KRIENS: Krieg und Straflager – er hat überlebt

Rudolf Passian (90) musste für die Nazis in der Normandie kämpfen, wurde schwer ver­wundet, von den Russen eingekerkert und starb fast. Der Tod begleitet ihn seither intensiv.

Luca Wolf
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Passian 1993 bei Indianern in Brasilien, wo er ein Hilfswerk gründete. (Bild: pd)

Passian 1993 bei Indianern in Brasilien, wo er ein Hilfswerk gründete. (Bild: pd)

Der Kinofilm «Akte Grüninger». Greise KZ-Wärter, die vor die Richter müssen. Hitlers Brandrede vor 75 Jahren gegen die Juden. Der Zweite Weltkrieg, 1939 bis 1945, ist derzeit ein hochaktuelles Thema.

Rudolf Passian aus Kriens feiert heute seinen 90. Geburtstag. Er hat diesen furchtbaren Krieg mit seinen 65 Millionen Toten am eigenen Leib erlebt. Allerdings nicht aus der «klassischen» Opferperspektive. Vielmehr musste er für die Nationalsozialisten in den Krieg ziehen – ohne deren Ideologie geteilt zu haben. Was der Experte für Parapsychologie seither alles an Gutem und Schlechtem erlebt hat, ist enorm eindrücklich.

 

Der 90-jährige Krienser und gebürtige Tscheche Rudolf Passian kam nach dem Zweiten Weltkrieg ins russische Straflager Bautzen. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Der 90-jährige Krienser und gebürtige Tscheche Rudolf Passian kam nach dem Zweiten Weltkrieg ins russische Straflager Bautzen. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Als 17-Jähriger an die Front geschickt

Rudolf Passian empfängt uns in seiner Wohnung in Kriens. Seit 28 Jahren lebt der eingebürgerte Schweizer mit der Horwerin Evelyne Passian zusammen. Kinder hat das Paar keine. Auf dem Stubentisch liegen alte Fotoalben, diverse Bücher von ihm, Zeitungsartikel. Passian ist geistig in bester Verfassung, spricht ruhig, konzentriert und meist ohne sich Emotionen anmerken zu lassen. «Ich träume noch jede Nacht von dieser schrecklichen Zeit.» Sätze wie dieser lassen aber erahnen, was in dem freundlich und humorvoll auftretenden 90-Jährigen noch immer vorgeht.

Passian stammt aus der tschechischen Region Böhmen. Seine Familie gehört dort zur Minderheit der Sudetendeutschen, der deutschsprachigen Bevölkerung. «Unter uns herrschte grosse Armut», erzählt er. Seine Mutter stirbt bei der Geburt, sein Vater ist Handwerker. 1938, ein Jahr vor Kriegsausbruch, muss die Tschechoslowakei das böhmische Grenzgebiet ans Deutsche Reich abtreten. «Dann wurde ich in die Hitlerjugend eingezogen, musste erst Reichsarbeitsdienst leisten. 1941 schliesslich, als 17-Jähriger, musste ich in den Krieg ziehen», erinnert sich Passian. Das sei zwar schlimm gewesen, aber nicht so schlimm, wie wenn er nach Russland verlegt worden wäre. «Denn Russland galt als sehr grausam.»

Von Schiffsgeschütz erwischt

1944 wird seine Einheit nach Frankreich in die Normandie verlegt. Kaum dort angelangt, landen die alliierten Streitkräfte unter Führung der Amerikaner. «Noch bevors richtig losging, hat mich ein Schiffsgeschütz böse erwischt und meine ganz linke Seite zerfetzt», erzählt Passian. «Da gabs kaum medizinische Hilfe, ich lag in meinem Blut und hab stundenlang geschrien, wäre fast gestorben.» Gegen die Amputation seines Armes kann er sich noch wehren, sein Bein aber muss abgetrennt werden. Unter Bombenhagel wird er zurück nach Böhmen transportiert, wo er eine Prothese erhält. 1945 schliesslich bricht alles zusammen, das Deutsche Reich kapituliert.

«Das war im ersten Augenblick niederschmetternd für uns», gesteht Rudolf Passian emotionslos. «Wir wussten ja gar nicht, was in Deutschland alles geschah, sondern glaubten Hitlers Propaganda.» Erst mit der Zeit habe man realisiert, was etwa in Sachen Konzentrationslager in Deutschland genau passierte war. «Da waren wir natürlich erschüttert und haben uns geschämt.»

25 Jahre Haft – wegen eines Witzes

Viel Zeit zum Nachdenken bleibt ihm jedoch nicht. «Nach dem Krieg wurden wir Sudetendeutsche sofort aus Böhmen, das wieder der Tschechoslowakei zugesprochen wurde, vertrieben. 3,5 Millionen von uns wurden in Viehwaggons abgeschoben.» Passian und seine Eltern – sein Vater hatte zuvor nochmals geheiratet – werden zwar nach Deutschland versetzt. «Allerdings kamen wir nicht wie versprochen in die von den USA, sondern in die von den Sowjets besetzte Zone. Das war mein Pech.»

