KRIENS-HORW: Luzern präsentiert der Schweiz die erste Autobahn

1955 wird die erste Autobahn der Schweiz zwischen Kriens und Horw eröffnet. Sie entwickelt sich zur Teststrecke für Private.

Stefan Roschi
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Heute fährt man über die Hergiswilerstrasse
nach Horw. Die Autobahn verläuft darunter. (Archivbild Neue LZ)

Heute fährt man über die Hergiswilerstrasse nach Horw. Die Autobahn verläuft darunter. (Archivbild Neue LZ)

Heute fährt man über die Hergiswilerstrasse
nach Horw. Die Autobahn verläuft darunter. (Archivbild Neue LZ)

Heute fährt man über die Hergiswilerstrasse nach Horw. Die Autobahn verläuft darunter. (Archivbild Neue LZ)

Oh, wie ändern sich die Ansichten der Allgemeinheit. Heute gelten Autobahnen allgemein als zwar nützlich, aber auch lärmig und unschön anzusehen. Zudem sind sie meist durch den Verkehr verstopft. 1955 dagegen war die Welt eine ganz andere und die Eröffnung der ersten Autobahn der Schweiz zwischen Kriens und Ennethorw eine kleine Sensation. «Die harmonische Linienführung hat die betroffene Landschaft nicht nur
nicht verschandelt, sondern geradezu bereichert», schrieb die Zeitung «Vaterland» damals in einer Sonderbeilage.

Und weiter: «Weich und sanft gleitet man dahin und bedenkt die reizende Landschaft, die sich den Blicken bietet, mit herzlicher Bewunderung.»

Fest ohne einen Bundesrat

Die offizielle Eröffnungsfeier des drei Kilometer langen Abschnitts fand am 11. Juni 1955 statt. Bundesräte suchte man vergebens, und die nationale Presse hielt sich noch zurück, wie Recherchen von Thomas Schönenberg vom Luzerner Staatsarchiv zeigen. Erst nach der Inbetriebnahme gab es ausführliche
Berichte. Dem Fest tat dies keinen Abbruch. Ein Tross aus Lokalprominenz und Krienser Musiken zog unter Böllerschüssen ab Höhe Horwerstrasse in Kriens über die Autobahn bis zum anderen Ende nach Ennethorw (siehe Bild). Mehrere Fahrzeuge bildeten eine Autokolonne. Dann wendete die Festgemeinschaft und fuhr zurück nach Kriens – zum Imbiss im Hotel Pilatus.

Die Autobahn entwickelte sich im Verlauf der Jahre zu einer allgemeinen Attraktion. Entlang der Strecke wurden Mehrfamilienhäuser errichtet, auf deren Balkonen die Leute die vorbeifahrenden Autos bestaunten. Von Lärmimmissionen und Umweltverschmutzung redete da noch niemand.

Ziel: Die Berge näher bringen Der 1955 eröffnete Abschnitt war Teil der geplanten Autobahn zwischen Luzern
und Stansstad. Sie sollte zum einen die Alpen als Tourismusziel näher bringen. Denn Ausflüge über Pässe wie
Grimsel, Brünig oder Gotthard wurden immer mehr zum Trend. Zum anderen sollten Horw und Hergiswil vom Verkehr entlastet werden. Schon Anfang der Fünfzigerjahre waren Autos weit verbreitet, und laut Verkehrszählungen passierten 11 000 Motorfahrzeuge an einem einzigen Sonntag das Dorf Hergiswil. Schnell passten sich die Verkehrsteilnehmer der neuen Situation an. Auf der «Nur-Autostrasse» fuhren bald 7600
Fahrzeuge täglich. Doch während die Privatautokolonne bei der Eröffnungsfeier noch richtiggehend zu flanieren schien, legten die Fahrer im nachfolgenden Alltag einen Zacken zu. Denn so etwas wie maximal zulässige Höchstgeschwindigkeiten gab es zu jener Zeit noch nicht. Zudem war die neue Autobahn ein Prototyp. Und so kam es, dass die Autobahnstrecke oftmals genutzt wurde, um herauszufinden, wie schnell
das eigene Gefährt fahren kann. EinZeitzeuge erinnert sich: «Wir sind damals oft von Zug her mit unseren Autos nach Luzern gefahren, um die Maximalgeschwindigkeit auszuloten.» Wer denkt, das könne damals ja noch nicht so viel gewesen sein, irrt. Einige Autos erreichten schon da 160 bis 180 Kilometer pro Stunde. Erst 1973 wurde auf Schweizer Autobahnen eine Höchstgeschwindigkeit von 100 Kilometer pro Stunde gesetzlich
festgelegt – vorübergehend.

Autobahn in den Boden verlegt

Heute gibt es rund 2000 Kilometer Autobahn in der Schweiz, und die damalige Begeisterung ist gewichen. Jedenfalls würde heute kaum noch jemand sein Haus gleich nebenan errichten. Und das zeigt sich auch an der Stelle, wo 1955 noch gross gefeiert worden ist. In Ennethorw ist heute nämlich nichts mehr von einer Autobahn zu sehen, sie wurde überdacht und begrünt und an den noch offenen Stellen mit Lärmschutzbauten
versehen. Bis 2004 dauerten die Arbeiten des Bundes auf dem Teilstück zwischen Luzern und Hergiswil.
666 Millionen Franken hat das gekostet. Heute blicken die Anwohner von Horw und Kriens nicht mehr auf Autokolonnen, sondern höchstens auf Dorfstrassen und Schrebergärten.

Weitere Beiträge zur Serie Früher – Heute

Alle bisher erschienenen Artikel zur Serie lesen Sie auf www.luzernerzeitung.ch/serien

11. Juni 1955: Hier in Ennethorw wenden die Autos und
fahren auf der frisch eröffneten Autobahn zurück nach Kriens. (Bild: Gemeinde Horw)

11. Juni 1955: Hier in Ennethorw wenden die Autos und fahren auf der frisch eröffneten Autobahn zurück nach Kriens. (Bild: Gemeinde Horw)