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KRIENS: Sie träumte von einem Leben in Freiheit

20 Jahre Gefängnis für seine abscheuliche Tat: Vor dem Luzerner Kriminalgericht drehte sich am Freitag alles um den Täter des «Ehrenmords» von Kriens. Die Geschichte des Opfers ging darob fast vergessen.
Ort der schrecklichen Tat. Das Wohnhaus inmitten von Kriens. (Bild Lena Berger (22. August, Kriens))

Ort der schrecklichen Tat. Das Wohnhaus inmitten von Kriens. (Bild Lena Berger (22. August, Kriens))

Es ist ein Fall, der kaum jemanden kalt lässt. Eine junge Mutter wird mitten in Kriens in Anwesenheit ihrer beiden kleinen Kinder auf brutale Art und Weise umgebracht. Ihr Ehemann, der Vater der Kinder, ist nun zu einer Gefängnisstrafe von 20 Jahren verurteilt worden (Ausgabe vom 26. August). Der Fall ist abgeschlossen. Und doch hallt er noch nach.

Was war das für eine Frau, die hier 2014 ihr Leben lassen musste? In der Gerichtsverhandlung stand ihr gewaltsamer Tod und das Leben ihres Mörders im Fokus. Ihre eigene Geschichte fand kaum Erwähnung.

Cousin und Cousine

Das Mädchen wird Anfang der 90er- Jahre in Syrien geboren. Ihren späteren Ehemann kennt sie seit ihrer Geburt, denn er ist ihr Cousin. 2005 zieht dieser nach Griechenland, wo er unter einem falschen Namen Asyl beantragt. Drei Jahre später beschliessen die Eltern der beiden und ihre gemeinsame Grossmutter, dass die inzwischen 15-Jährige ihren 17 Jahre älteren Verwandten heiraten soll. Im Sommer reist das Mädchen in Begleitung ihres Bruders nach Griechenland, wo sie im Beisein von Verwandten nach dem Brauch ihrer Heimat vermählt werden. Sie heiraten aus familiärem Zwang, nicht aus Liebe.

Ein Jahr später bringt die inzwischen 16-Jährige einen Sohn zur Welt, 2011 folgt ein zweites Kind. Wenige Wochen darauf bricht in Syrien der Krieg aus. An eine Rückkehr ist nicht mehr zu denken. Der Ehemann veranlasst, dass seine Frau mit den Kindern per Flugzeug nach Mailand fliegt. Einen Tag später gelangt sie mit Hilfe eines Schleppers in die Schweiz, wo sie einen Asylantrag stellt. Der Ehemann lebt weiter in Griechenland, offenbar bei seiner Freundin. Ende März 2013 wird er dort verhaftet. Die Behörden gehen davon aus, dass er sich selber als Schlepper betätigte.

Die junge Frau befindet sich zu der Zeit im Asylzentrum Hitzkirch und ist ganz auf sich allein gestellt. Mit der Betreuung der beiden Kinder ist sie überfordert, sie macht ihrem Mann Vorwürfe, dass er sie im Stich gelassen habe. Die Situation ändert sich jedoch, als sie einen jungen Syrer kennen lernt. Sie verliebt sich und will mit ihm ihr weiteres Leben verbringen. In Horw hat sie erstmals in ihrem Leben einen eigenen Wohnsitz. Sie sucht den Kontakt zu ihren Verwandten in der Region und beginnt wieder Fuss zu fassen und ihre neue Freiheit zu geniessen. Ihrem Ehemann teilt sie mit, dass er nicht kommen solle.

Sie wurde eine Gefangene im eigenen Haus

Doch nach seinem Gefängnisaufenthalt hat der Ehemann genug von Griechenland. Im November 2011 reist er mit Hilfe eines Schleppers von Rom her mit gefälschten Papieren in die Schweiz ein. Er stellt einen Asylantrag. Im Empfangszentrum angekommen, sucht er umgehend den Kontakt zu seiner Ehefrau. Diese fürchtet um ihre Freiheit und das erneute zwangsweise Zusammensein mit einem Mann, den sie nicht liebt. Sie und ihr Freund suchen bei der Caritas Rat und versuchen darauf hinzuwirken, dass der Ehemann nicht dem Kanton Luzern als Asylbewerber zugewiesen wird. Vergebens. Eines Tages steht er vor ihrer Tür.

Er merkt, dass sie sich verändert hat, und stellt sie zur Rede. Als sie ihm ihre neue Beziehung gesteht, schlägt und bedroht er sie, wie sie gegenüber einer Caritas-Mitarbeiterin erzählt. Er bleibt in der Wohnung, obwohl die für das Asylwesen zuständige Caritas ein nächtliches Hausverbot verhängt. Mehrfach hat er mit ihr – angeblich einvernehmlichen – Geschlechtsverkehr. Die junge Frau wird zur Gefangenen im eigenen Haus. Ende 2013 bleibt bei ihr dann die Menstruation aus. Von wem sie schwanger ist, bleibt unklar. Auf Druck der Familie lässt sie das Kind im Januar 2014 abtreiben.

Schliesslich wird der Druck zu gross. Sie zieht – unter Vermittlung der Caritas – zu ihrem Onkel nach Kriens. Ihre Kinder muss sie zurücklassen. Der Ehemann lässt nicht zu, dass sie die Buben mitnimmt. Er will sich aber auch nicht selbst um die Kinder kümmern. Er denkt darüber nach, sie zu seinem Bruder nach Syrien zu schicken.

Am 20. Januar 2014 dringt er schliesslich ohne das Einverständnis seiner Frau in die Wohnung des Onkels ein – zusammen mit den Kindern. Er zerrt die Frau ins Kinderzimmer und schliesst die Tür. Dann rammt er ihr ohne zu zögern ein Messer in den Hals. Er attackiert sie mehrfach und lässt erst von ihr ab, als er sicher sein kann, dass sie tot ist.

Die junge Frau wohnte drei Jahre in der Region. Anfangs fühlte sie sich fremd in der westlichen Welt. Als sie Gefallen daran entwickelte, ein selbstständiges Leben zu führen, wurde ihr dieses auf grausame Art und Weise genommen. Das ist, was diesen Fall so tragisch macht.

Lena Berger

lena.berger@luzernerzeitung.ch

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