorgungsauftrag in den Mittelpunkt stellt. Der Verein ist auf die finanzielle Unterstützung von Privatpersonen, Stiftungen und passenden Organisationen angewiesen, um Projekte zu realisieren.

Der Vorstand der Akademie Menschenmedizin besteht aus sechs Personen aus den Fachbereichen Psychotherapie, Medizin, Pflege und Management. Präsidiert wird der Verein von Annina Hess-Cabalzar. Sie war bis 2012 Leiterin auf allen Abteilungen integrierten Psychotherapie an einem Zürcher Spital und Mitglied der Spitalleitung.

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