KRIENS: Künstler Bruno Murer: «Die Wirklichkeit ist nicht fassbar»

Der Künstler Bruno Murer erhält den Kulturpreis der Gemeinde Kriens. Diese würdigt damit sein Schaffen, welches sich mit der Wahrnehmung und dem Alltag beschäftigt.

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Kulturpreisträger Bruno Murer (68) in seinem Atelier in Alpnach. (Bild: Corinne Glanzmann (11. September 2017))

Kulturpreisträger Bruno Murer (68) in seinem Atelier in Alpnach. (Bild: Corinne Glanzmann (11. September 2017))

Wenn Bruno Murer (68) von seiner Leidenschaft, der Kunst, spricht, leuchten seine klaren blauen Augen, und in seiner Stimme ist zu hören, wie existenziell wichtig sie ihm ist. «Zeichnen, Malen, Skulpturen. Das sind für mich die archaischsten Kunstformen», begründet er die Wahl seiner Medien. Für sein Schaffen erhält der Künstler nun den Krienser Kulturpreis 2017.

Zentral in Bruno Murers Kunst ist die Wahrnehmung der Realität und deren Grenzen. «Ich beobachte das Alltägliche. Zum Beispiel mein Weg mit dem Velo von Kriens in mein Atelier in Alp­nach: Ich erlebe die Jahreszeiten, die Tageszeiten, das Wetter, die Autobahn. Das ist eine gute Übung fürs Schauen», sagt er.

Mehr als nur ein Betrachter von aussen

Dass sich Murer so intensiv mit dem Raum, dem Lebensraum, beschäftigt, ist kein Zufall. Denn ursprünglich ist der Krienser ausgebildeter Vermessungsingenieur. «Meine Motivation ist die Neugier auf die Welt, in der wir leben. Ich interessiere mich für die Lebensproblematik und die Lebenskonzentration», führt er aus. Doch Bruno Murer integriert auch sich als Künstler, als Betrachter in das Bild – aus mehreren Perspektiven gleichzeitig. «Ein Bild zeigt immer auch den Standpunkt des Betrachters».

Die Aufgabe eines Künstlers sei, autonom und autark zu sein. Kleine Elemente der Wirklichkeit sollen in einen Kontext gestellt werden. Kunst als die Beschäftigung mit der Räumlichkeit und Körperlichkeit. «Das sieht man zum Beispiel an Höhlenmale­reien. Hier haben unsere Vorfahren im Fels Strukturen gesehen, die sie an ein Tier erinnert haben. Und mit ihrer Malerei haben sie so diese beiden Aspekte miteinander verbunden», erklärt er.

Die Wahrnehmung fasziniert Murer im Allgemeinen: So hat er sich in seinem Schaffen bereits mit dem Gesichtsfeld und dem ersten Blick, sprich dem ersten Lidschlag, auseinandergesetzt. «Ich habe mich als eine Art blinder Passagier einer Filmcrew angeschlossen und habe im Neat-Stollen im Dunkeln gezeichnet», erzählt er. Doch so sehr er sich auch mit dem Raum befasst, so sehr er mehrere Perspektiven einnimmt oder Details beobachtet, ist er überzeugt: «Die Wirklichkeit ist nicht fassbar.»

Obwohl Bruno Murer schon in Paris oder New York gelebt hat, braucht er diese Umgebung nicht für seine Kunst. «Mich interessiert der Rand, der Übergang zwischen Natur und Stadt. In New York habe ich das in den Vororten gefunden. Aber diesen Rand finde ich auch hier. Freitags ist mein Bergtag, da bin ich oft im Pilatusgebiet unterwegs. Auch hier: Auf der einen Seite ein Berg mit all seinen Gefahren, auf der anderen Seite die Touristen, die den Berg in ihren Alltagskleidern besuchen», beschreibt er den Rand, mit dem er sich auch in der Literatur beschäftigt – lesend und anschliessend selber schreibend und zeichnend.

«Das Laufen war mir wichtiger»

Von seinem Publikum wünscht sich Murer eine Sensibilität, eine Konzentration auf das Leben­dige. Was er damit meint, erklärt er an einem Beispiel: «Ich hätte die Möglichkeit gehabt, in Luzern dem Künstler Joseph Beuys zu begegnen. Doch es war ein wunderschöner Wintertag. Da war mir das Laufen in der Landschaft wichtiger als Beuys».

Wer seine Umgebung so intensiv wahrnimmt wie Murer, bleibt gerne an einem Ort: «Ich reise nicht gern. Wenn, dann reise ich langsam, zum Beispiel per Frachtschiff, wie auf meiner Reise nach New York damals.» Nicht der Weg sei das Ziel, sondern das Dasein. Murer geht es um die Totalität des Lebensradius. «Der Künstler muss Widerstand leisten», findet er. So, wie wenn er bei 25 Grad unter null auf einem Schiff draussen zeichne.

Nun erhält Murer den mit 5000 Franken dotierten Krienser Kulturpreis. «Die Kraft seines Schaffens verlangt Aufmerksamkeit und Auseinandersetzung und macht, dass sein Werk relevant und ein Betrag zu den gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit ist», begründet die Gemeinde die Wahl. Murer freue sich sehr über den Preis – nicht nur, weil es toll sei, dass eine Gemeinde Geld für so einen Preis zur Verfügung stelle, sondern auch, weil «es schön ist, dass man diesen Respekt an seinem Wohnort bekommt».

Natalie Ehrenzweig

region@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Die Preisverleihung findet am Sonntag, 12. November, um 11 Uhr im Museum Bellpark statt.