Krankhafte Mediensucht hat zugenommen: Er kümmert sich um psychisch kranke Kinder und Jugendliche

Oliver Bilke-Hentsch ist seit vier Monaten Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Pathologische Mediensucht beschäftigt ihn stark.

Fabienne Mühlemann
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Die Regale sind bis zur Decke mit Büchern gefüllt, Spielsachen wie kleine Autos oder Kinderbücher sind säuberlich platziert, die Sofas und der Teppich sind Ton in Ton: Im Büro von Oliver Bilke-Hentsch fühlt man sich pudelwohl – beinahe wie in einem Wohnzimmer mit bestem Blick auf den Rotsee und die Stadt Luzern.

Dr. Oliver Bilke-Hentsch in seinem Büro.

Dr. Oliver Bilke-Hentsch in seinem Büro.

Bild: Patrick Hürlimann, Luzern, 5. März 2020

Seit dem 1. November 2019 ist er der neue Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Luzern und auch Mitglied der Geschäftsleitung. Der verheiratete Deutsche lebt seit 2011 in der Schweiz, war zuvor in Winterthur und im Kanton Thurgau tätig. Mittlerweile hat er seinen Wohnort in die Stadt Luzern verlegt. In der Luzerner Psychiatrie (Lups) habe er sich prima eingelebt. Hier reize ihn vor allem das breite Angebot sowie die Überschaubarkeit der Region.

Oliver Bilke-Hentsch begleitet Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre mit Problemen im psychischen Bereich. «Besonders nahe gehen mir Fälle, bei denen kein Erwachsener Verantwortung übernehmen will, und junge Menschen im Stich gelassen werden, sobald es schwierig wird», sagt der 54-Jährige. Auch wenn Säuglinge oder Kleinkinder betroffen seien, die selber kaum Einfluss nehmen können, sei das schwer zu ertragen.

Jedes zehnte Kind ist behandlungsbedürftig

Jede fünfte Person unter 18 Jahren ist in der Schweiz allgemein von einer psychischen Störung betroffen. Behandlungsbedürftig ist jede zehnte, wie Oliver Bilke-Hentsch erklärt. Die meisten betroffenen Kinder und Jugendlichen leiden an einer Angststörung (5 Prozent) oder an ADHS (5 Prozent). Es folgen Depression (4 Prozent) sowie pathologischer Mediengebrauch (4 Prozent). «Zugenommen haben in den letzten Jahren neben dem krankhaften Mediengebrauch Depressionsformen wie Burn Outs, Fälle von Traumafrühstörungen, Gewaltbereitschaft oder gestörtes Essverhalten», sagt Bilke-Hentsch. Gerade Depressionen kämen häufiger vor, weil sich immer mehr Personen an den Aufgaben der Gesellschaft verausgaben würden. Wichtig sei, dass die Probleme früh erkannt würden und früh eingegriffen werde. Weitere Informationen finden Sie unter www.lups.ch

Gefahren der Digitalisierung

Der 54-Jährige befasst sich stark mit den Themen Sucht und pathologischem Mediengebrauch. Diese «Medien-Sucht» sei seit kurzem als Störung anerkannt, was ihn persönlich freue. «Seit dem Jahr 2007 ist ein viel stärkerer Einfluss der Digitalisierung auf die Menschen spürbar», so Bilke-Hentsch. In dem Jahr kamen nämlich das iPhone und andere technische Neuigkeiten auf den Markt.

Neben den vielen Vorteilen durch die Digitalisierung gebe es auch mehrere Gefahren. So nehme zum Beispiel das Vermeidungsverhalten gerade bei schüchternen Kindern zu.

«Diese können sich die Welt durch das Internet nach Hause holen und dort in der sogenannten Filterblase leben.»

Ein schüchternes Kind müsse sich nicht mehr schwierigen Situationen aussetzen. Auch die dauernde Vergleichbarkeit, die vor allem durch die sozialen Medien gefördert werde, sei ein Problem. «Für gesunde Personen kann es unterhaltsam sein, sich aus Langeweile ein Youtube-Video anzuschauen oder zu checken, wie viele Likes man auf Facebook erhält. Bei anderen kann das Selbstwertgefühl dadurch gesenkt werden», sagt Bilke-Hentsch. Wichtig sei, sich abzugrenzen und die eigene Konzentration zu steuern. «Sonst wird man zum Spielball verschiedener medialer Einflüsse.»

Vor dem pathologischen Mediengebrauch ist die Zentralschweiz gemäss dem Deutschen ein wenig geschützt – vor allem wegen dem ländlichen Gemeindewesen. «Es gibt viele Vereine auf dem Land oder die Fasnacht. Das schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl.» Man habe eine gemeinsame kulturelle Identität, viele Dinge würden familiär oder auf Gemeindeebene gelöst. «Das ist in grossen Städten anders, wo viele Zugezogene leben», so Bilke-Hentsch.

Auch Familien mit binationalen Verbindungen, also wenn zum Beispiel die Mutter Schweizerin ist und der Vater aus dem Balkan kommt, suchen die Lups wegen krankhaftem Mediengebrauch seltener auf. «Häufig haben dort die Eltern unterschiedliche Vorstellungen von psychischen Krankheiten. Das ist für Kinder oft schwierig, weil Eltern lange brauchen, ein gemeinsames Verständnis für solche Erkrankungen zu entwickeln», so Bilke-Hentsch.

Deutsche Ärzte lernen Luzerner Gepflogenheiten

Vor kurzem berichtete das SRF, dass es immer weniger Schweizer Ärztinnen und Ärzte in den Psychiatrien gebe. Doch gerade in diesem Beruf sei die Sprache und das kulturelle Verständnis sehr wichtig. Laut Bilke-Hentsch existiert dieses Problem teilweise auch bei der Lups. «Wir haben Ärzte aus Deutschland, die schon seit Jahren in der Schweiz sind.» Wenn sie bei der Lups zum Beispiel Deutsche einstellen würden, machen sie diese mit den Luzerner Gepflogenheiten bekannt.

«Wir erklären ihnen, in welche Fettnäpfchen sie nicht treten sollen und bringen ihnen die Mentalität näher.»

Beispielsweise, dass man einander schneller duzt oder erwartet wird, dass man sich den Namen des anderen merkt.

Bilke-Hentsch spricht mit den Patienten in der Lups in seinem Dialekt aus dem Ruhrgebiet. «So entsteht eine bessere Beziehung, als wenn ich richtiges Hochdeutsch sprechen würde.» Beim richtigen Hochdeutsch werde der Therapeut auch mit dem Lehrer assoziiert – es entstehe eine Distanz. Wichtig sei, dass die Patienten in Schweizerdeutsch sprechen können. «Denn nur in seiner Muttersprache kann man sich am besten ausdrücken.»

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