KRIMI: Aus für Luzerner «Tatort»: Kult-Kommissare wären sie nie geworden

In seinen bald neun Jahren auf Sendung hatte der Luzerner «Tatort» mit einigen Imageproblemen zu kämpfen. Auch hinsichtlich der rhetorischen Fähigkeiten seiner Komissare vermochten die Schweizer Krimifolgen nie richtig zu überzeugen.

Julia Stephan
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Ausschnitt aus dem sechsten Luzerner «Tatort». Die Ermittler befragen eine Frau aus dem Umfeld von Donna. (Bild: SRF)

Ausschnitt aus dem sechsten Luzerner «Tatort». Die Ermittler befragen eine Frau aus dem Umfeld von Donna. (Bild: SRF)

Mit neun Dienstjahren werden es die Luzerner Tatort-Kommissare Reto Flückiger und Liz Ritschard trotz der vielen medialen Häme eine ordentliche Weile in ihrem Job ausgehalten haben. Den Status von Kultkommissaren, wie sie das Münsteraner Team besitzt, hätten sie wahrscheinlich auch bis zur Pensionierung nie erreicht. Das lag weniger an den Schauspielern als am Drehbuch. Wo man in Österreich und Deutschland im Zank rhetorisch gewieft die Messer wetzte, war das Verhältnis zwischen Ritschard und Flückiger schon zu Beginn von einer tiefschweizerischen Konsensorientierung geprägt gewesen. Ein rhetorisches Feuerwerk liess sich da selten entzünden. Dialoge wie «Und jetzt?» – «Sind wir am Arsch.» waren leider keine Seltenheit.

Dabei hat das Schweizer Fernsehen einiges probiert, um den Imageschaden zu beheben, der dadurch entstand, dass man in der ersten Folge versuchte, wie eine amerikanische Krimiserie rüberzukommen. Sofia Milos, Ex-Star der US-Serie «CSI: Miami» wurde schon nach der ersten Folge durch die schweizerisch wirkende Delia Mayer ersetzt. Die heiligen Kühe der Tourismusindustrie hatte man nach einiger Zeit zu Gunsten einer ehrlicheren Stadtansicht Luzerns geschlachtet. Nach anfänglichem Kuhgebimmel – der erste Luzerner Tatort war dem SRF so peinlich, dass man ihm nachträglich eine Kuhglockenszene herausoperierte – wurde man ehrlicher, zeigte mehr vom Luzerner Nebel.

Weiter an Profil gewann das Format überdies, indem man viele der blassen Nebenfiguren wegsparte und so das Kommissariat verschlankte. In den letzten Folgen hatte zudem die Einführung von Gubsers Liebschaft mit einer verheirateten Frau dem Luzerner Tatort, in dem Privates lange Privatsache blieb, eine neue Facette gegeben – ohne den Fehler deutscher «Tatort»-Formate zu begehen, die ihre Sendezeit nur noch mit dem Seelenmüll ihrer Darsteller bestreiten.

Warum nach so vielen Weichenstellungen jetzt die Vollbremsung? Deutschlands «Tatort»-Experte François Werner vom Online-Portal Tatort-Fundus.de vermutet eine Orientierungslosigkeit beim Redaktionsteam. «Wahrscheinlich war man sich grundsätzlich nicht mehr darüber einig, wohin man möchte. So etwas überträgt sich dann oft auf die Darsteller. Also hat man die komplette Erneuerung gesucht und irgendwann einfach den Reset-Knopf gedrückt.»

Er sagt das nicht ohne Bedauern. Erst 2015 hatte Luzern mit einer Folge über einen Scharfschützen im deutschen Feuilleton Begeisterungswellen ausgelöst. Auf Tatort-Fundus.de rangiert «Ihr werdet gerichtet» immer noch auf Platz 47 der «Tatort»-Bestenliste. Dass es ausgerechnet dieser Tatort wegen seiner Gewaltdarstellungen nicht in eine deutsche DVD-Box geschafft hat, wirkt angesichts der oft harmlosen Luzerner Fälle wie ein schlechter Witz.

Die weiblichen Fans werden den so attraktiven wie bodenständigen Reto Flückiger bestimmt vermissen. In Erinnerung bleiben wird Stefan Gubser auch wegen seiner Rolle im Hintergrund. Er war es, der das Format nach dem Ende des Berner Tatorts im Jahr 2001 nach einem Jahrzehnt Pause wieder in die Schweiz holte. Mit seiner Produktionsfirma Tellfilm, die den ersten Luzerner Tatort mitproduzierte, war er aktiv auf das Schweizer Fernsehen zugegangen.

«Über die Art meines Abgangs werde ich mitreden dürfen», sagt Gubser auf Anfrage. Ein Heldentod wäre ihm sicher zu klischiert. Wünschen würde man ihm eine Aussteigerkarriere. Zum Beispiel als Restaurator alter Segelboote.

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch