KRIENS: Jüdischer Hochschule droht Schliessung

Seit bald 50 Jahren ebnet sie jüdischen Männern den Weg zum Rabbiner. Nun kämpft die Talmud-Hochschule in Kriens um die Existenz. Das trifft auch die jüdische Gemeinde in Luzern.

Guy Studer
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Die Talmud-Schule in Kriens. (Bild: jem)

Die Talmud-Schule in Kriens. (Bild: jem)

Guy Studer

Unscheinbar liegt der schmucklose Gebäudekomplex etwas erhöht am Fusse des Pilatus. Nur die jüdischen Schriftzeichen beim Eingang deuten darauf hin, was sich hinter der Fassade an der Sackweidstrasse verbirgt, nämlich die jüdisch-orthodoxe Jeschiwa Talmud-Hochschule. Seit 1968 studieren junge jüdische Männer zwischen 14 und 19 Jahren dort die Schriften Thora und Talmud. Jeschiwa ist die jüdische Bezeichnung für Talmud-Hochschulen. Der Talmud ist eines der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums und ist eine Auslegung der Regeln der Thora (jüdische Bibel) in Praxis und Alltag.

Diskret und zurückgezogen

Die Internatsschüler und Lehrer führen in Kriens ein diskretes, zurückgezogenes Leben. Die Studenten stammen aus verschiedensten Ländern, kommen aus New York, London oder Zürich. Das Studium an der Jeschiwa ist die Vorstufe zur Rabbinerausbildung. Die Jeschiwa Kriens ist die grösste Talmud-Hochschule in der Schweiz und war auch lange die einzige. In Zürich gibt es seit einigen Jahren eine kleinere. Der Grossteil der Jeschiwas weltweit befindet sich in Israel und den USA.

Nur noch 13 von 70 Studenten

Doch gemäss Recherchen könnte die fast 50-jährige Geschichte in Kriens bald zu Ende gehen. Ein Student der Schule bestätigt gegenüber unserer Zeitung, dass die Schule aus finanziellen Gründen in wenigen Wochen geschlossen werde. Nach den Sommerferien seien deswegen von 70 Studenten bis jetzt nur deren 13 wieder zurückgekehrt. Früher gab es noch über 120 Schüler.

Abraham Leiner, in Zürich wohnhafter Verwaltungsrat der Genossenschaft Schweizerische Talmud-Hochschule Jeschiwah Kriens, relativiert: «Es ist alles noch offen.» Es sei zwar so, dass das Personal die Kündigung erhalten habe. Betroffen sind ein gutes Dutzend Angestellte. Doch das neue Semes­ter beginne erst in zwei Monaten. Bis dahin suche die Schulleitung Lösungen für einen weiteren Betrieb. «Es gibt Lösungsvorschläge, doch diese sind noch nicht spruchreif», sagt Leiner.

Dass die Schule mit finanziellen Problemen kämpft, stellt Leiner nicht in Abrede. «Wir sind eine Privatschule, die finanziellen Verpflichtungen haben sich mit den Jahren zugespitzt.» Er bestätigt auch, dass nicht alle Studenten aus den Sommerferien zurückgekehrt sind. Einige hätten aufgrund der Situation bereits an eine andere Schule gewechselt. «Wir haben den Studenten vorsorglich auch geraten, sich nach anderen Lösungen umzusehen.» Dennoch will Leiner auf keinen Fall von einer definitiven Schliessung sprechen: «Wir kämpfen, damit die Schule weiter bestehen bliebt.»

Auf private Gelder angewiesen

Dass die Jeschiwa-Hochschule in Kriens mit Finanzproblemen kämpft, ist gemäss Yves Kugelmann, Chefredaktor der jüdischen Zeitschrift «Tachles» nicht neu: «Als Privatinstitution ist sie von privaten Fördergeldern und Donationen abhängig.» Und die Anforderungen an die Schule als auch die Wirtschaftslage habe sich seit der Gründungszeit stark geändert. «Insofern geht es den Talmudschulen gleich wie anderen Privatschulen.»

Der Krienser Gemeindeammann Matthias Senn würde eine Schliessung der Schule bedauern. «Es war stets ein friedliches Nebeneinander zwischen der Bevölkerung und der Talmud-Hochschule», sagt er auf Anfrage. Zwar würden die Studenten sehr zurückgezogen leben, dennoch würde man sie öfters beim Einkaufen sehen. Mit der Schliessung würde für Senn deshalb «etwas aus dem Ortsbild verschwinden».

Gottesdienste gefährdet

Noch viel stärker bedauern würde dies Hugo Benjamin, der Vorsteher der jüdischen Gemeinde Luzern. Er hat von den finanziellen Problemen der Schule gehört. Für den 83-Jährigen wäre eine Schliessung gravierend: «Wir sind eine sehr kleine Gemeinde. Von den rund 40 Mitgliedern ist der grössere Teil zudem nicht aktiv.» Das Problem: Für einen jüdischen Gottesdienst in der Synagoge sind zehn Männer nötig. «Leider erscheinen in letzter Zeit oft weniger, weshalb jeweils einige Studenten von der Talmud-Hochschule kommen, damit der Gottesdienst stattfinden kann.» Mit anderen Worten: Schliesst die Schule, könnten künftig in Luzern kaum noch jüdische Gottesdienste stattfinden. Dann, befürchtet Benjamin, würden wohl noch mehr Mitglieder abwandern. «Wir haben sonst ja nur noch den jüdischen Friedhof.» Eine Schliessung wäre für Benjamin «wirklich schlimm, ja schon fast eine Tragödie.» Auch Hugo Benjamin müsste sich dann überlegen wegzuziehen. «Dabei ist Luzern eine so schöne und lebenswerte Stadt.»