KRIENS: Ein Popstar für den Unterricht

Viele Jugendliche finden die Schule uncool. Ein Projekt soll dies ändern. 100 Schüler aus Kriens haben mitgemacht. Im Fokus stand aber mehr der Gast als das Büffeln.

Christian Hodel
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Die amerikanische Popsängerin Sarah Burgess (25) besuchte gestern rund 100 Schüler in Kriens. (Bild Dominik Wunderli)

Die amerikanische Popsängerin Sarah Burgess (25) besuchte gestern rund 100 Schüler in Kriens. (Bild Dominik Wunderli)

Die Schüler stürmen in den Unterricht, als ein Lehrer in Kriens gestern kurz vor 10 Uhr die Türe zum Singsaal im Schulhaus Roggern öffnet. Für einmal sind in der Englischlektion die vordersten Plätze die heiss begehrtesten.

100 Schüler sitzen gebannt auf den Stühlen. «Wie sie wohl aussieht?», fragt eine Schülerin. «Bestimmt super», antwortet eine andere. Die Mädchen tuschlen. Die 13- bis 16-jährigen Knaben schauen ein wenig verlegen um sich, in den Händen halten sie je eine Rose. Ein Geschenk für den heutigen Gast, die amerikanische Popsängerin Sarah Burgess (25). Sie wird den Krienser Schülern im Englischunterricht ein Konzert geben und Fragen beantworten.

Hemmschwelle soll sinken

«Coole Schule» nennt sich das Projekt, bei dem Oberstufenschüler den Fremdsprachenunterricht für eine Stunde anders erleben als gewohnt. «Ziel ist es, dass die Schüler die Hemmschwelle verlieren, in einer Fremdsprache zu sprechen», sagt Projektleiter Oliver Meyer. Finanziert wird das Projekt, an dem seit 2007 mehr als 40 000 Schüler mitgemacht haben, vom Sprachkursanbieter Pro Linguis. Daran beteiligt ist unter anderem auch die Suchtpräventions-Organisation IOGT Schweiz, – weil die Schüler laut Meyer immer wieder Fragen zu Drogen und Alkoholmissbrauch im Musikgeschäft stellen würden. Für die Schulen ist der Anlass kostenlos.

Kurz nach zehn Uhr betritt die US-Popsängerin den Singsaal in Kriens. Knapp bekleidet, in Hotpants und gepunktetem Oberteil. Die Schüler heben ihre mit Herzen bemalten Plakate in die Höhe, applaudieren und pfeifen. «Hi, ich bin Sarah. Nice to meet you», sagt Burgess und nimmt das Mikrofon in die Hand. 60 Klassen in der Schweiz besucht die in Ohio aufgewachsene Sängerin den ganzen Mai über. Sie, die es 2007 in der Casting Show American Idol – die amerikanische Version von Deutschland sucht den Superstar – unter die Top 30 geschafft hat und nun in Kriens ihren neuen Song «Thank You» vorsingt. Die Schüler hören gebannt zu, auf ihren Knien liegt auf Papier ausgedruckt der Songtext. Es fehlen Wörter, die sie ergänzen müssen. «Solche Übungen sind spannend und machen den Englischunterricht interessant», sagt der Schüler Matthias Scheidegger (14). Eine gute Sache sei der Besuch.

Doch ist ein solcher Event wirklich nötig, damit die Schüler eifrig lernen? «Nein», sagt Schulleiterin Silvia Hasler. «Events braucht es grundsätzlich nicht. Aber ein solcher Anlass ist für einmal was anderes und motiviert die Schüler.» Dies bestätigt auch Ramona Gut-Rogger. Sie unterrichtet die 2.-Sek-Schüler und sagt: «Die Schüler haben sich im Vorfeld mit der Biografie der Sängerin beschäftigt, Songtexte studiert und Fragen ausgearbeitet.» Mit dem Anlass könne die Fremdsprache im Gespräch mit der Sängerin nun eins zu eins angewendet werden. Auch Annamarie Bürkli, Präsidentin des Luzerner Lehrerinnen- und Lehrerverbandes, begrüsst die Aktion in Kriens. «Für die Schüler ist der Besuch eine einmalige Chance, die englische Sprache anzuwenden», sagt sie. Sofern ein solcher Event in einer Schule nicht zur Tagesordnung gehöre und nicht überhandnehme, sei an derartigen Projekten nichts auszusetzen, sagt Bürkli. Ansonsten könnte der Unterricht nach Lehrplan zu stark beeinträchtigt werden.

«Haben Sie einen Boyfriend?»

Der Spass an der englischen Sprache war bei den Schülern zu spüren. «Haben Sie einen Boyfriend?», wollte ein Schüler von Burgess wissen? «Nein, ich bin seit sechs Jahren verheiratet», antwortete sie. Kinder? «Keine. Dafür zwei süsse kleine Hunde.» Eine andere Schülerin wollte wissen, was Burgess von Drogen halte, und ein Schüler wiederum, welche Orte ihr in der Schweiz am besten gefielen. Die Antwort lautete Zürich und Luzern. Burgess kennt die Schweiz. Sie war im Schweizer Fernsehen an den Vorausscheidungen für den Eurovision Song Contest 2010 mit dabei und macht nun zum vierten Mal am Projekt «Coole Schule» mit. «Ich bin begeistert», sagt sie. Vielfach würden sich die Schüler später bei ihr via Facebook oder dem Nachrichtendienst Whats-App melden. «Die Mitteilungen beantworte ich natürlich alle selbst.» Ihre Kontaktdaten hat Burgess den Schülern gestern auf die Wandtafel geschrieben. Diese tippten die Nummer sogleich in ihre Handys. Und einer sagte zu seinen Kollegen: «Schade, dass sie schon verheiratet ist.»

Hinweis

Mehr zum Projekt Coole Schule und Hörproben von Sarah Burgess: www.cooleschule.ch