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KRANKENVERSICHERUNGEN: Krankenversicherer kontern Kritik von Guido Graf

Nach der Kritik von Gesundheitsdirektor Guido Graf fährt Pius Zängerle, Direktor des Krankenversichererverbandes Curafutura, einen Konter. Und plädiert für einen Systemwechsel.
Balz Bruder
Der Krankenversichererverband Curafutura will eine neue Finanzierung des Gesundheitswesens. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 1. Dezember 2015))

Der Krankenversichererverband Curafutura will eine neue Finanzierung des Gesundheitswesens. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 1. Dezember 2015))

Pius Zängerle, der Luzerner Gesundheitsdirektor Guido Graf hat mächtig Dampf abgelassen in unserer Zeitung. Im Interview (Ausgabe vom 3. November) sagte er wörtlich: «Die Krankenkassen müssen endlich ihren Job machen.» Hat Sie die Breit­seite überrascht?

Ja, die Art und Weise hat mich überrascht, aber nicht die Themen, die er anspricht. Die Dossiers – zum Beispiel jenes des Primats der ambulanten vor der stationären Behandlung – sind in Arbeit, entweder auf eidgenössischer Ebene oder bei den Tarifpartnern. Dabei wünschen wir uns, dass partnerschaftlich zusammengearbeitet und nicht gegeneinander gearbeitet wird. Es bringt nichts, sich untereinander den Schwarzen Peter zuzuspielen.

Sie kennen die Luzerner Verhältnisse als ehemaliger Kantonsrat und Spitalrat aus dem Effeff. Und jene in der CVP als Parteikollege von Guido Graf ebenso. Die Kritik muss Sie auch persönlich geschmerzt haben.

Nein, ich erkenne darin einfach die Ohnmacht, in der sich die einzelnen Partner insbesondere bei Finanzierungsfragen befinden. Es beweist nur, dass es einer allein nicht schafft. Dabei dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass es einen ganzen Strauss von Problemen gibt und nicht ein einzelnes. Ich erwähne die Finanzierung von Gesundheitsleistungen, die Qualität der medizinischen Versorgung, die Zulassung von Ärzten ebenso wie die komplexen Tariffragen. Es braucht eine Gesamtsicht über Fragen der ambulanten und stationären Versorgung.

Was sagen Sie zur sachlichen Kritik von Regierungsrat Guido Graf? Er sagt, dass die Versicherungen ihren gesetzlichen Auftrag bei der Kontrolle von Spitalrechnungen nicht erfüllen, sondern auf die für sie günstigeren Lösungen schauen.

Das trifft so nicht zu. Und zwar deshalb, weil die Versicherer den Handlungsbedarf erkannt haben und das Problem der stationären Überversorgung beim Namen nennen. Die Einkaufsgemeinschaft von Helsana, Sanitas und KPT hat dies Ende September zum Thema ihrer Jahrestagung gemacht. Guido Graf ist nicht der Einzige, der sich über die Überversorgung ärgert – das tun wir auch. Leider lässt sich das Problem nicht einfach lösen.

Weshalb nicht?

Zum einen, weil die Krankenversicherer nicht Leistungen einkaufen, sondern im Voraus Tarife vereinbaren und im Nachhinein den Patienten oder den Leistungserbringern Kosten erstatten, nachdem die Hospitalisation im Vertrauensprinzip stattgefunden hat. Es wäre ein Ding der Unmöglichkeit, jede Kostengut­sprache einzeln zu prüfen.

Trotzdem: Das berühmte Krampfadernbeispiel, das der Luzerner Gesundheits­direktor erwähnt hat, ist schon stossend: Es zeigt erstens an, dass Zusatzversicherte häufiger und zweitens teurer stationär behandelt werden. Und zwar um ein Vielfaches.

Ja, aber bei Zusatzversicherten werden Mehrleistungen erbracht – zum Beispiel bei der Arztwahl. Ob die Kosten so viel höher sein müssen, ist eine andere Frage. Wir reden dabei von den Verträgen zwischen Versicherern und Spitälern. Das Problem ist den Krankenversicherern bewusst: Mein Versicherer beispielsweise schränkt meine Wahlfreiheit auch als halbprivat Versicherten insofern ein, als er nicht jede Behandlung in jedem Spital akzeptiert – er führt also eine Negativliste von Häusern. Da ist viel in Bewegung.

Aber nicht genug: Sagen Sie uns, weshalb es ein neues Finanzierungskonstrukt für ambulante und stationäre Gesundheitsleistungen braucht.

