KRIENS: Sein Hass richtete sich gegen die Diktatoren

Weder religiöser Aufwiegler noch Schmuggler: Das Bundesstrafgericht hat den Krienser «Kurzzeitimam» Abdulrahman O. nun freigesprochen.

Thomas Heer
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Das Bundesstrafgericht in Bellinzona. (Archivbild / KEYSTONE/TI-PRESS/Samuel Golay)

Das Bundesstrafgericht in Bellinzona. (Archivbild / KEYSTONE/TI-PRESS/Samuel Golay)

Gross war der Wirbel, als im vergangenen Winter via Medien verbreitet wurde, dass der damals in Nidwalden lebende Iraker Abdulrahman O. in der Krienser Dar-Assalam-Moschee radikale islamische Botschaften verbreitet haben soll. Auch deshalb erhob die Schweizer Bundesanwaltschaft gegen den Wahl-Hergiswiler und drei weitere Iraker Anklage. Es ging um mutmassliche Tätigkeiten im Umfeld des Islamischen Staates (IS). Wie unserer Zeitung bereits gestern berichtete, verurteilte das Bundesstrafgericht drei der vier Angeklagten zu langjährigen Freiheitsstrafen. In zwei Fällen sind das vier Jahre und acht Monate. Ein Mann wurde mit drei Jahren und sechs Monaten bestraft. Freigesprochen wurde hingegen Abdulrahman O.

Hass richtete sich gegen Assad

Wie konnte es so weit kommen? Bei Abdulrahman fanden die Ermittler handgeschriebene Predigten. Sein Anwalt Daniel Schütz sagt: «Einzelne Textstellen wurden aus dem Zusammenhang gerissen. Daraus kann man konstruieren, dass sich die Aversion meines Mandanten gegen den Westen richtet.» Werde hingegen die ganze Predigt gelesen, so Schütz, sei klar herauszulesen, dass sich die Wut seines Klienten gegen die Diktatoren im arabischen Raum richte. Das komme in Sätzen wie «Baschar, du wirst in der Hölle schmoren» klar hervor. Mit Baschar ist natürlich Syriens Gewaltherrscher Baschar el Assad gemeint.

Aber wie oft – wenn überhaupt – predigte Abdulrahman eigentlich in Kriens? Das ist schwierig zu beantworten. Im vergangenen Dezember konfrontierte die «Zentralschweiz am Sonntag» den Präsidenten des Dar-Assalam-Vereins genau mit dieser Frage. Der Präsident bekundete in einer schriftlichen Mitteilung, dass besagter Imam genau einmal in der Krienser Moschee gepredigt habe, und zwar sei das im Jahr 2010 der Fall gewesen.

Keine Beweise für Türkei-Reise

Die Bundesanwaltschaft warf Abdulrahman auch vor, den IS darin unterstützt zu haben, indem der Beschuldigte von der Türkei aus Funkgeräte ins nordsyrische Aleppo geschmuggelt habe. Schütz sagt: «Dieser Vorwurf konnte in keiner Art und Weise belegt werden. Es gibt keine Anhaltspunkte aus der Türkei, die das beweisen.» Vielmehr gelang es Schütz offenbar, zu belegen, dass sich sein Mandant zu jener Zeit, als er angeblich Funkgeräte hätte schmuggeln sollen, in der Schweiz aufhielt.

Ein weiterer Vorwurf, der im Zusammenhang von Abdulrahman im Raum stand, lautete: Dieser habe eine problematische Facebook-Seite betrieben, über die es zu Kontakten mit dem IS-Umfeld gekommen sein soll. Diese Anschuldigung traf zwar auf einen jener drei Iraker zu, die zu Freiheitsstrafen verurteilt wurden, nicht aber auf Abdulrahman.

Er wollte seinen Schwager schützen

Beim besagten Facebook-Nutzer handelt es sich um Abdulrahmans Schwager. Als dieser bereits hinter Gittern sass, legte der Mandant von Schütz selber Hand an und löschte die Kontakte. Schütz sagt: «Das tat mein Mandant, um seinen Schwager zu schützen.»

Thomas Heer