KRIENS: Nach Ausschreitungen: Jugendliche Asylsuchende verlangen runden Tisch

Die minderjährigen Asylsuchenden entschuldigen sich für die Randale. Geld sei nicht der alleinige Auslöser gewesen, sagen sie – und wünschen sich eine konstantere Betreuung.
Eröffnung des Asylzentrum Grosshof Fotografiert am 24. November 2017 in Kriens ( Nadia Schärli / Luzernerzeitung ) (Bild: Nadia Schärli (Kriens, 24. November 2017))

Eröffnung des Asylzentrum Grosshof Fotografiert am 24. November 2017 in Kriens ( Nadia Schärli / Luzernerzeitung ) (Bild: Nadia Schärli (Kriens, 24. November 2017))

«Wir wissen alle, dass Aggression und Zerstörung keine Lösung ist.» Das schreiben die rund 90 minderjährigen Asylsuchenden in einem Brief an Silvia Bolliger. Mit ihrem Schreiben an die Leiterin der Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen des Kantons Luzern beziehen sie sich auf die Randale im Durchgangszentrum Grosshof in Kriens vor rund zehn Tagen (wir berichteten). Grund für die Unruhen war die Kürzung der wirtschaftlichen Sozialhilfe.

Bolliger erklärte gegenüber unserer Zeitung, dass es im Grosshof ein anderes Verpflegungssystem gebe, als es die Jugendlichen von ihren vorherigen Unterkünften gewohnt seien. Für die Unter-16-Jährigen würden alle Mahlzeiten, für die Über-16-Jährigen die Mittagessen zentral bereitgestellt. Da nun Naturalien zur Verfügung stehen, seien die Beiträge gekürzt worden. Rund 20 der insgesamt 90 Jugendlichen waren in die Unruhen involviert, weshalb die Luzerner Polizei gleich zweimal mit mehreren Patrouillen ausrücken musste.

«Gute Freunde sind für uns das Wichtigste»

Zurück zur Ursache der Randale: Geld sei nur ein Aspekt, schreiben die Asylsuchenden jetzt. Sie seien vor allem unzufrieden, weil stets über ihre Köpfe hinweg entschieden würde. «Das gibt ein Gefühl von Ohnmacht», schreiben sie. Ferner stören sich die Teenager an den verschärften Kontrollen. Silvia Bolliger sagt dazu: «Das ist eine Frage der Wahrnehmung. Wir werden das mit den Jugendlichen erörtern.»

Ausserdem monieren die Jugendlichen, dass die Gruppen im Grosshof neu zusammengewürfelt und dadurch bestehende Freundschaften auseinandergerissen wurden. «Gute Freunde sind für uns das Wichtigste. Wir haben keine Eltern oder Geschwister, mit denen wir zusammenleben können. Wem sollen wir vertrauen?», fragen die Teenies Silvia Bolliger.

Die Dienststellenleiterin will nicht über die Medien mit den Jugendlichen kommunizieren. Sie bestätigt jedoch, dass im Grosshof «Ende November sowohl die Jugendlichen als auch die Betreuer zusammengeführt» wurden. «Das hat zur Vergrösserung des Betreuungsteams geführt. Für einige Jugendliche hat auch die direkte Bezugsperson gewechselt.»

Genau das wird von den Jugendlichen bemängelt. Es fehle die konstante Betreuung und die Zeit für Gespräche. Kurzum: Die minderjährigen Asylsuchenden fühlen sich mehrheitlich alleingelassen. Und genau darum suchen sie das Gespräch mit der zuständigen Stelle. Offenbar mit Erfolg: Man sei daran, einen Termin dafür zu organisieren, sagt Bolliger. Die Jugendlichen hätten bereits am Vortag des ersten Polizeieinsatzes von ihr ein Gesprächsangebot erhalten. Sie wurden aufgefordert, ihre Anliegen vorab schriftlich zu formulieren – was nun mit diesem Schreiben erfolgt sei.

Unterdessen sind fünf Jugendliche untergetaucht

Unserer Zeitung ist zudem bekannt, dass seit den Vorfällen von Mitte Dezember mehrere minderjährige Asylsuchende untergetaucht sind. Es handle sich um fünf Jugendliche, bestätigt Silvia Bolliger. Wo diese sich derzeit aufhalten, ist ihr nicht bekannt. Die abgängigen Personen würden jeweils der Polizei gemeldet. Könne man sie aufgreifen, würden sie hierher zurückgeführt.

Bei den Randalen hatten die Jugendlichen Sachschaden verursacht, indem sie Bänke und Tische umschmissen und eine Scheibe einschlugen. Ausserdem bewarfen sie die Polizisten mit Steinen. Gewalt und Drohungen gegen Behörden ist ein Offizial­delikt, das von Amtes wegen verfolgt werden muss. Die Rädelsführer wurden nach dem ersten Vorfall in andere Asylzentren gebracht.

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch

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