Ein solches ist notwendig, weil eine einheitliche Finanzierung medizinischer Behandlungen schon rein vernunftmässig Sinn macht. Es ist doch absurd: Ob der Kanton eine medizinische Leistung heute mitfinanziert oder nicht, entscheidet sich letztlich nur am Umstand, ob der Patient um Mitternacht in einem Spitalbett liegt oder nicht. Ab diesem Moment bezahlt der Kanton seinen Anteil – vorher bezahlt er nichts. Das kann sonderbare Anreize bei Behandlungen auslösen, die aus medizinischer Sicht nicht stationär erfolgen müssen: Für die Spitäler ist es finanziell attraktiv, die Betten zu füllen. Der Kanton seinerseits möchte am liebsten, dass ein Patient gar nicht stationär liegt – dann muss er nichts bezahlen. Der Versicherer wiederum belastet seine Prämienzahler mehr, wenn er nachträglich einen aufwendigen Streit um die Vergütung führt. Und er verärgert damit auch noch den Patienten.

Aber das kann nicht der einzige Grund für die einheitliche Finanzierung sein.

Nein, eine einheitliche Finanzierung löst nicht nur diese Probleme, sondern bringt auch Verbesserungen bei den Tarifen und bei der integrierten Versorgung. Die unterschiedliche Finanzierung führt heute ja dazu, dass ambulante und stationäre Tarife separat diskutiert werden. Darum gibt es auch die bekannten Tarifprobleme. Bei einem Systemwechsel profitieren sowohl die Steuer- als auch die Prämienzahler, weil sich Kantone und Versicherer gemeinsam für tiefere Kosten einsetzen. Das gibt einen massiven Hebel!

Der Luzerner Gesundheits­direktor findet, der Systemwechsel führe unter dem Strich nur zu höheren Kosten für die öffentliche Hand – und mehr Verwaltungsaufwand.

Regierungsrat Graf sagt richtig, dass es keinen Sinn macht, die ambulanten Rechnungen zwischen Versicherern und Kantonen zu splitten und so einen unnötigen Verwaltungsaufwand zu schaffen. Nur schon die Zahlen zeigen, dass das widersinnig wäre. Nehmen wir das Beispiel der KPT. Als mittelgrosser Krankenversicherer verarbeitet die KPT jährlich etwa 3,5 Millionen Belege. Davon sind «nur» 70000 solche aus dem stationären Bereich der obligatorischen Krankenpflegeversicherung, also rund 2 Prozent. Wir schlagen deshalb vor, dass künftig nicht nur die ambulanten Rechnungen, sondern auch die Spitalrechnungen durch die Versicherer bezahlt werden. Es wird für die Kantone erstens nicht teurer, und zweitens steigt auch der Verwaltungsaufwand nicht.

Was ist Ihr Rezept für ein Gesundheitswesen, das kostenmässig nicht aus dem Ruder läuft? Zumindest Kostendämpfung müsste drinliegen, ohne dass die Versorgungssicherheit der Bevölkerung auf dem Spiel steht.

Leider läuft das Gesundheits­wesen kostenmässig tatsächlich aus dem Ruder. Und jemand muss diese Zeche jedes Jahr bezahlen. Deshalb arbeiten wir auf mehreren Ebenen, um die Finanzierung und die Qualität des Gesundheitswesens nachhaltig zu sichern. Wir engagieren uns im Interesse der Prämienzahler für Korrekturen am System. Diese sind auch im Interesse des Steuerzahlers. Der Kranken­versichererverband Curafutura hat dem Bundesrat zum Beispiel Ende Oktober konkrete Vor­schläge unterbreitet, um die überhöhten, ärztlichen Tarife schon 2017 anzupassen. Es gilt, die Kräfte zu bündeln und am gleichen Strick zu ziehen, anstatt gegeneinander anzutreten.

Schön und gut. Doch die Spitäler bolzen Fallzahlen, dass es einem graust. Und sie investieren, als gäbe es kein Übermorgen.

Ja, die 300 Spitäler in der Schweiz planen kurz- und mittelfristig Investitionen von rund 30 Milliarden Franken. Das muss jemand zahlen und amortisieren. Kapazitäten, notabene, die es nicht braucht. An diesem Punkt spiele ich den Ball an Gesundheits­direktor Graf zurück: Die Kantone müssen im Bereich der öffentlichen Spitäler ihre Verantwortung wahrnehmen. Wie man dies beispielsweise bei den Kantonalbanken gemacht hat. Es braucht mehr unternehmerische Freiheit und Verantwortung – zum Beispiel in Form von Teilprivatisierungen, so wie das zum Beispiel bei der Luzerner Kantonalbank gemacht wurde.

Wie sehen Sie das in der Zentralschweiz?

Sie ist eigentlich gut aufgestellt, indem die Zusammenarbeit zwischen dem Zentrumsspital und den umliegenden Spitälern unter einem Holdingdach gestärkt werden soll – und das Konstrukt gleichzeitig anschlussfähig werden soll für weitere Häuser. Dennoch muss hinterfragt werden, ob die Investitionen und der Angebotsausbau in diesem Umfang notwendig sind und wer das Ganze bezahlen wird.

Interview: Balz Bruder

Pius Zängerle (Bild: David Avolio)

Pius Zängerle (Bild: David Avolio)

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