Das Pech sah so aus: 1948 verhaftet ihn die Polizei und fährt den völlig ahnungslosen 24-Jährigen zu den Russen. «Dann wars aus.» Die Besatzer werfen dem Invaliden zuerst vor, er sei ein amerikanischer Spion; später, er habe antisowjetische Propaganda betrieben. «Sie haben mich wochenlang eingesperrt, ich konnte mich nie verteidigen, hab gehungert wie wahnsinnig.» Das Urteil ist ein Schock. Passian wird zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt. «Das war, als ob man im Dunkeln einen Steg entlangläuft, und plötzlich bricht hinter einem alles weg.» Erst später erfährt er die Begründung. Die Polizei fand bei ihm einen Zettel mit Witzen, etwa über Lenin. Ein Spitzel hatte gepetzt. «Ich konnte mir Witze nie merken und wollte diese bei Gelegenheit mal erzählen», so Passian schulterzuckend.

Fluchtversuch aus «Gelbem Elend»

Verfrachtet wird Passian in die berüchtigte Strafanstalt Bautzen in Ostsachsen. Wegen der gelben Fassade auch «Gelbes Elend» genannt, diente die Anstalt während des Krieges den Nazis als Spezialgefängnis für politische Gegner. Ab 1945 inhaftierte dort die sowjetische Besatzungsmacht vorab Nazis oder Mitglieder der Hitlerjugend. Jeder Dritte kam ums Leben. «Das war eine wahnsinnige Zeit. Wir litten irrsinnig Hunger und waren völlig abgeschieden von der Welt.» Einmal muss er für drei Wochen in einen Raubtierkäfig – als Strafe für einen missglückten Fluchtversuch. «Wir Invalide waren in einem Lager ausserhalb des Gefängnisses inhaftiert. Von dort aus gruben wir einen Tunnel unter den Stacheldrahtzäunen hindurch. Der Erste, der rauskam, rannte jedoch gleich los, anstatt zu warten, und wurde sofort erschossen.»

Passian erkrankt schwer. Der Tod scheint unausweichlich. «Da sagte ich einem Freund: Wenns den Herrgott gibt, dann müsste er doch sehen, wies mir geht. Zwei Tage später, 1955, war ich frei. Nach sieben Jahren Haft. Sonst wäre ich dort eingegangen.» Grund für die Freilassung war ein Gnadengesuch seiner ebenfalls schwer kranken Stiefmutter. «Das war wie ein Märchen, wie ... das lässt sich fast nicht beschreiben.»

2006 rehabilitiert ihn Russland, er sei unschuldig verurteilt worden. Passian hebt für einmal seine Stimme: «Stellen Sie sich das mal vor: Ausgerechnet die Russen zeigten diese Grösse!»

Operationen ohne Betäubung

Nach der Freilassung kann er nach Westdeutschland fliehen, heiratet, das Paar kriegt drei Kinder. Und Passian beschäftigt sich fortan intensiv mit Parapsychologie, Sterbeforschung, Spiritismus und Trance-Chirurgie. «Da ich so viel mit dem Tod konfrontiert wurde, wollte ich wissen, was es damit auf sich hat.»

25 Jahre lang liest er alles darüber, reist in der Welt umher. Oft ist er bei Indianern in Brasilien, wo er ein Hilfswerk gründet, trifft gute und schlechte Heiler, dokumentiert übernatürliche Begebenheiten, hält in Deutschland und der Schweiz Seminare. «Ich habe mich auch mehrmals von in Trance gesetzten, nicht medizinisch geschulten Personen operieren lassen. Ohne Anästhesie.» Etwa an der Prostata, an der Bandscheibe und wegen Nierensteinen. Es sei unglaublich, wie diese ungebildeten Leute in Trance plötzlich zu Medizinern würden. «Da äussert sich eine andere Person in deren Körper», ist Passian überzeugt. Das zwinge einen doch zur Korrektur bestehender Ansichten. Heute ist er sicher: Der Tod ist kein Ende, sondern eine Wende. «Wir verlassen unseren Körper und setzen unser Leben ausserhalb unseres Körpers fort.»

Keine Angst vor dem Tod

Seine zweite Frau Evelyne lernt Rudolf Passian an einem Seminar in Luzern kennen, nach dem Tod seiner ersten Frau. Über ihre erste Begegnung kann das Paar noch heute herzlich lachen. Überhaupt fällt auf, dass sich Passian kaum Verbitterung, Hass, Wut oder Scham anmerken lässt. Aber wenns um seine Frau geht, berührt ihn das sehr. So antwortet er auf die Frage, ob er keine Angst vor dem Tode hat, zwar gelassen mit Nein. Fügt dann jedoch mit zittriger Stimme und feuchten Augen hinzu: «Aber ich möchte noch ein bisschen bleiben. Denn meine Frau ist für mich wie ... wie ein Engel. So was Liebes!»

Die «Akte Grüninger» will sich Passian nicht anschauen. Auch verfolgt er die wieder aufflammende Diskussion um den Zweiten Weltkrieg kaum. «Ich bin oft müde und konzentriere meine verbliebenen Kräfte lieber auf das Schöne im Leben.»